Produktion

Preview: "Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel" mit Elio Germano

Unmittelbar auf "The Life Ahead" mit Sophia Loren lässt Netflix gleich die nächste große italienische Filmproduktion folgen: "Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel" hat das Zeug, über die Feiertage zum weltweiten Hit zu werden. Hier unsere Besprechung.

07.12.2020 14:11 • von Thomas Schultze
Matilda De Angelis und Elio Germano in "Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel" (Bild: Netflix)

Unmittelbar auf "The Life Ahead" mit Sophia Loren lässt Netflix gleich die nächste große italienische Filmproduktion folgen: Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel" hat das Zeug, über die Feiertage zum weltweiten Hit zu werden. Hier unsere Besprechung.

Hintergründige Schlitzohr-Pistole über einen Ingenieur, der eine eigene Insel baut und zum souveränen Staat ausruft.

Eine alte Faustregel besagt, das Kino lüge immer dann ganz besonders, wenn der Zuschauer darauf hingewiesen wird, dass er gleich eine "wahre Geschichte" zu sehen bekommt. Nun lässt sich über die italienische Vorzeigeproduktion "Die unglaubliche Geschichte der Roseninsel" zumindest festhalten, dass sein erzählerischer Rahmen belegt ist: Im Jahr 1967 schrieb der findige italienische Ingenieur Giorgio Rosi Schlagzeilen über die Grenzen von Italien hinaus, als er ein paar Kilometer vom Strand von Rimini entfernt mitten im Meer eine Bohrinsel errichtete und sein Konstrukt zum souveränen Staat ohne Regeln ausrief: mit eigener Währung, eigenen Briefmarken, eigener Sprache. Nachdem hunderte Italiener ankündigten, ihre Staatsbürgerschaft ruhen zu lassen und Bürger der Roseninsel werden zu wollen, reagierte die Regierung, setzte Rosi unter Druck und ließ den Stein des Anstoßes schließlich Anfang 1969 von der Marine sprengen.

Das ist nun auch die Prämisse des neuen Films von Sydney Sibilia, der sich mit der "Morgen ist Schluss"-Reihe als kommende Größe des modernen italienischen Mainstreamkinos empfohlen hatte - gleich nach "The Life Ahead" mit Sophia Loren eine weitere aufwändige italienische Filmproduktion im Auftrag von Netflix, für die man auch vor der Kamera entsprechend große Namen verpflichtet hat: Der in diesem Jahr für seine irrwitzige Darstellung des Künstlers Antonio Ligabue in Volevo nascondermi" mit einem Silbernen Bär als bester Schauspieler ausgezeichnete Elio Germano - der auch im zweiten italienischen Film im Wettbewerb der Berlinale, "Bad Tales", in einer Hauptrolle zu sehen war - spielt den Giorgio Rosi, als hätte man den leibhaftigen jungen Robert De Niro vor sich. Matilda De Angelis ist aktuell als sinnliches Mordopfer in The Undoing" in aller Munde (und war als weltliche Nonne in Jan Schomburgs Der göttliche Andere" zu sehen). Dazu gesellen sich als internationale Stars noch der deutsche Schauspieler Tom Wlaschiha und in einem Gastauftritt Ziemlich beste Freunde"-Star François Cluzet.

Ob denn nun die eigentliche Geschichte, die Sibilia vor der Kulisse der realen Saga der Roseninsel erzählt, auch wahr ist, ist im Grunde einerlei. Wünschen würde man es sich jedenfalls. Gäbe es ein schöneres Sinnbild für die Energie, die verschmähte Liebe freisetzt, als die Errichtung von etwas so Aberwitzigem? In The Social Network" erfindet Mark Zuckerberg Facebook eben auch, weil ihm seine Freundin den Laufpass gibt. Also darf es hier genauso sein, in dieser sympathischen und zutiefst romantischen Wundertüte, erzählt im Look und mit dem Charme beschwingter italienischer Filme der Sechzigerjahre. Nur dass man eben nicht auf Marcello Mastroianni und Gina Lollobrigida trifft, sondern Germano und De Angelis, denen man es als Zuschauer immer wünscht, dass sie zusammenfinden mögen. Alldieweil sieht man staunend zu, wie bei einer beschwingten und gut gelaunten Münchhausiade, wie sich ein David gegen den Goliath Staat zur Wehr setzt. Ein bisschen fühlt man sich sogar erinnert an schräge Schlitzohr-Komödien der Zeit, wie Das Geheimnis von Santa Vittoria" oder "Was hast du denn im Krieg gemacht, Pappi?", aber alles natürlich moderner und zeitgemäßer erzählt, mit viel Spaß am Fabulieren und Freude am Happy-End, wenn denn schon die Insel selbst untergehen muss. Ein ziemlich toller, augenzwinkernder Spaß, der sich aber doch auch ernst genug mit den Begriffen Freiheit und Unabhängigkeit befasst.

Thomas Schultze