Kino

"Wir halten durch, weil wir an uns glauben!"

Die Kinobranche steht laut der HDF-Vorsitzenden Christine Berg förmlich am Abgrund. Und doch will sie die Hoffnung längst nicht begraben. Warum, verrät sie im Interview.

08.12.2020 10:55 • von Marc Mensch
Christine Berg ist seit August 2019 Vorstandsvorsitzende des HDF Kino. Über die Hälfte ihrer Amtszeit fiel bislang in die Zeit der größten Krise, die das Kino in seiner 125-jährigen Geschichte durchstehen musste. (Bild: Mike Auerbach/HDF Kino)

Für die deutsche Kinobranche markiert das Jahresende 2020 einen neuerlichen Höhepunkt der Krise - ohne klare Perspektiven auf eine Wiedereröffnung jenseits der Hoffnung auf baldigen Impfbeginn. Versprochene Hilfen lassen unterdessen auf sich warten oder klammern wesentliche Teile der Branche aus - und in den USA wird die Filmauswertung auf den Kopf gestellt. Wie ernst die Lage ist und weshalb es dennoch Hoffnung gibt, schildert die Vorstandsvorsitzende des HDF Kino, Christine Berg.

BLICKPUNKT: FILM: Es kam, wie es vermutlich kommen musste: Kurz nachdem wir uns zum Gespräch über den bis 20. Dezember verlängerten Lockdown verabredet hatten, wurde die Ausweitung bis 10. Januar verkündet. Wie tief sitzt der Schock?

CHRISTINE BERG: Es ist ein Schock, keine Frage. Aber wenn man ehrlich ist, kam er mit Ansage. Bayern und Berlin hatten ja bereits angekündigt, dass es dort in diesem Jahr zu keinen entsprechenden Lockerungen mehr kommen wird, vor allem Berlins Bürgermeister Michael Müller hat nicht den geringsten Zweifel daran gelassen, dass vor Januar nicht an Veranstaltungen zu denken sein wird. Angesichts der nicht in den Griff bekommenen Infektionszahlen stand zu befürchten, dass andere Bundesländer nachziehen - zumal ja auch die Kanzlerin schon offen vom Januar gesprochen hatte. Insofern waren wir wenigstens vorgewarnt...

BF: Einen zumindest partiellen Ausweg könnten Sonderregeln in Ländern bieten, die den kritischen Inzidenzwert unterschreiten. Sehen Sie darin eher den Vorteil für die dortigen Kinos oder die Probleme, die ein sprichwörtlicher Flickenteppich schafft?

CHRISTINE BERG: In der Situation, in der wir uns befinden, kann ich nur sagen: Alles, was Kinos nützt - und seien es auch nur wenige - ist erst einmal positiv. Mittlerweile steht ja leider fest, dass das Ausscheren einzelner Länder die letzte Chance auf Kinovorstellungen in diesem Jahr ist. Wobei sich natürlich die Frage stellt, inwieweit sich ein Betrieb ohne Neustarts dann lohnen kann. Nach dem ersten Lockdown hat sich gezeigt, dass erst mit flächendeckend geöffneten Kinos und entsprechender Filmversorgung wieder Schwung in den Markt kam. Da müssen wir hin, alles andere ist nur eine Krücke, wenngleich diese Einzelnen hoffentlich hilft. Grundsätzlich fürchte ich, dass wir trotz der generellen Verlängerung des Lockdowns erneut auf den Flickenteppich aus unterschiedlichen Wiedereröffnungszeitpunkten und unterschiedlichen Rahmenbedingungen zusteuern. Das ist alles andere als hilfreich.

BF: Eine Erkenntnis aus der ersten Wiedereröffnungsphase?

CHRISTINE BERG: Absolut, wobei diese nur bestätigte, was abzusehen war. Wie also gehen wir mit der Situation um? Realistisch betrachtet, werden wir keinen einheitlichen Wiedereröffnungstermin bekommen. Wir müssen es aber - und da setze ich auf den Schulterschluss mit den anderen Verbänden - diesmal hinbekommen, gerade gegenüber den Verleihern einen Termin zu definieren, an dem eine flächendeckende, bundesweite Abspielbasis zur Verfügung steht. Denn das ist der Schlüssel für große Neustarts. Und es ist der Schlüssel zum Publikum, das die Botschaft erreichen muss: Das Kino ist wieder da - und das nicht nur punktuell...

BF: Experten sagen dank der zwischen Weihnachten und Silvester vorgesehenen Lockerungen schon einen erneuten, deutlichen Anstieg der Zahlen voraus. Muss man den Winter schon weit über Mitte Januar hinaus verloren geben?

CHRISTINE BERG: Diese Gefahr besteht natürlich - und sie wäre ein Schreckensszenario. Man muss dazu in aller Deutlichkeit sagen: Wenn lediglich einzelne Branchen zur Eindämmung der Pandemie mit einem Betriebsverbot belegt werden, welches durch solche Lockerungen auch noch erheblich verlängert zu werden droht, dann müssen diese auch in ganz besonderem Maße Unterstützung finden. Das ist aktuell schlicht noch nicht der Fall, dazu sind die Hilfen einfach zu lückenhaft.

BF: In einem Brief sprach der HDF von einem "letzten Stoß in den Abgrund", sollte beschlossen werden, was nun Realität ist. Ist die Situation tatsächlich hoffnungslos?

CHRISTINE BERG: Ich würde nicht sagen hoffnungslos. Schließlich gibt es die absolut begründete Hoffnung, dass es wieder aufwärts geht, wenn diese historische Herausforderung erst einmal überstanden ist. Und sie gründet sich nicht zuletzt auf die enorme Solidarität, die die Kinos seitens ihres Publikums erfahren haben. Aber selbstverständlich blicken wir gerade in einen Abgrund. Wirtschaftlich. Menschlich. Emotional. Die Kinobranche hat lange Monate eines kräftezehrenden Kampfes gegen den Ruin hinter sich - und sieht sich nun wieder in einem Lockdown, dessen Ende nicht wirklich absehbar ist. Wenn jetzt nicht entschieden geholfen wird, dann war der Kampf am Ende umsonst. Mit jedem Tag, den man auf versprochene Hilfen wartet, wächst die Verunsicherung. Und während Kinobetreiber sich weiter mit aller Macht bemühen, Kontakt zu ihrem Publikum zu halten und dabei bewundernswert kreativ zu Werke gehen, fühlen sie sich oft zunehmend alleine gelassen.

BF: Wo kommen Hilfen Ihrem Eindruck nach denn an - und wo nicht?

CHRISTINE BERG: Grundsätzlich erkennen wir seitens der Politik große Bereitschaft, zu helfen. Natürlich gibt es gerade auf Länderebene deutliche Unterschiede beim Engagement, NRW und vor allem Bayern zählen sicherlich zu den Vorreitern. Enorm sind auch die Anstrengungen des BMWi, wo man den Blick darauf richten muss, die gesamte Wirtschaft am Leben zu halten. Tatsächlich ist im Prinzip sehr viel Geld da, um Unterstützung zu leisten. Fatal ist, dass vieles davon bislang nicht ankommt. Soweit es unsere Mitglieder betrifft, sind nur sehr wenige Fälle bekannt, in denen Gelder aus den Überbrückungshilfen II geflossen sind. Was die erst seit Kurzem beantragbaren Novemberhilfen anbelangt, stehen wir ohnehin noch vor einem riesigen Fragezeichen. Zumal wir zunehmend auf bürokratische Hürden stoßen. Nehmen wir nur das Beispiel der auf 800.000 Euro begrenzten Kleinbeihilfen, unter die gleich mehrere Programme fallen: Wer beispielsweise über Staatsbürgschaften abgesicherte KfW-Kredite in Anspruch genommen hat, kann plötzlich von Hilfszahlungen aus anderen Maßnahmen abgeschnitten sein. Besonders gravierend ist aber, dass große Unternehmen regelmäßig komplett außen vor bleiben! Zwar soll nachgesteuert werden, aber noch stehen lediglich Versprechen im Raum. Die Unsicherheit ist enorm - zumal es unfassbar kompliziert geworden ist, das Dickicht der Maßnahmen und ihrer Kriterien zu durchdringen.

BF: Ist die Bereitschaft, nachzubessern auch ein Grund für die Verspätung der sogenannten Billigkeitshilfen, die als "Zukunftsprogramm III" für Oktober in Aussicht gestellt waren?

CHRISTINE BERG: Ja, es soll in der Tat nachgebessert werden, was absolut in unserem Sinne ist. Denn je weniger sich Programme gegenseitig kannibalisieren, desto besser. Wichtig wäre in diesem Zusammenhang, zu einer Betrachtung pro Standort zu kommen, ansonsten werden durch unrealistische Deckelungen größere Unternehmen weiterhin massivst benachteiligt. Soweit wir das überblicken können, sprechen wir dort von Anteilen zwischen gerade einmal fünf und null Prozent, die an aufgelaufenen wirtschaftlichen Schäden über öffentliche Hilfen abgefangen werden konnten. Es geht also um massive Wettbewerbsverzerrung, die am Ende auch eine Bedrohung für die Präsenz des Kinos in der Fläche ist - und die absolut nicht zu rechtfertigen ist. Denn auf die Frage, wen man vor den Folgen der Pandemie schützen will, kann es aus meiner Sicht nur eine Antwort geben: Alle!

BF: Wie steht es um das Zukunftsprogramm II? Es ist zu hören, dass hier kaum Mittel abgerufen worden seien...

CHRISTINE BERG: Dem Programm lagen sehr gute Überlegungen zugrunde, aber die Kriterien haben sich doch als zu unflexibel herausgestellt, was die Definition pandemiebedingter Kosten anbelangt. Gerade die mittleren und großen Unternehmen, die es gezielt adressierte, verfügten ja z.B. in der Regel schon über hochwertige Lüftungsanlagen. Was darüber hinaus an Maßnahmen getroffen wurde, wie die Anschaffung von Desinfektionsmitteln oder Masken, machte angesichts der sonstigen Belastungen erstens nur einen verschwindend geringen Posten aus - und war zudem meist schon umgesetzt, also nicht mehr förderfähig.

BF: Hat der HDF auch die Unterstützung mittelbar von den Kinoschließungen Betroffener im Blick?

CHRISTINE BERG: Ja, gerade mit unseren Partnern im Verleih pflegen wir mittlerweile sehr regen und vertrauensvollen Austausch - und unser Eindruck ist, dass die Kriterien für eine Antragsberechtigung mittelbar Betroffener viel zu hoch und unflexibel gesetzt sind. Das ist etwas, das wir durchaus auch zur Sprache bringen, denn wir sind alle voneinander abhängig. Den Kinos nützt es nichts, wenn sie irgendwann wieder öffnen dürfen und dann zum Beispiel eine krankende Verleihstruktur vorfinden.

BF: Auch wenn der Zeitpunkt der nächsten Wiedereröffnung gerade in den Sternen steht, muss man sich doch weiter Gedanken um die Rahmenbedingungen machen. Gibt es denn Signale, dass sich die makellose Sicherheitsbilanz der Kinos wenigstens an dieser Stelle niederschlagen könnte, wenn es schon nicht reichte, um die erneute Zwangsschließung abzuwenden?

CHRISTINE BERG: Nein, die gibt es leider ganz und gar nicht. Was fatal ist, denn die Zeit muss doch auch genutzt werden, um den Kinos klare Anhaltspunkte zu geben, wie sie sich optimal vorbereiten können. Ehrlich gesagt haben wir den Eindruck, dass sich aktuell niemand in der Politik um das Thema Wiedereröffnungen kümmert - mit Ausnahme von Monika Grütters, die nicht nur den Kontakt mit den Kinos sucht, sondern die auch umgehend Stellung mit der wichtigen Aussage bezogen hat, dass Kulturstätten nicht die Letzten sein dürfen, die aus dem Lockdown entlassen werden. Aber ansonsten gibt es niemanden, an den man sich aktuell wirklich wenden kann.

BF: Die mit Abstand besten Zahlen seit Beginn der Pandemie erreichten die Kinos unmittelbar vor dem Lockdown, als in mehreren Ländern eine Maskenpflicht im Saal bestand und kein neuer US-Blockbuster auf dem Programm stand. Was konnte man an Erfahrungen daraus mitnehmen?

CHRISTINE BERG: Vor allem die Erkenntnis, dass die Leute nach wie vor Lust auf das Kino haben, dass sie es enorm vermissen. Das hat uns sehr aufgebaut. Bezüglich des Tragens einer Maske würde ich die Resultate aber nicht überbewerten. Die Leute haben sie hingenommen, weil es erst einmal wieder die letzte Chance auf Kinogenuss war. Aber das heißt nicht, dass sie es auch in Zukunft tun, dagegen sprechen diverse Studien. Vor allem aber gibt es weiterhin keinerlei Erkenntnisse darüber, dass ein Kinobesuch unter den Rahmenbedingungen, für die wir eintreten, also den freien Platz zwischen Besuchern mit Kontaktbeschränkungen und die Maskenpflicht bis zur Einnahme des fest zugewiesenen Sitzes, eine erhöhte Infektionsgefahr darstellt. Das hat auch in den Ländern funktioniert, in denen es von Anfang an so gehandhabt wurde. Wir müssen uns noch einmal klar machen: Die Schließungen erfolgten nicht wegen auch nur eines einzigen nachgewiesenen Infektionsfalles - sondern vor dem Hintergrund pauschaler Kontaktreduzierung, ohne dass auf konkrete Risiken abgestellt worden wäre. Dass diese Strategie nicht aufgegangen ist, sieht man ja leider... Wir sagen also klar: Sicherheitsaspekte stehen wirtschaftlich tragfähigen Konzepten nicht im Weg. Wenn man Kinos hingegen nur 25 Prozent Auslastung zubilligt, hält man sie auch auf diese Weise künstlich am Tropf.

BF: In den USA findet gerade der Dammbruch statt, was die Rahmenbedingungen der Filmauswertung anbelangt. War es ein Fehler, diesen Umbruch nicht proaktiver mitzugehen - und Studios auch während der Pandemie nicht flexibler gegenüberzutreten?

CHRISTINE BERG: Die Tatsache, dass sich dieser Dammbruch primär in den USA vollzieht, zeigt doch deutlich, wie sehr er mit der Situation in einem Land verbunden ist, in dem die Pandemie wie in kaum einem zweiten wütet und in dem die Menschen komplett verunsichert sind. Darauf hätte man sich auch nicht vorbereiten können. Grundsätzlich ist es aber richtig: Uns erwartet eine neue Realität - aber eine, in der Kinos nicht plötzlich obsolet sind. Natürlich gilt es, sie mitzugestalten, tatsächlich werden wir nach der Pandemie viel darüber gelernt haben, was funktioniert - und was nicht. Denn vieles hat absolut nicht funktioniert - obwohl die Ausnahmesituation manchen Modellen ganz klar in die Karten spielte. Im Grunde hat sich gezeigt: Unterschiedliche Filme erlauben und erfordern unterschiedliche Strategien - unter dem Strich ist das Kino aber unverzichtbar. Manches kann im ersten Moment Angst machen, zumal sofort die üblichen Unkenrufe laut werden. Aber Angst ist ein schlechter Berater. Blicken wir nach vorne und überlegen wir, wie wir die lange Zwangsabstinenz der Kinofans in einen Aufschwung ummünzen, wenn das Licht auf der Leinwand wieder angeht. Darauf kommt es an.

BF: Gibt es denn etwas, dass Ihnen in diesen düsteren Tagen Hoffnung macht?

CHRISTINE BERG: Ganz viel sogar. Die Solidarität des Publikums. Die prallvollen Startlisten für 2021. Die Erkenntnis, wie viele großartige Filme um ein Jahr und mehr verschoben wurden, um sie für das Kino zu bewahren - obwohl Streamer teils hohe neunstellige Beträge geboten haben. Mir macht Hoffnung, dass wir bislang nur sehr wenige Betriebsaufgaben erlebt haben. Ja, vielfach wird der Fortgang der Geschäfte von einer erheblichen Schuldenlast begleitet sein. Aber wir halten durch - weil wir an uns glauben, weil wir an das Kino glauben, weil das Publikum an uns glaubt. Und ich schöpfe Hoffnung aus dem, was ich tagtäglich an Einsatz bei den Kinomachern sehe, an Kreativität und Ideenreichtum. Dahinter steckt immense Energie - und ich freue mich auf nichts mehr, als diese wieder im Dienst des Publikums vor Ort zu sehen.

Das Gespräch führte Marc Mensch