Anzeige

Produktion

Preview: "Wir können nicht anders" von Detlev Buck

Mit "Wir können nicht anders" geht am 4. Dezember erstmals eine Regiearbeit von Detlev Buck als ein "Netflix präsentiert" an den Start. Hier unsere Besprechung der pechschwarzen Krimikomödie mit Kostja Ullmann und Alli Neumann.

27.11.2020 08:59 • von Thomas Schultze
Kostja Ullmann und Alli Neumann geraten gleich in eine Situation, über sie keine Kontrolle haben (Bild: Netflix)

Anzeige

Mit Wir können nicht anders" geht am 4. Dezember erstmals eine Regiearbeit von Detlev Buck als ein "Netflix präsentiert" an den Start. Hier unsere Besprechung der pechschwarzen Krimikomödie mit Kostja Ullmann und Alli Neumann.

Pechschwarze Krimikomödie von Detlev Buck, in dem ein junges Liebespaar in der Provinz in eine ausweglose Situation gerät

Einen Weihnachtsfilm hat Detlev Buck gedreht. Behauptet zumindest der Film selbst, gleich am Anfang, in ein paar stimmungsvollen Szenen mit schicksalsschwangerem Kommentar aus dem Off. Und legt der internationale Netflix-Titel nahe, "Christmas Crossfire". Besonders weihnachtlich oder beschaulich geht es indes nicht zu, auch nicht im letzten Drittel der Handlung, wenn eine der Hauptfiguren schließlich tatsächlich als Weihnachtsmann auftritt und zeigt, dass aus ihm besser ein Knecht Rupprecht geworden wäre. Bad Santa! Nun spielt "Wir können nicht anders" zwar in der Adventszeit, am Nikolaustag, genau gesagt.

Aber der Film, die 18. Spielfilmarbeit Bucks seit 1990, seine erste, die als ein "Netflix präsentiert" startet, hat zwar vielleicht mit Traditionen zu tun, aber ist wenig weihnachtlich. Näher steht er Bucks eigenem Gangsterfilm Asphaltgorillas", mit seinen beiden Liebenden auf der Flucht vor einer Handvoll böser Jungs, und ist gleichzeitig auch ein Gegenentwurf, der dem Stein, Glas, Beton und Kies der Großstadt in der Schirach-Verfilmung hier den Wald, einsame Silos und Lagerhallen und eine kleine Gemeinde mit Kopfsteinpflaster der Provinz gegenüberstellt. Der Titel bildet zudem den Schulterschluss mit Bucks erstem großen Kinohit, Wir können auch anders" aus dem Jahr 1993, noch so eine Murder Ballad aus den neuen Ländern. Mord und Totschlag sind aber inhaltlich die einzigen Bindeglieder. Wie viele der großen Buck-Erfolge, ob nun Männerpension" oder Rubbeldiekatz" oder die vier Bibi & Tina"-Filme, ist "Wir können nicht anders" aber vor allem ein Heimatfilm, ein moderner, in dem Sinne, in dem auch Deliverance" oder Southern Comfort" Heimatfilme sind.

So skurril die Figuren, deren Konstellation und die Handlung auch sein mögen in dem Drehbuch von Dark"-Autor Martin Behnke, das viel in Richtung Coen-Brüder schielt und von Buck mit dem unverkennbaren Schuss Kaurismäki-Lakonie angereichert wurde, so real und geerdet und wahrhaftig ist die Realität, in der die Dinge außer Kontrolle geraten: der deutsche Wald, die freiwillige Feuerwehr, die Gemeindegeburtstagsfeier, die stille Zeit - und mittendrin schwarze Refugees, die von den Einheimischen argwöhnisch und herablassend beäugt und behandelt werden. Nicht zuletzt spielen Dörfersterben und Landflucht eine gewichtige Rolle. Dass der, der die Modernisierung will, den Fortschritt, deshalb zum Verbrecher wird, weil sich die Einwohner ihm verweigern und Internet tatsächlich noch als Neuland empfunden wird, das man besser nicht betreten will, ist eine der tragischen Paradoxa der Geschichte, aber auch Triebfeder der Handlung, in der eine gescheiterte junge Frau mit einem Literaturprofessor, den sie unterwegs aufgelesen und in den sie sich wider besseres Wissen verliebt hat - Howard Hawks und "Leoparden küsst man nicht" lassen grüßen! -, in dessen kleinen Wohnbus zurückkehren will in den Schoß ihrer Familie in der Mitte von nirgendwo. Unterwegs geraten sie in eine Situation, die sie eigentlich nichts angeht, sie aber trotzdem zum Handeln zwingt. Sie können verhindern, dass ein Mann kaltblütig hingerichtet wird. Auch wenn das bedeutet, dass fortan Jagd auf sie gemacht wird: Je näher sie sich dabei ihrem ursprünglichen Ziel nähern, desto klarer wird, wie die so schräg wirkenden Figuren zusammenstehen und dass hier auf keinen Fall alle lebend rauskommen.

Das hat etwas von Arsen und Spitzenhäubchen" und den pechschwarzen Ealing-Komödien wie "Ladykillers", ist aber aufgrund der Erzählhaltung doch auch immer Buck pur und unverkennbar deutsches Kino. Kostja Ullmann und Neuentdeckung Alli Neumann aus Kim Franks Wach" sind vielleicht nicht Grant und Hepburn, aber sie sind sympathische Lovers on the Run in einer ihnen feindselig gesinnten Welt, die in den Badlands des Ostens auf Charakterköpfe wie Sascha Gersak, Peter Kurth, Sophia Thomalla und Detlev Buck selbst treffen, in einer Passionsgeschichte, die schmunzeln und lachen lässt, wundern und staunen, ein Fun-Movie, unter dessen ansprechenden Breitwandoberfläche es gewaltig brodelt.

Thomas Schultze