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Thomas Schneider-Trumpp: "Wir sind der Horror-Hotspot"

Der Watch-Movies-Chef Thomas Schneider-Trumpp erklärt sein AVoD-Geschäftsmodell auf YouTube. Er will vor allem auch deutsche Horrorfilm-Macher mit seiner weltweiten Auswertung ansprechen.

03.12.2020 11:22 • von Michael Müller
Thomas Schneider-Trumpp ist Managing Director der Watch Movies GmbH, die es seit Ende 2015 gibt (Bild: Watch Movies)

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Der Watch-Movies-Chef Thomas Schneider-Trumpp erklärt sein AVoD-Geschäftsmodell auf YouTube. Er will vor allem auch deutsche Horrorfilm-Macher mit seiner weltweiten Auswertung ansprechen. Auf dem Kanal Watch Movies Now veranstaltet die Firma auch virtuelle Filmpremieren, zum Beispiel am heutigen Donnerstag um 23 Uhr für den deutschen Film "Tape_13".

Sie betreiben mit Watch Movies ein Channel-Network auf YouTube. Was machen Sie anders als ein Konkurrent wie Netzkino?

THOMAS SCHNEIDER-TRUMPP: Netzkino hat zwar auch viele Themenkanäle, fokussiert sich aber rein auf die DACH-Region. Das machen wir prinzipiell auch mit unseren deutschen Kanälen. Aber den Kanal Watch Movies Now mit dem Thema Horror betreiben wir weltweit.

Warum haben Sie sich dafür gerade das Horrorgenre ausgesucht?

THOMAS SCHNEIDER-TRUMPP: Weil es da ein sehr hohes Such-Volumen auf YouTube gibt. Um auf dieser Plattform erfolgreich zu sein, ist es elementar, sich mit den Performance-Werten auszukennen. Das ist ganz ähnlich wie im linearen Fernsehen. Es gibt Formate, die Erfolg haben. Das wiederum können Sie bei YouTube auch sehr gut herausfinden. Dafür gibt es Tools. Ein Blick auf die Abrufzahlen der Filme, die generell hochgeladen werden, hilft auch. Man muss sich ebenso mit der Medienlandschaft auskennen und wissen, was zum Beispiel als Genre nicht so im Fernsehen oder auf anderen Plattformen bedient wird. Das funktioniert dann zum Beispiel besser auf YouTube. Da haben wir uns für Horror entschieden. Dann geht es an die Beschaffung der Inhalte.

Wo bekommen Sie die her?

THOMAS SCHNEIDER-TRUMPP: Diese bekommen wir über ein großes Netzwerk an Lizenzgebern, mit denen wir schon seit Jahren auf der ganzen Welt zusammenarbeiten. Es treten auch Produzenten und Regisseure von sich aus an uns heran. Aber wir haben ein Team von drei Mitarbeitern, die nichts anderes machen, als Lizenzen zu besorgen.

Was wahrscheinlich gar nicht so leicht ist, weil Sie weltweite Lizenzen haben wollen.

THOMAS SCHNEIDER-TRUMPP: Genau. Da muss man sehr gut vernetzt sein. Es sind jetzt nicht 100 Prozent unserer Titel mit einer weltweiten Lizenz ausgestattet, aber schon 75 bis 80 Prozent. Es gibt - das muss man auch sagen - ebenso unglaublich viele Horrorfilme, die einfach in der Schublade liegen. Wir wollen auch gar nicht die allerneuesten Filme. Da ist es klar, dass die an die großen Plattformen verkauft werden. Für uns ist es absolut ok, wenn die Filme auch schon fünf oder sechs Jahre älter sind. Obwohl wir auch Filme haben, die nur ein oder zwei Jahre alt sind.

Wie rechnet sich ein Channel wie Watch Movies Now für Sie als Betreiber und die Lizenzgeber?

THOMAS SCHNEIDER-TRUMPP: Genaue Zahlen kann ich nicht nennen, weil das unseriös wäre und auch je nach Saison wechselt. Aber es gibt eine Umsatzbeteiligung. Alles wird auf YouTube in der Einheit von tausend Aufrufen gemessen - dem Tausenderkontaktpreis (TKP). Darauf schüttet YouTube das Geld über deren Adsense-Plattform aus. Das wird von uns, je nach unseren Lizenzverträgen, mit unseren Lizenzgebern fair geteilt. Ein hoher Prozentsatz wird an die Lizenzgeber ausgeschüttet.

Wie erfolgreich ist der Channel schon?

THOMAS SCHNEIDER-TRUMPP: Wir haben schon deutlich mehr als 300.000 Abonnenten. Aktuell werden es pro Monat ungefähr 35.000 mehr. Somit erreichen bei uns gute Filme bis zu rund 1.000 Dollar Umsatz pro Woche. Dadurch, dass die Filme weltweit abgerufen werden, kommen wir zu extrem hohen Aufrufzahlen. Unsere Top-Filme nähern sich einem zweistelligen Millionenwert. Unsere Kernzielgruppe sind die 18- bis 44-Jährigen, zu 60 Prozent männlich, knapp 30 Prozent unserer Nutzer kommen aus den USA, der Rest ist schön verteilt auf der ganzen Welt. In über 200 Ländern schauen die Menschen unsere Filme.

Haben Sie ein Erfolgsrezept?

THOMAS SCHNEIDER-TRUMPP: Wir haben eine spezielle Methode, wie wir den Filmen immer wieder Sichtbarkeit geben. Wenn man einen Film hochlädt, wird der nicht die gesamte Zeit auf einem Top-Level performen. Das sind Wellenbewegungen, die auch wieder nachlassen. Wenn der Film veröffentlicht wird, sehen das erstmal die Abonnenten. Wenige Tage später greift dann der YouTube-Algorithmus. Wenn die Klickwerte, die durch die Abonnenten generiert werden, gut sind, bringt der Algorithmus den Film auf die Startseiten anderer Nutzer. Diese Welle dauert eineinhalb bis zwei Wochen, dann ebbt der Effekt ab. Wir lassen diesen Effekt jetzt aber nicht absterben, sondern hauchen dem Ganzen immer wieder neues Leben ein.

Wie machen Sie das?

THOMAS SCHNEIDER-TRUMPP: Tja, das ist unser Betriebsgeheimnis. Das ist ein komplexer Prozess aus verschiedenen Maßnahmen, Kreativität und Tools, den ich nicht verraten kann. Aber wir schaffen es immer wieder, diese Titel aufzufrischen, so dass sie immer neue Wellen der Aufmerksamkeit erleben. Ein bisschen schaffen wir so etwas wie ein Perpetuum mobile. Da freuen sich unsere Kunden darüber, dass die Performance und die Umsätze nicht abebben. Aber dafür muss man was tun. Ansonsten würde ein Film langsam "sterben".

Sind Sie persönlich auch auf Genrefestivals wie Sitges oder dem Fantasy Filmfest unterwegs, um Werke für den Channel zu entdecken?

THOMAS SCHNEIDER-TRUMPP: Ich persönlich nicht. Aber einer unserer Kuratoren, Nicolás Onetti, ist selbst erfolgreicher Horrorfilm-Regisseur aus Argentinien, der Filme wie "What the Waters Left Behind", der im Cannes-Markt gezeigt wurde und auf Netflix lief, und "Abrakadabra" gedreht hat. Er ist öfters auf Genrefestivals unterwegs, weil dort seine Filme auch nominiert sind. Dadurch, dass bei uns ein Horrorfilm-Regisseur mitmacht, sind wir auch wahnsinnig gut mit anderen Filmemachern und Schauspielern aus diesem Genre vernetzt. So haben wir auch mindestens einmal, wenn nicht sogar zweimal die Woche Live-Premieren mit Regisseuren, Drehbuchautoren und Schauspielern auf YouTube. Die schauen dann virtuell zusammen mit dem Publikum ihr Werk live an.

Wie funktionieren diese Premieren? Nehmen Sie mal das aktuelle Beispiel "Tape_13" von Regisseur Axel Stein.

THOMAS SCHNEIDER-TRUMPP: Stellen Sie sich ein virtuelles Kino vor, in dem bis zu 1.000 Gäste sitzen. Virtuell betritt der Regisseur und sein Team die Bühne. Jetzt können persönliche Fragen gestellt werden. Anschließend schauen alle gemeinsam den Film. Technisch findet der Austausch auf Chat-Basis statt. Man sieht im Vorfeld beim Klick auf das Video immer per Counter, wann eine unserer Live-Premieren auf YouTube stattfindet. Das ist quasi wie eine Programmvorschau. Man kann sich auch eine Erinnerung einrichten, die den Nutzer eine halbe Stunde vorher nochmal darauf hinweist. Auf der Plattform gibt es dann eine Chat-Funktion für angemeldete Nutzer. In der Regel finden sich eine halbe Stunde vor Filmstart die ersten User ein. Dann wird geschrieben. Der Regisseur, in diesem Falle Axel Stein und sein Kamermann Thomas Landenberger, sind am 3. Dezember zur 23-Uhr-Premiere da und beantworten alle Fragen.

Wie ist generell die Resonanz darauf?

THOMAS SCHNEIDER-TRUMPP: Na, die ist sehr gut. Das YouTube-Tool ist ursprünglich zwar gar nicht für unseren Zweck erfunden worden. Aber es passt perfekt zu unseren Premieren. Wir haben mindestens immer 200 bis 300 Nutzer, die live schauen. Das geht hoch bis 1.000 Nutzer. Die Klickzahlen insgesamt sind dann natürlich nochmal viel höher, weil nur ein Bruchteil live schaut.

Warum sollen deutsche Filmemacher und Produzenten auf diese Weise bei Ihnen ihre Werke veröffentlichen?

THOMAS SCHNEIDER-TRUMPP: Natürlich haben Verkäufe an Streaming-Plattformen wie Netflix oder Amazon Prime Video Priorität. Wir kommen zwar als AVoD-Auswertung eher immer im finalen Schlussdrittel. Aber die Filmschaffenden sollen sich an uns wenden, weil wir eine weltweite Reichweite haben. Wir sprechen eine exponentiell wachsende, internationale Fangemeinde an. 2,5 Milliarden Menschen nutzen YouTube. Wir sind der Horror-Hotspot und verdienen durch die globale Präsenz auch viel Geld. Und bevor man seinen Film gar nicht mehr auswertet, dann doch gerne auch lieber bei uns. Wenn ich das damit vergleiche, wie wenig im DVD-Handel für den kleinen Independent-Markt noch möglich ist, ist das bei uns deutlich besser.

Sehen Sie denn Potenzial in der deutschen Horrorfilmszene?

THOMAS SCHNEIDER-TRUMPP: Ich sehe da ehrlich gesagt ein riesiges Potenzial, weil ich auch viele der Filme kenne. Einige Filme haben wir auch schon auf unserem Kanal - deutschsprachig mit englischen Untertiteln. Wir brauchen keine Synchronfassungen. Wenn ich mir die Zahlen anschaue, kann ich nur sagen, dass die sensationell gut laufen. Jetzt sind wir schon länger mit Benjamin Munz von Rat Pack Filmproduktion im Kontakt, den ich als Horror-Guru von Deutschland bezeichnen würde. Er hat unter anderem den bereits erwähnten "Tape_13" produziert. Von ihm läuft auch die kleine Zombie-Webserie "Viva Berlin" im Kanal. Diese hat mittlerweile weit mehr als 200.000 Aufrufe. Wir wollen einfach diese Tür öffnen, durch die die Produzenten gehen können, um ihre Filme einem weltweiten Publikum zu zeigen. Wo kann ich das sonst tun? Wer interessiert sich sonst für deutschsprachige Horrorfilme? Leider wenige. Wir geben diesem Genre eine weltweite Bühne. Dazu unsere Live-Premieren, wo die Nutzer die Macher kennenlernen können. Das kann kein Netflix und kein Fernsehen.

Und was sagen die Genre-Filmemacher selbst dazu?

THOMAS SCHNEIDER-TRUMPP: Das Erstaunliche ist: Wenn wir mit Horrorfilm-Regisseuren reden, ist denen das Geld meistens gar nicht so wichtig. Sie wollen ihr Werk dem Publikum zeigen. Bei den meistens Filmfestivals sind es auch nicht gerade die Massen, die diese Film sehen. Bei uns dagegen hat jeder Film allein Hunderte, wenn nicht sogar Tausende Kommentare unter dem Video. Die allermeisten sind konstruktive Kommentare und Lobeshymnen. Viele Regisseure und Produzenten lesen sich die Kommentare durch und antworten persönlich.

Streamen Sie auch manchmal exklusive Titel?

THOMAS SCHNEIDER-TRUMPP: Ja, das sind dann brandneue Horror-Titel, die wir für ein exklusives Zeitfenster von zwei bis drei Monate haben. Ein Beispiel ist der aktuelle Horrorfilm "Tempus Tormentum", für den wir nicht die weltweiten Rechte haben, sondern den es exklusiv in Nordamerika zu sehen gibt. Danach geht er dann normal in den Vertrieb. Für manche Lizenzgeber sind wir auch ein Testumfeld, wenn diese schauen wollen, in welchen weltweiten Märkten ihr Film funktioniert. Sie geben ihn uns exklusiv, und wir liefern dann auch umfassende Berichte. Dann kann der Vertrieb den Film auch wieder von unserem Channel nehmen und schauen, ob sie ihn anderweitig lizenziert bekommen. Das sind aber nur etwa ein Prozent unserer Partner. Die anderen lassen ihn für ganz lange Zeit bei uns stehen.

Wie lautet Ihr mittelfristige Ziel für den Channel Watch Movies Now?

THOMAS SCHNEIDER-TRUMPP: Wir wollen relativ schnell die 500.000-Abonnentenmarke knacken und dann deutlich über eine Million Abonnenten kommen. Das müssten wir bei dem Wachstum, das wir aktuell haben, auch in den kommenden eineinhalb Jahren schaffen. Das sind auch die Benchmarks, die Produzenten und Lizenzgeber von uns erwarten: noch mehr Reichweite, Sichtbarkeit, Aufrufe und damit letztlich maximale Erlöse.

Das Interview führte Michael Müller