Kino

KOMMENTAR: Blick in den Abgrund

"Kultur ist unverzichtbar!" Das hat kein Mitglied der Ministerpräsidentenrunde gesagt, sondern Frankreichs Präsident Macron, und sperrt deswegen am 15. Dezember die Kinos wieder auf. Bei uns bleiben sie geschlossen.

26.11.2020 07:25 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

"Kultur ist unverzichtbar!" Das hat kein Mitglied der Ministerpräsidentenrunde gesagt, sondern Frankreichs Präsident Macron, und sperrt deswegen am 15. Dezember die Kinos wieder auf. Bei uns bleiben sie geschlossen. Man kann sich nur noch wundern, wie wenig der komplette Shutdown der Kultur die führenden Köpfe der deutschen Politik beschwert. Selbst von der zuständigen Ministerin gibt es keine Widerworte oder Ehrenerklärungen mehr, so als sei sie in der Pandemie bemüht, ihr Amt und ihren Einfluss wegzurationalisieren. Das Leid ist schon auf allen Ebenen geklagt. Soweit die Kreativen oder Kulturschaffenden nicht im öffentlichen Dienst beschäftigt sind, ist ihre wirtschaftliche Existenz bedroht. Die Hilfen, die sich andere Industrien so mühelos etwa bei Andi Scheuers Autogipfel abholen, die fließen für mittelständische Unternehmer, gar nicht zu reden von den kurz befristet Beschäftigten im kulturellen Bereich, deutlich zäher bis gar nicht. Ein Kultur- oder Kinogipfel wird gar nicht erst anberaumt.

Was der Wirtschafts- und der Finanzminister an Milliarden Euro Soforthilfe jetzt neu ausloben, das nehmen sie im Zweifel aus den vor einem halben Jahr präsentierten Töpfen, die angeblich mangels Nachfrage noch gefüllt seien. Dass der bürokratische Apparat diese Gelder mit Zähnen und Klauen gegen jeden Antragsteller verteidigt, das verheimlichen sie lieber vor sich und anderen. Und dass die Kreativwirtschaft in Deutschland eine Milliardenindustrie mit beispielloser Wichtigkeit für unsere Zukunft und bald zwei Mio. Beschäftigten ist, und damit wichtiger als viele Altindustrien, die sich ihre Subventionen bei der Kanzlerin persönlich abholen, das nimmt die Politik auch wegen unzureichender Lobbyarbeit hartnäckig nicht zur Kenntnis. Das Elend der deutschen Kinos ist da nur ein Aspekt der Kulturvergessenheit deutscher Politik. Eine lebendige Kultur, der eine überragende Bedeutung für die Stärkung unserer demokratischen Gesellschaft zukommt und die eine bedeutende Rolle gerade jetzt im Umgang mit der Pandemie spielen könnte! Tatsächlich lässt Frankreichs Präsident die Kinos pünktlich zum Start des letzten Blockbusters für 2020, nämlich Wonder Woman 1984", den Warner dankenswerterweise auch vor einer Impfkampagne startet, wieder öffnen, und das auch noch mit rechtzeitiger Ansage, damit die Kinos planen können. Auch in Nachbarländern wie Belgien und den Niederlanden oder in UK dürfen Kinos wegen ihres nicht vorhandenen Beitrags zu den Infektionszahlen trotz hoher Inzidenzzahlen öffnen. Bei uns bleiben wegen der unzureichenden oder ungeeigneten Maßnahmen, die Anfang November beschlossen wurden, alle Kultureinrichtungen geschlossen. Stattdessen dürfen die Kinos bei uns um Soforthilfen, die ihren Namen nicht verdienen, und bessere Planbarkeit betteln - und einen ersten Blick in den Abgrund wagen.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur