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Produktion

Oliver Rihs: "Der kreative Derwisch"

In "Bis wir tot sind oder frei" beschäftigt sich Oliver Rihs mit dem Schweizer Ausbrecherkönig Walter Stürm und fördert mit Barbara Hug ein spannendes politisches Kapitel der Schweiz zu Tage. Warum die Fragen, die der Film stellt, auch heute noch relevant sind, erzählt er im Interview. Der Film lief aktuell in den Wettbewerben von Tallinn und CamerImage.

26.11.2020 08:50 • von Barbara Schuster
Oliver Rihs mit Kameramann Felix von Muralt beim Dreh von "Bis wir tot sind oder frei", der Ende Februar in die deutschen Kinos kommt (Bild: Philippe Antonello / Port au Prince Pictures)

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In "Bis wir tot sind oder frei" beschäftigt sich Oliver Rihs mit dem Schweizer Ausbrecherkönig Walter Stürm und fördert mit Barbara Hug ein spannendes politisches Kapitel der Schweiz zu Tage. Warum die Fragen, die der Film stellt, auch heute noch relevant sind, erzählt er im Interview. Der Film lief aktuell in den Wettbewerben von Tallinn und CamerImage.

Der Begriff Freiheit spielt eine wichtige Rolle in Ihrem Film. Inwiefern kann man als Regisseur frei sein, wenn man eine solche Geschichte verfilmt?

Bei "Bis wir tot sind oder frei" war ich ziemlich frei, obwohl ja das ursprüngliche Drehbuch nicht von mir, sondern von Dave Tucker stammt, ich als Regisseur sozusagen angeheuert wurde. Aber Ivan Madeo, der Schweizer Hauptproduzent von Contrast Film, hat mir große Freiheiten eingeräumt, überließ es mir, wie ich mit dem Stoff umgehe, ihn umschreibe, ihn visuell gestalte - natürlich mit seinem eigenen Zutun und Wirken. Er schenkte mir sehr viel Vertrauen und wollte mich als Künstler, nicht bloß Umsetzer dabei haben. Dass es dennoch diverse Beschränkungen gab innerhalb eines relativ aufwändigen Drehs unter Berücksichtigung einer bestimmten Anzahl von Drehtagen, ist ja klar. Aber ich habe mich bei der Umsetzung tatsächlich sehr frei gefühlt und bin dafür sehr dankbar. Ich, wie wohl die meisten Menschen liefere die beste Arbeit ab, wenn man an mich glaubt.

"Bis wir tot sind oder frei" kommt zu einer Zeit, in der die Frage nach der Rechtsstaatlichkeit in Europa und andernorts gar nicht so falsch ist zu stellen. War es Ihnen ein Anliegen, die Geschichte deshalb gerade jetzt zu erzählen?

Der Stoff begleitet mich seit vier Jahren. Es waren viele Drehbuchprozesse und -schritte notwendig. Anfangs sah es eher nach einem Biopic über Walter Stürm aus, dann kam immer stärker Barbara Hug ins Spiel. Ich habe mich in diese Figur im Lauf der Zeit mehr und mehr verliebt. Glücklicherweise fanden die Dreharbeiten noch vor Corona statt. Im Schnitt, als die Pandemie dann Tatsache war, haben wir gemerkt, dass der Film eigentlich genau zur richtigen Zeit kommt. Denn auch wenn wir aus den 1980er- und 1990er-Jahren erzählen und die damaligen Umstände im Schweizer Justizsystem im Fokus haben, steckt viel Zeitaktuelles in der philosophischen Frage, wo Freiheit eigentlich stattfindet: Wie sehr kann einem der Staat Freiheit schenken? Wie sehr muss man sich Freiheit selbst nehmen? Und für mich mit am interessantesten: Was hat Freiheit mit Tod zu tun? Ich glaube nämlich, dass Freiheit mit Tod, mit der Einstellung dazu, sehr viel zu tun hat. Auch der ganz aktuelle Bezug im Hinblick auf die Corona-Pandemie lässt sich ziehen mit der Frage, was schützenswertes Leben ist? Der Film stellt viele gute Fragen an den Zuschauer.

Wie haben Sie mit Drehbuchautor Dave Tucker zusammengearbeitet? Inwiefern war Ihnen historische Genauigkeit wichtig?

Die historische Genauigkeit war uns sehr wichtig. Dave hat anfangs sehr stark an dem Biopic über Walter Stürm gearbeitet. Zu Stürm gibt es wesentlich mehr biografische Hintergründe, die wir sehr präzise erzählen, auf denen wir solide aufbauen konnten. Was Barbara Hug betrifft, hatten wir es schwerer, weil die Aussagen zu ihrer Person, wann genau was war, bei den Gesprächen mit Zeitzeugen doch recht widersprüchlich ausfielen. Auch was die Liebesgeschichte zwischen ihr und Walter Stürm anbelangt, sind ganz diametrale Aussagen gekommen. Aus diesen Informationen haben wir letztendlich unsere Wahrheit zusammengesetzt - auch um einen starken dramatischen Film erzählen zu können. Es sollte ja kein Dokumentarfilm werden. 70 Prozent des Erzählten sind belegt, bei 20 Prozent kann man diskutieren, zehn Prozent sind frei erfunden.

Die Geschichte beginnt mit den Jugendaufständen 1980 in Zürich. Inwiefern haben Sie diese Zeit selbst miterlebt bzw. wurden Sie davon geprägt? Sie waren damals gerade erst elf...

Die Jugendunruhen Anfang der Achtziger stehen mir direkt natürlich nicht so nahe, obwohl meine Mutter aus einer eher linken Szene kam. Sie war zwar nicht aktiv bei Demonstrationen und im Autonomen Jugendzentrum Zürich involviert, hat uns Kinder aber dennoch hin und wieder mitgenommen zu Demos, um uns einen Einblick zu geben, worum es hier eigentlich ging. Walter Stürm war für uns als Jugendliche ein Phänomen, wir haben ihn glorifiziert. Ich habe selbst eine problematische Jugend hinter mir, verlebte einige sehr intensive Jahre, kam mit dem Gesetz in Berührung. Walter Stürm war für uns in seiner Frischheit, seiner Gerissenheit, seiner Fähigkeit, immer wieder aus Gefängnissen auszubrechen - und das sogar mit Humor und Charme -, ein Held. Erst durch die Arbeit am Drehbuch habe ich ihn besser kennengelernt und gemerkt, dass er auch viele Schattenseiten hatte. Er war kein Che Guevara, keine politische Leitfigur.

Der Film beginnt mit einer toll gefilmten Straßenschlacht, bei der man als Zuschauer das Gefühl hat, körperlich teilzunehmen. Wie haben Sie das geschafft?

Wir hatten zunächst einmal tolle Komparsen, die wir extra in der linken Szene gesucht haben und die sich dann wahnsinnig ins Zeug gelegt haben. Die hatten richtig Spaß, Steine und Molotow-Cocktails zu werfen und Autos zu demolieren. Dann ist es die fast kriegsdokumentarische Kameraarbeit von Felix von Muralt, die sehr nah an den Figuren bleibt.

Während die von Marie Leuenberger verkörperte Barbara Hug mit hehren politischen Zielen antritt und Freiheit durch Rechtsstaatlichkeit erreichen will, geht es bei Joel Basman als Walter Stürm eher um das Individuum, das die Freiheit letztendlich nur im Tod finden kann. Welches der beiden Konzepte steht Ihnen näher?

Natürlich beschäftigen mich Themen wie aktuell der Umgang der Regierung mit der Bevölkerung, der stattfindenden Freiheitsregulierung. Aber noch spannender finde ich die Frage, wo meine persönliche Freiheit stattfindet. Da ist mir dann Walter Stürm doch näher, der sagt, Freiheit ist etwas, das man sich nehmen muss. Ich bin grundsätzlich kein Mensch, der sich auf den Staat verlassen möchte, das könnte ich einfach nicht. In der Schweiz lernt man das auch anders, weil die Erziehung doch libertärer funktioniert als etwa in Deutschland. Und doch ist es wichtig, dass man den Staat ernst nimmt, ihn beim Wort nimmt und ihn auch kritisieren kann. Aber die Frage, wie man mit seiner inneren Freiheit umgeht, inwieweit man überhaupt bereit ist, sie anzunehmen, ist für mich zentraler. Freiheit ist nicht nur etwas Schönes, sie kann auch unheimlich sein, Angst machen.

Haben Barbara Hug und Walter Stürm gesellschaftlich etwas verändert in der Schweiz?

Barbara Hug hat viel bewegt. Das Anwaltskollektiv, in dem sie gearbeitet hat, gibt es nach wie vor. Sie haben einen großen Wirbel verursacht und sich gegen die reaktionäre Haltung des Staats gestellt, sich für die Rechte der Kleinen, der Ausländer, der Gefangenen stark gemacht. Ein Kollege von Barbara Hug, Moritz Leuenberger (nicht verwandt mit Marie Leuenberger, Anm. der Red.), der im Film unter einem anderen Namen vorkommt, wurde einige Jahre später sogar Schweizer Bundespräsident. Auch die anderen haben interessante politische Karrieren gemacht, einige haben ihre radikal linken Ideen weiterverfolgt, andere wurden Sozialdemokraten, teilweise reden sie heute nicht mehr miteinander. Sie haben die Schweiz wirklich im sozialen Gefüge umgekrempelt, auch wenn heute immer noch die Schweizer Volkspartei, der rechte Flügel, viel Gewicht im Land hat.

Marie Leuenberger ist eine Wucht als Barbara Hug. War sie die Wunschkandidatin für die Rolle?

Weder sie noch Joel Basman waren zu Beginn meine Wunschbesetzung. Ich wollte eigentlich zwei total unbekannte Schauspieler entdecken. Marie und Joel sind dagegen in der Schweiz schon sehr prominent. Marie spielte unter anderem in "Die göttliche Ordnung", der extrem erfolgreich war in der Schweiz, und Joel ist derzeit sowieso der bekannteste Schweizer Jungdarsteller. Ich habe viel gecastet, über ein Jahr lang. Letztendlich bin ich bei den beiden gelandet. Es war überhaupt nicht geplant, und es stellte sich dann auch noch die Frage, ob wir das gut hinbekommen, weil Marie ein paar Jahre älter ist als Joel. Aber sie waren die einzigen, die wirklich überzeugend waren in der Darstellung dieser Figuren. Marie war für mich eine solche Perle, dass ich sie anschließend in den TV-Mehrteiler "Blackout" mitgenommen habe, den ich mit Lancelot von Naso als Ko-Regisseur für Wiedemann & Berg, Joyn und Sat1 gedreht habe. Auch hier war sie wieder super.

Koproduziert wurde der Film auch von Port au Prince, die Sie 2008 mitgegründet haben. Wie hat sich die Firma seither entwickelt? Spielen Sie überhaupt noch eine Rolle im Tagesgeschäft?

Jein. Ich habe die Firma lange schon Jan Krüger und Jörg Trentmann in die Hand gegeben als führende Produzenten. Ich behalte den Überblick, streune immer mal wieder rein, gucke, ob die Chemie innerhalb der Firma stimmt. Ich schleuse auch Projekte ein und stelle Kontakte her. Jan sagt immer, ich sei der kreative Derwisch der Firma. Ich kann immer mitreden, wenn ich will. Aber oft komme ich nicht dazu. Mein Herzblut ist absolut dabei, aber das Schiff wird von Jan und Jörg gesteuert.

"Blackout" haben Sie schon angesprochen. Es war Ihr erster Ausflug in die Streamingwelt...Welche Erfahrung haben Sie gemacht?

Quirin Berg und Stefan Gärtner von ProSiebenSat1 sowie Jana Kaun und Lena Wickerthaben mich angesprochen und mir den Job angeboten, nachdem sie "Bis wir tot sind oder frei" gesehen hatten. Der Serienbereich hat mich schon länger interessiert und ich bin immer begeistert, wenn ich etwas dazulernen kann. Für mich war klar, dass ich nicht einfach als ausführender Regisseur mitmachen, sondern auch bei der Gestaltung und dem Look mitbestimmen möchte. Lancelot von Naso war schon viel länger am Stoff dran, da er mit Kai-Uwe Hasenheit bereits die Drehbücher geschrieben hat. Von daher haben wir die Regie gerecht aufgeteilt, er inszenierte Folge eins, ich Folge zwei, er Teil drei und vier und ich schließe ab mit fünf und sechs. Es war eine interessante Erfahrung, wenngleich nicht unkompliziert. Aber wir haben es gut hinbekommen.

An was arbeiten Sie derzeit?

Ich bin an einem weiteren Serienprojekt dran und arbeite mit Oliver Keidel an einem Stoff, in dem es um Voodoo geht. Sehr komplex, sehr arthousig.