Kino

KOMMENTAR: Hollywood in Aufruhr

Die Coronakrise stellt die Welt des Films auf den Kopf. Immer neue Lockdowns bedrohen die Kinos in ihrer Existenz. Und eherne Auswertungsregeln werden Schall und Rauch.

10.12.2020 07:36 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Die Coronakrise stellt die Welt des Films auf den Kopf. Immer neue Lockdowns bedrohen die Kinos in ihrer Existenz. Und eherne Auswertungsregeln werden Schall und Rauch. WarnerMedias Plan, das komplette Line-Up 2021 in den USA gleichzeitig im Kino und im Streamingdienst zu starten, versetzt ganz Hollywood in Aufruhr. Dabei war das Studio bis vor kurzem der Liebling der Branche, weil es in der schlimmsten Krise mit Christopher Nolans Tenet" den lang ersehnten Blockbuster weltweit ins Kino brachte. Derselbe Christopher Nolan ist es nun, der in geharnischten Worten die Entscheidung attackiert. Man würde plötzlich nicht mehr für "das großartigste Filmstudio" arbeiten, sondern "für den schlechtesten Streamingservice". Dabei sah der neue Verwertungsplan in der Covid19-geplagten Welt wie eine "Win-Win-Win-Situation" aus, die der oberste Boss der Studiochefs, der CEO von Telekomgigant und Konzernmutter AT&T, John Stankey, nicht müde wird zu preisen. Die Studiofilme, die bald im Wert von zwei Milliarden Dollar auf Halde liegen, können ihre Premiere feiern, die Kinos können planen, werden zuverlässig mit Premiumprodukt versorgt und verfügen über die Filme nach einem Monat wieder exklusiv, und AT&Ts Vorzeigeprojekt, der Streamingdienst HBOMax, könnte schlagartig mehr als die bisher etwas über zwölf Mio. Abonnenten werben. Im Blick hat Stankey die 166 Mio. AT&T-Kunden, mit denen er mit den 195 Mio. Netflix- und den 70 Mio. Disney+-Subskribenten konkurrieren will.

Warner Bros gilt seit vielen Jahren als das Talent-freundlichste Studio Hollywoods, Künstler wie Stanley Kubrick, Clint Eastwood oder eben Christopher Nolan werden dort gehegt und gepflegt. Neben Warner haben auch Disney und Universal neue Wege in der Verwertung ihrer Filme in der Krise gesucht und versuchsweise gefunden. Dass das exklusive Kinofenster nicht nur in den USA zum Relikt zu werden droht, weiß die Branche, seit Player wie Netflix ihre großen "Kinofilme" nur mit kleinem Vorlauf ins Kino bringen - und dafür von der jetzt schwer angeschlagenen Kinobranche befehdet wurden. Die geplanten Day-and-Date-Starts bringen aber auch die Regeln ins Wanken, nach denen Boxoffice-Erfolge neue Zahlungen an die Produzenten und das Talent nach sich ziehen. Deren Agenten und Anwälte wetzen nun schon die Messer. Hierzulande könnte man sich in dem Wissen gelassen zurücklehnen, dass HBOMax in Europa noch nicht operiert und WarnerMedias Plan nur für ein Jahr gilt und danach alles wieder zurück auf "Normal" geht. Aber erstens haben die Kinos hierzulande schon genug andere Sorgen. Sie müssten erst einmal wieder aufsperren dürfen, um überhaupt zu überleben. Und zweitens ahnen wir alle, dass sich gerade ein neues "Normal" etabliert, das den Kinos trotzdem eine Zukunft lassen wird, wenn es das Virus endlich auch tut.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur