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ARD will Mediathek weiter stärken

Bei der Programmpräsentation der ARD kam besonders zum Vorschein, wie sehr alle Programmbereiche auf die Stärkung der Mediathek hinarbeiten. Als fiktionales Highlight ragt die Schirach-Verfilmung "Feinde" heraus, in die alle ARD-Sender involviert sind.

02.12.2020 15:19 • von Frank Heine
Programmdirektor Volker Herres und seine Nachfolgerin, Degeto-Chefin Christine Strobl (Bild: ARD/Petra Stadler)

In einer digitalen Pressenkonferenz präsentierte die ARD heute einen Ausblick auf die Programmhöhepunkte des kommenden Jahres. Ein letztes Mal führte der im April scheidende Programmdirektor Volker Herres durch die Veranstaltung. Mit an Bord: ARD-Chefredakteur Rainald Becker, der Channel-Manager und stellvertretenden Programmdirektor Florian Hager, der Koordinator Fiktion Jörg Schönenborn, der Koordinator Sport Axel Balkausky und - mit Bahn-bedingter Verspätung - Degeto-Geschäftsführerin Christine Strobl.

In seiner Anmoderation attestierte Herres dem Senderverbund in diesem Krisenjahr "einen sehr guten Job" gemacht zu haben. "In Krisenzeiten ist es unsere primäre Aufgabe, die Zuschauer gut und umfassend zu informieren", so Herres. Die Information bezeichnete er als "DNA des Ersten". Chefredakteur Rainald Becker zeigte in einem Einspieler, in welcher Form die ARD im Programmbereich Politik, Wirtschaft und Gesellschaft künftig seine Informationskompetenz unter Beweis stellen möchte. Die Range reicht von Hochglanzdokus aus der Reihe "Erlebnis Erde", über das auf junges Publikum ausgerichtete multimediale Reportage-Format "Rabiat" vom Y-Kollektiv und zwei Corona-Dokumentationen bis zu Dokumentarfilmen zum Maurbau ("Kinder der Teilung") und zu 1.700 Jahren jüdischen Lebens in Deutschland ("Shalom und Hallo"). Zudem stehen zahlreiche Informationssendungen im Zeichen des "Superwahljahrs" mit sechs Landtagswahlen und der Bundestagswahl am 26. September.

Mit einer interessanten Ankündigung wartete Fiction-Koordinator Jörg Schönenborn auf. Der 50 Millionen Euro umfassende Etat für den Mittwochsfilm werde ganz im Sinne der Nutzer für die Belange der Mediathekenoffensive genutzt. Das bedeutet zwar nicht, das kein Geld mehr für Fernsehfilme in die Hand genommen wird, aber der Trend geht auf dem Mittwochssendeplatz verstärkt zu Mehrteilern, die in der Mediathek als Serienformate ausgewertet werden, so wie dies zuletzt mit "Unsere wunderbaren Jahre" oder "Oktoberfest 1900" bereits erfolgreich umgesetzt wurde. Als künftige Highlights - ebenfalls von Ausschnitten begleitet - nannte Schönenborn den Vierteiler "Die Toten von Marnow" (NDR / Degeto), ein Thriller über Medikamentenversuche westdeutscher Pharmaunternehmen in der DDR und den Dreiteiler "Little America" (SWR / Degeto / WDR / NDR) über die Stationierung tausender GIs im Jahr 1951 in der pfälzischen Provinz. Drittes Miniserien-Highlight im Bunde ist die dritte Staffel des International-Emmy-Nominees "Charité". Als weitere Fiction-Programme wurden Bjarne Mädels Regiedbüt "Sörensen hat Angst" (NDR / Degeto), "Goldjungs" (WDR / Degeto) als Ausflug in die Siebziger zum Bankrott der Herrstatt-Bank, ein "Near-future-Schwerpunkt" mit den drei Filmen "Zero", "Ich bin dein Mensch" und "Das Haus" sowie die Miniserie "Tina mobil" (AT, rbb) hervorgehoben.

Huntgeburth, Harzer, Harfouch! Diese drei Protagonisten schüren die Vorfreude auf den Film "Ruhe! Hier stirbt Lothar" über einen vermeintlich moribunden Krebspatienten. Auf die aktuell begangenen Feierlichkeiten zum fünfzigjährigen "Tatort"-Jubiläum lässt die ARD im kommenden Jahr den "Polizeiruf 110" hochleben. Peter Kurth und Peter Schneider gehen im Mai mit der Folge "An der Saale hellem Strande" als neues Team des MDR an den Start. "Weil es mehr kreatives Talent gibt, als wir es uns leisten können", so die Ausführungen Schönenborns, würden internationale Koproduktionen weiter an Stellenwert für die ARD gewinnen. "Parlement" bildete hier den Anfang, als nächstes steht die belgisch-niederländisch-deutsche Koproduktion "Arcadia" vor der Tür.

Degeto-Chefin Christine Strobl, die im kommenden Jahr die Nachfolge von Volker Herres antritt, hatte ebenfalls eine Vielzahl besonderer fiktionaler Projekte im Gepäck. Das absolute Highlight bildet dabei gleich zu Jahresbeginn (3. Januar) die Ferdinand von Schirach-Verfilmung "Feinde". Ein Thema, die Aufklärung eines Entführungsfalls, mit zwei Filmen aus unterschiedlichen Perspektiven die zeitgleich im Ersten, allen Dritten Programmen und auf One ausgestrahlt werden. Darüber hinaus entstand für die Mediathek ein eigener Film, der beide Perspektiven vereint. Für das zweite Quartal kündigte Strobl "Das Begräbnis" von Jan Georg Schütte an, der zugleich als Impro-Serie in der Mediathek verfügbar sein wird. Im dritten Quartal wird der Event-Film "3 1/2 Stunden" zum 60. Jahrestag des Mauerbaus ausgestrahlt, im vierten folgt das zweiteilige Historienepos "Das Weiße Haus am Rhein" (Degeto / SWR / WDR). Als reines Mediatheken-Programm kündigte die Degeto-Chefin die Serie "All you need" an, in deren Mittelpunkt vier schwule Männer auf der Suche nach der großen Liebe stehen.

Der große Wille, die Mediathek weiter voranzubringen, drang in allen Programmbereichen durch. Selbst im Sport, wo Koordinator Axel Balkausky betonte, wie wichtig es war, auch für die Fußball-Bundesligen digitale Rechte zu erwerben. So stand Florian Hager als Channel Manager besonders im Fokus, und er demonstrierte unmissverständlich, dass er der richtige Mann am richtigen Ort ist, als er Volker Herres Frage, wann er sich was sich zuletzt im linearen Fernsehen angesehen habe, nicht beantworten konnte. Über den "Sendung verpasst"-Status sei man längst hinweg, so Hager, der die Mediathek als Chance begreift, "das ARD-Portfolio zu erweitern, zu öffnen, zu bereichern und ein deutlich jüngeres Publikum anzusprechen." Ziel sei es, pro Monat vier bis sechs neue Produktionen aus den Genres Fiktion/Serie, Dokumentation und Show/Comedy als Highlights zu präsentieren, die punktuell mit Lizenzkäufen ergänzt werden. Als Beispiel nannte er die Comedyserie "State of the Union" von Nick Hornby und Stephen Frears und die norwegischen Crime-Drama-Serie "Beforeigners - Mörderische Zeiten".

Das reichhaltige Engagement des gesamten Senderverbunds trägt bereits Früchte. Der vergangene Oktober war der erfolgreichste Monat in der Geschichte der Mediathek, beflügelt durch "Babylon Berlin" mit bislang 20 Millionen Abrufen für die dritte Staffel. Die gesamte Serie bringt es auf 40 Millionen Abrufe. Als Beispiel, dafür dass der Spagat zwischen linearem und non-linearem Angebot sehr gut gelingen kann, erwähnte Hager die Miniserie "Oktoberfest 1900" mit durchschnittlich 1,3 Mio. Abrufen pro Folge bei deutlich jüngerem Publikum als bei der linearen Ausstrahlung, die die ARD ebenfalls als Erfolg einstuft. Die Crime-Serie "Das Geheimnis des Totenwaldes", die heute als Dreiteiler linear startet, bringt es bereits auf zwei Millionen Abrufe.