Produktion

Motionworks produziert "Coppelia"

Die Hallenser Animations- und Family-Entertainment-Schmiede arbeitet an der Fertigstellung des einzigartigen Hybridprojekts fürs Kino "Coppelia", für das bereits ein Nordamerika-Verleih gefunden wurde. Details zur Produktion lesen Sie hier.

09.12.2020 07:42 • von Heike Angermaier
Motionworks arbeitet am internationalen Hybridfilm fürs Kino "Coppelia" (Bild: Submarine/3 Minutes West/Motionworks/Lunamine (Work in Progress))

Die von Romy Roolf und Grit Wißkirchen geführte Hallenser Animations- und Family-Entertainment-Schmiede Motionworks arbeitet an der Fertigstellung des einzigartigen Hybridprojekts fürs Kino Coppelia". Der Film erzählt ein modernes, getanztes Märchen nach Motiven von E.T.A. Hoffmanns Schauerklassiker "Der Sandmann" ohne Dialoge, mit real gefilmten Tänzer*innen und animierten Figuren vor virtuell gestalteten Hintergründen, in die reale Requisiten integriert sind, eine Kombination wie sie so noch nicht im Film zu sehen war. Motionworks, die die "Mullewapp"-Kinofilme nach den bekannten Kinderbüchern, die Serieneigenentwicklung Die Abenteuer des jungen Marco Polo" aber auch Apps produziert, ist deutscher Partner der internationalen Produktion. Als Inspiration für den Film diente eine Neuinszenierung des 1870 erstaufgeführten Balletts "Coppelia" von Ted Brandsen am Amsterdamer Nationaltheater, in dem Dr. Coppelius ein Schönheitschirurg ist, der in seiner Klinik die Roboterfrau Coppelia zum Leben erwecken will, indem er ihr das Herz des verliebten Franz schenkt. Franz mutige Freundin Swan versucht ihn zu retten und Dr. Coppelius das Handwerk zu legen. Jeff Tudor, der selbst Tänzer war und Ballettaufführungen wie "Nussknacker" oder "Schwanensee" fürs Kino und Fernsehen inszenierte und mit seiner und Adrienne Lirons Firma 3 Minutes West auch produzierte, hatte die Idee zum Film. Die Amsterdamer Submarine, die als erste Firma in den Niederlanden Animation anbot ist gemeinsam mit 3 Minutes West majoritärer Partner des innovativen Hybridfilms. Roolf wollte schon länger mit Bruno Felix und Femke Wolting von Submarine Animation zusammenarbeiten und als sie "Coppelia" vorschlugen, war sie begeistert. Der Einstieg von MDR und Arte sowie von Al Munteanus SquareOne Entertainment, die sich frühzeitig die Rechte für die deutschsprachigen Territorien sicherte, waren "die ersten und wichtigsten Bausteine für die Finanzierung von deutscher Seite", so Roolf, die "Coppelia" bereits seit 2016 vorantreibt. "Gemessen am hohen künstlerischen und technischen Anspruch und dem großen Engagement aller Beteiligten wird es mit vergleichsweise geringem Budget realisiert", sagt Roolf. MDM, Nordmedia, DFFF und FFA förderten neben niederländischen und flämischen Institutionen sowie Creative Europe Media. Weiterer Koproduktionspartner ist Lunanime aus Ghent und Produzentin Annemie Degryse. Zur Firmengruppe von Lumière gehört auch Beast Animation der Regisseure Steven de Beul und Ben Tesseur, die den Kurzfilm und die darauf basierenden Serie Mr realisierten und bei "Coppelia" gemeinsam mit Tudor Regie führen.Tamara Bos, die u.a. für Romys Salon" ausgezeichnet wurde und Familienfilme wie Die geheimnisvolle Minusch" oder "Ein Werwolf namens Alfie" schrieb, lieferte das Drehbuch.

Im Sommer 2019 wurden die Realfilmszenen mit Michaela DePrince in der Hauptrolle der Swan, Daniel Camargo als Franz und Vito Mazzeo als Dr. Coppelius und weiteren Mitgliedern des Niederländischen Nationalballetts gedreht. Die Tänzerinnen der animierten Figuren wie Coppelia, deren Look von der Ballettneuinzsenierung inspiriert ist, und Coppelius' Assistentinnen agierten dabei in auf die Green, Yellow oder Blue Screen angepassten, einfarbigen Ganzkörperanzügen. Nach dem Rohschnitt konnten dann 46 Mitarbeiter von Motionworks unter der Leitung von Quentin Bruns loslegen. Sie gestalteten die animierten Figuren, sprich modelten, texturierten, shadeten sie und statteten sie mit einem Skelett, dem Rig, aus, um die eigentliche Animation zu ermöglichen. Sie designten und stellten außerdem alle Hintergründe her. Die Klinik des Professors oder der Marktplatz entstanden als 3D-Sets, die mit Matte Paintings, Elementen aus dem Szenenbild des Realfimdrehs und virtuellen 2D-Elementen kombiniert wurden. Motionworks kreiert auch viele der VFX, die etwa bei der Explosion der Klinik zum Showdown zum Einsatz kommen.

Maurizio Malagnini, der u.a. für die BBC-Serie Call the Midwife" schrieb, komponiert einen eigenständigen Score, der nichts mit der Musik des Balletts zu tun hat und klassische mit modernen Elementen kombiniert, um einen heutigen Bezug herzustellen. Die Kamera führt der erfahrene Tristan Oliver, der bei den Wes-Anderson-Animationsfilmen Isle of Dogs" und Der fantastische Mr sowie bei "Wallace & Gromit"-Filmen tätig war. In Ghent wird das Compositing gemacht, das Sounddesign von Chaussee Soundvision in Lüneburg. Ursprünglich war geplant , "Coppelia" bereits diese Weihnachten in die Kinos zu bringen, aber wegen Corona verzögerte sich die Fertigstellung um vier Monate, insbesondere wegen der künstlerischen Abstimmung im komplizierten Arbeitsablauf. Nun soll "Coppelia" zu Weihnachten 2021 starten. Fertiggestellt wird es voraussichtlich bis April. Roolf sieht "Coppelia" "nicht als Nischenfilm sondern als klares Family Entertainment, das sich durch seine Besonderheit von den großen US-Produktionen. die zu Weihnachten starten, abhebt und dabei eine ebenso zeitlose wie zeitgemäße Liebesgeschichte mit einer weiblichen Heldin erzählt". Vorstellbar für den Hybridfilm ist auch eine vorherige Weltpremiere bei einem A-Festival. In den Beneluxländern wird Periscoope Film, der gemeinschaftliche Verleih von Submarine und Fuworks, "Coppelia" in die Kinos bringen. Auch in den USA und Kanada ist ein Kinostart geplant. Weltvertrieb Urban verkaufte ihn dort bereits an den Distributor Shout! Studios.

"Coppelia" ist beispielhaft für den neuen Fokus von Motionworks, mit Hybridprojekten ein breiteres, auch ein bisschen älteres Publikum zu erreichen. Roolf ist seit der Gründung der Firma 1998 durch Tony Loeser an Bord. Die Firma, die Eigenentwicklungen realisiert und als Dienstleister tätig ist, zählt zu den größten Animationsstudios in Deutschland. 2019 stieg Loeser aus der Geschäftsführung aus, Roolf übernahm sie zusammen mit Wißkirchen, die u.a. lange Jahre bei Balance Film als geschäftsführende Gesellschafterin war. Sie entwickelt mit dem Animadok-Projekt über die Welt der Insekten, "Die Hüter des Mikrokosmos", einen weiteren Hybridstoff. Federführend wird es von der Schweizer Lucky Film betreut. Motionworks steuert den Look und die Realisierung der animierten Sequenzen bei. Bei Motionworks entsteht außerdem u.a. das Drehbuch für den "Marco Polo"-Kinofilm nach ihrer auch international erfolgreichen Serie und sie startet die von MDM geförderte Serienadaption ihrer App "Der bronzene Himmel" in Koproduktion mit KIKA. MDR, HR, RBB, BR und SWR.

Heike Angermaier