Kino

UPDATE: Warner schickt gesamte US-Kinoslate für 2021 zeitgleich auf HBO Max

Noch ist "Wonder Woman 1984" nicht gestartet, da lässt WarnerMedia die Bombe platzen: Sämtliche US-Titel des Studios sollen im kommenden Jahr ebenfalls zeitgleich zum Kinostart auf dem hauseigenen Streamingdienst HBO Max verfügbar gemacht werden.

03.12.2020 19:50 • von Marc Mensch
Auch "Dune" wird Abonnenten von HBO Max zeitgleich zum Kinostart zur Verfügung stehen (Bild: Warner)

Auswertungsexperimente gab es während dieser Pandemie schon viele - doch keines erreichte auch nur annähernd die Dimensionen dessen, was WarnerMedia heute in den USA per Pressemitteilung bekannt gegeben hat: Demnach wird die gesamte, 17 Titel umfassende US-Kinoslate für das kommende Jahr zeitgleich zum Leinwandstart für Abonnenten des hauseigenen - und bislang nur in den USA existierenden - Streamingdienstes HBO Max verfügbar gemacht. Das hybride Modell, das noch in diesem Jahr erstmals für Wonder Woman 1984" (der in Deutschland nach dem vorzeitig verlängerten Lockdown nun erst einmal ohne Termin in der Startliste steht) zur Anwendung kommt, wird dabei ausdrücklich als Reaktion auf die Pandemiesituation deklariert, so soll die Strategie vorerst auch auf 2021 begrenzt bleiben. Hintergrund ist laut der Mitteilung, dass man davon ausgehe, dass Kinos in den USA noch während des gesamten kommenden Jahres nur mit erheblichen Restriktionen werden arbeiten können.

Wie schon bei "Wonder Woman 1984" soll die Erstverfügbarkeit auf HBO Max begrenzt sein, nach einem Monat sollen die Filme zunächst exklusiv in den Kinos weiterlaufen, bevor es dann in nachgelagerte Verwertungen geht. Und ebenfalls wie im Fall von "Wonder Woman 1984" werden die Filme von HBO-Max-Abonnenten im ersten Auswertungsmonat ohne jegliche Zusatzkosten abgerufen werden können. Offen ist aktuell, ob man den Kinos als Ausgleich für diese Strategie bei den Leihmieten entgegen kommt. Im Fall des DC-Sequels wird darüber spekuliert, dass der Leihmietensatz bei 40 - 45 Prozent liegen soll, das wären bis zu 20 Prozentpunkte weniger als in den Startwochen des Vorgängers.

Hintergrund dieses Schrittes ist natürlich nicht nur ein weiterhin darniederliegender US-Kinomarkt, der trotz des jüngsten Achtungserfolgs von "Die Croods - Alles auf Anfang" nicht nur sehr deutlich zeigt, wie groß die Verunsicherung bei den Konsumenten in einem Land ist, das wie kaum ein zweites von der Pandemie überrollt wurde. Sondern es geht natürlich vor allem darum, das Leuchtturmprojekt der eigens für die Direct-to-Consumer-Strategie umstrukturierten WarnerMedia und ihres Eigentümers AT&T zum Laufen zu bringen. Denn noch ist HBO Max weit davon entfernt ein Renner zu sein. Knapp neun Millionen Abos sollen demnach fast 29 Millionen Accounts gegenüberstehen, mit denen man Zugriff auf HBO Max hätte - bei denen sich Konsumenten bislang aber nicht die (kostenfreie) Mühe machten, das Angebot zu aktivieren.

Das radikale Vorgehen von WarnerMedia ist nicht nur eine Kampfansage an andere Streamingdienste (denen HBO Max allerdings noch erheblich hinterher hinkt...), es erhöht sicherlich auch die Spannung im Vorfeld einer Investorenkonferenz von Walt Disney am 10. Dezember, in deren Rahmen ganz wesentliche Ankündigungen erwartet werden. Angeheizt wurden die Spekulationen über das mögliche Schicksal großer Disney-Titel wie Black Widow" nicht zuletzt durch ein im Internet kursierendes Video, das angeblich auf einem Leak beruhen soll.

Aber zurück zu Warner und deren Ankündigung, die gemeinsam von Ann Sarnoff (Vorsitzende und CEO von WarnerMedia Studios and Networks Group) und WarnerMedia-CEO Jason Kilar vorgenommen wurde:

"Wir leben in nie dagewesenen Zeiten, die nach kreativen Lösungen verlangen. Dazu zählt diese Initiative. Niemand wünscht sich Filme mehr auf die große Leinwand zurück, als wir es tun. Wir wissen, dass neuer Content der Lebenssaft der Kinos ist - aber wir müssen gleichzeitig im Bewusstsein dessen handeln, dass die meisten Kinos in den USA 2021 voraussichtlich noch mit erheblich reduzierten Kapazitäten werden auskommen müssen", erklärte Sarnoff. Und weiter: "Mit diesem einzigartigen und auf ein Jahr begrenzten Plan können wir unsere Partner auf Kinoseite mit einem stetigen Strom an Weltklasse-Filmen unterstützen, geben dabei aber auch gleichzeitig jenen Kinogängern die Chance, unsere großartigen Filme für 2021 zu sehen, die weiterhin keinen Zugang zu einem Kino haben oder die sich noch nicht bereit fühlen, ins Kino zurückzukehren. Wir sehen es als Win-Win-Szenario für Filmliebhaber und Kinobetreiber gleichermaßen - und wir sind den Filmemachern enorm dankbar, die gemeinsam mit uns daran arbeiten, diese innovative Antwort auf die aktuellen Umstände zu realisieren."

Jason Kilar wiederum erklärte: "Nach sorgfältiger Abwägung sämtlicher Optionen vor dem Hintergrund der Prognosen für das Kinogeschäft 2021 sind wir zu dem Schluss gekommen, dass dies der beste Kurs für die Filmsparte von WarnerMedia durch die kommenden zwölf Monate ist. Am Wichtigsten ist dabei, dass wir den Konsumenten über das Jahr hinweg 17 bemerkenswerte Filme bringen und ihnen die Wahl geben, selbst zu entscheiden, wie sie diese Filme genießen wollen. Unser Content ist extrem wertvoll - wenn er tatsächlich gesehen werden kann. Wir sind überzeugt, dass unser Vorgehen zum Wohle der Fans ist, Kinobetreiber und Filmemacher unterstützt und das Erlebnis von HBO Max aufwertet - und damit Wertschöpfung für alle Seiten ermöglicht."

Interessanterweise hat Cinemark - die sich bislang nicht zu einem Einsatz von "Wonder Woman 1984" in ihren Häusern geäußert haben - als erste US-Kinokette auf die Neuigkeit reagiert, wenngleich hauptsächlich mit der Bemerkung, dass Warner aktuell noch keine Details zu den Konditionen im Rahmen des hybriden Modells für 2021 genannt habe. Aktuell, so Cinemark, treffe man bei der Programmplanung kurzfristige Entscheidungen und bewerte jeden Film (und dessen Konditionen) separat. Spannend ist indes vor allem, wie die weltweite Nummer 2, Cineworld, reagieren wird. Denn dort hatte man sich bis zuletzt gegen drastische Fensterverkürzungen gestemmt, während AMC und Cinemark Deals mit Universal geschlossen haben und Cinemark jüngst einen Netflix-Titel in ausgewählte Häuser holte.

Die ganz große Frage, die sich natürlich stellt: Was plant Warner außerhalb der USA, insbesondere in den Märkten, in denen HBO Max 2021 gelauncht werden soll? Laut dem US-Branchenmagazin Variety soll Studiochef Toby Emmerich angekündigt haben, dass das hybride Modell vor allem in den USA als einem der am meisten von der Pandemie getroffenen Kinomärkte gefahren werden solle. In anderen Märkten - Emmerich habe dabei beispielhaft China, Südkorea, Japan und "Teile" von Westeuropa genannt - solle es bei einer regulären Kinoauswertung bleiben. Diesen Märkten traue man für 2021 eine bessere Performance als den USA zu.

Spekulationen zufolge plant Warner aber zumindest für Großbritannien (wo Kinos seit gestern teilweise wieder öffnen dürfen) eine schnellere PVoD-Auswertung, sprich: ein kürzeres Kinofenster. Sollte dies tatsächlich zutreffen, wäre es naheliegend, anzunehmen, dass man in Deutschland erst recht einen Sonderweg einschlagen könnte. Allerdings gibt es hierzu derzeit keinerlei Informationen. In einem Gespräch mit dem US-Branchendienst Deadline betonte Kilar wiederum, dass die heutigen Ankündigungen ausschließlich die USA beträfen. Aktueller Stand für andere Märkte ist eine reguläre Kinoauswertung der 2021er-Slate.

Einen Überblick über die kommende Warner-Slate finden Sie hier.