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Kino

KOMMENTAR: Listen, Listen, Listen...

Über Sinn und Unsinn von Bestenlisten lässt sich vortrefflich streiten: Recht machen kann man es ohnehin keinem. Meist sagen sie mehr aus über die, die sie erstellt haben, als das, was von ihnen eingeschätzt wurde.

03.12.2020 07:33 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

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Über Sinn und Unsinn von Bestenlisten lässt sich vortrefflich streiten: Recht machen kann man es ohnehin keinem. Meist sagen sie mehr aus über die, die sie erstellt haben, als das, was von ihnen eingeschätzt wurde. Nun muss man darüber nachdenken, was Manohla Dargis und A.O. Scott, den hoch geschätzten Filmkritikern der "New York Times", durch den Kopf gegangen sein mag, als sie ihr Ranking der bisher 25 besten Schauspieler dieses Jahrtausends erstellt haben. Eine Bestenliste, die von enormer Fachkenntnis offenkundig ebenso geprägt ist wie von dem Bedürfnis, der Forderung nach Diversität und Gleichberechtigung in der Filmbranche vorbildlich gerecht werden zu wollen. Das komplette Weltkino sollte wohl abgebildet werden, was natürlich eine lobenswerte Absicht ist, einen aber beim Betrachten der Liste immer wieder den Eindruck beschleichen lässt, Dargis und Scott hätten sich bei der Auswahl mehr von politischen Parametern und der Schere im Kopf leiten lassen: Wes Studi ist ein toller Schauspieler, findet sich in dieser Auswahl aber doch eher, weil man unbedingt einen indigenen Amerikaner listen wollte. Sonia Braga (Platz 24) ist zweifellos eine Gigantin und ihr Auftritt in Aquarius" für die Ewigkeit, aber wie Catherine Deneuve (Platz 21) hatte sie ihre größten Rollen vor dem Jahr 2000. Dafür in der Listung dann Meryl Streep, Glenn Close, Olivia Colman oder Cate Blanchett nicht zu finden, scheint absurd. Offenbar reichten den Experten Nicole Kidman (Platz 5), Saoirse Ronan (Platz 10), Julianne Moore (Platz 11), Tilda Swinton (Platz 13) und Melissa McCarthy (Platz 22) als weiße englischsprachige Schauspielerinnen.

Äääääh, Melissa McCarthy? Und Amy Adams und Kate Winslet gehen leer aus? Mit Song Kang Ho (Platz 6) und Kim Min-hee (Platz 16) scheint die koreanische Schauspielkunst etwas überrepräsentiert. Und auch das Verhältnis von sechs schwarzen amerikanischen Schauspielern versus vier weißen amerikanischen Schauspielern (einer davon Keanu Reeves, und das auch noch auf Platz vier, während man nach einem Leonardo DiCaprio, Matt Damon oder einem Philip Seymour Hoffman vergeblich sucht) scheint in der Ära der Wokeness mehr einem politischen Statement geschuldet als einem aufrichtigen Abbild der Realität. Dabei kann man sich auf die Nummer eins schließlich und schlussendlich gut einigen: Denzel Washington (gefolgt von Isabelle Huppert und Daniel Day-Lewis übrigens) ist die Art von Leuchtturm, die das Kino im richtigen Licht erstrahlen lässt, ganz ohne krampfige Versuche, einem hehren politischen Ideal gerecht werden zu wollen. Aber auch da werden viele anderer Meinung sein. Was ja das Schöne an diesen so subjektiven Listen ist. Außerdem lenken sie, wenngleich kurz, wunderbar ab von dem Trauerspiel um die Kinos in diesen Tagen. Eskapismus tut manchmal einfach Not.

Thomas Schultze, Chefredakteur