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Produktion

Review: "Uncle Frank" von Alan Ball

Heute startet bei Prime Video der amerikanische Festivalhit "Uncle Frank" mit Paul Bettany, die neue Regiearbeit von "American Beauty"-Autor Alan Ball. Hier unsere Besprechung.

25.11.2020 11:50 • von Thomas Schultze
On the Road: Paul Bettany, Sophia Lillis und Peter Macdissi müssen der Wahrheit ins Auge sehen (Bild: Prime Video)

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Heute startet bei Prime Video der amerikanische Festivalhit Uncle Frank" mit Paul Bettany, die neue Regiearbeit von American Beauty"-Autor Alan Ball. Hier unsere Besprechung.

Roadmovie vom Autor von »American Beauty« über einen Mann, der ein Trauma der Vergangenheit überwinden muss.

Alan Ball identifiziert man gemeinhin als Showrunner von revolutionärem Fernsehen: Six Feet Under" oder True Blood" sind seine Schöpfungen, wilde und radikale Serien, in denen er unangepasstes Leben auf konservative amerikanische Familienwerte prallen ließ, in denen diejenigen Freiheit feiern konnten, die es wagen, aus dem Korsett des Normativen zu schlüpfen. Dass man zwangsweise zerbrechen muss, wenn man es nicht tut, war Inhalt seines oscargekrönten Drehbuchs zu "American Beauty", eine mit pechschwarzem Humor und großer Wehmut getränkte Operation am offenen Herzen des hässlichen Amerika. Wie ein Echo der bekanntesten Kinoarbeit Balls wirkt auch seine zweite Arbeit als Spielfilmregisseur nach seiner wenig gesehenen Romanadaption Towelhead" aus dem Jahr 2007, die man später nichtssagend umbenannte in "Nothing Is Private" (und in Deutschland mit dem noch nichtssagenderen Titel "Unverblümt - Nichts ist privat" als Videopremiere vor dem Publikum versteckte). Wie eine Mischung aus Green Book - Eine besondere Freundschaft" und Niemals selten manchmal immer" wirkt dieser offenkundig zutiefst persönliche Film über einen Roadtrip von New York in eine kleine Gemeinde in South Carolina im Jahr 1973, zur Beerdigung eines despotischen Patriarchen.

Für den 46-jährigen Literaturprofessor Frank Bledsoe, gespielt von "Avengers"-Star Paul Bettany in einer komplexen und tief empfundenen Rolle, wie er sie seit seinem Auftritt in "Master and Commander" vor 17 Jahren versprochen und bis jetzt nicht abgeliefert hatte, ist es kein leichter Trip. Zum einen, weil er bis jetzt vor seiner Familie verheimlicht hat, dass er seit mehr als zehn Jahren mit einem anderen Mann zusammenlebt, dem grundsympathischen Walid, gespielt von Balls Lebensgefährten Peter Macdissi. Zum anderen, weil seine unbedarfte, aber weltoffene Nichte Beth - Sophia Lillis aus den "ES"-Filmen - mit dem Männerpaar im Auto ist. Was für Frank per se kein Problem ist: Er mag Beth, Beth mag ihn. Als sie ihn bei einem Gespräch in einem Diner allerdings beiläufig nach seiner ersten homosexuellen Erfahrung fragt, antwortet er zwar lapidar: "Ach, nur ein Junge aus der Schule." und geht zum nächsten Thema über. Tatsächlich löst Beth in Frank mit ihrer Frage einen Mahlstrom widerstrebender Gefühle aus, fördert lange Verdrängtes, zwanghaft Vergessenes zu Tage, ein Trauma, das bis jetzt zwischen ihm und seinem Vater steht und nun, 30 Jahre später, an die Oberfläche drängt.

In dem Maße, wie die Erinnerungen an die Tragödie sich immer stärker in Franks Bewusstsein schieben, ändert sich auch der Ton des bisher so leichten, fast beschwingten, auf wissende Weise augenzwinkernden Films: Es ist wie eine pechschwarze Gewitterwolke, die die Sonne verdeckt - und erst wieder verschwindet, wenn es einen Wolkenbruch gegeben hat. Zwangsweise muss "Uncle Frank" dem Ernst der Lage gerecht werden. Wie es Alan Ball dann gelingt, den Regenfall und das Gewitter mit seinen Blitzen und dem Donner tatsächlich reinigend sein zu lassen, offenbart nicht nur den versierten Drehbuchautor, sondern auch einen Humanisten, für den es maßgeblich ist, dass offene Wunden und Narben anerkannt werden müssen, wenn es Resolution und Heilung geben soll: Wie es Frank schafft, über seinen Schatten zu springen und seinen Lebensgefährten endlich in den Kreis seiner Familie einzuführen, und wie die Familienmitglieder dann reagieren, ist nicht nur versöhnlich, sondern macht auch Hoffnung: Vergebung und Empathie sind machbar, Herr Nachbar. Eine schöne Botschaft im Jahr 2020.

Thomas Schultze