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Produktion

Tobi Baumann zu "ÜberWeihnachten": "Eine Art Ausnahmezustand"

Übermorgen startet "ÜberWeihnachten", die erste Arbeit von Tobi Baumann für Netflix. Der erfolgreiche Comedian Luke Mockridge gibt mit dem Dreiteiler sein Debüt als Fiction-Schauspieler. Wir sprachen mit dem Regisseur und Showrunner über die Arbeit mit Comedians und Weihnachten in der Provinz.

25.11.2020 08:16 • von Thomas Schultze
Tobi Baumann: "Wenn man für Netflix arbeitet, dreht man für die ganze Welt" (Bild: Steffen Wolff)

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Übermorgen startet ÜberWeihnachten", die erste Arbeit von Tobi Baumann für Netflix. Der erfolgreiche Comedian Luke Mockridge gibt mit dem Dreiteiler sein Debüt als Fiction-Schauspieler. Wir sprachen mit dem Regisseur und Showrunner über die Arbeit mit Comedians und Weihnachten in der Provinz.

"ÜberWeihnachten" markiert bereits das dritte Mal, dass Sie sich dem Thema Weihnachten filmisch nähern. Was hat Sie zum Spezialisten gemacht?

TOBI BAUMANN: Da steckt sicherlich kein genialer Plan dahinter. Generell finde ich Weihnachten eher anstrengend. Ich laufe nicht schon ab Oktober mit einem Weihnachtspullover herum, wenngleich ich gestehen muss, dass ich mich dann doch von der allgemeinen Begeisterung anstecken lasse. Wie Luke Mockridge komme aber auch ich vom Dorf. Und diese Tradition, an Weihnachten nach Hause zu fahren, die Familie und die alten Freunde zu treffen und in ihrem Kreis zu feiern, übt eine starke Faszination auf mich aus. Das Bedürfnis, an Weihnachten heimzukommen, trieb schon die Handlung in Zwei Weihnachtsmänner". Das ist jetzt natürlich auch der Ausgangspunkt für "ÜberWeihnachten": Weil Weihnachten so eine Art Ausnahmezustand ist, fast außerhalb der Realität steht, will man alles besonders gut machen. Und da fällt einem dann besonders auf, was alles im eigenen Leben nicht so perfekt ist.

Was der Grund ist, warum Familie und Weihnachten immer und immer wieder Themen für Filmstoffe sind. Wie muss man 2020 an einen solchen Stoff herangehen, damit es nicht altbekannt oder gar klischeehaft wirkt?

TOBI BAUMANN: Modern wird es mit den handelnden Figuren, die man erzählt. Der Hintergrund ist der, der er ist: Weihnachten wird in der deutschen Provinz einfach auf eine ganz spezielle Weise gefeiert, das ist dann eben traditionell und in der Konsequenz die Erfüllung von Klischees. Es kommt darauf an, wie die Figuren damit umgehen, was das mit ihnen anstellt. Wenn man für Netflix arbeitet, dreht man für die ganze Welt. "ÜberWeihnachten" wird gleichzeitig in allen Territorien starten, die von Netflix bedient werden. Aber gerade deshalb hat man uns immer wieder ermutigt, die Geschichte so spezifisch wie möglich zu erzählen, so deutsch, wie es eben geht, ganz lokal aus unserem Leben und unserer Erfahrung zu denken. Nur so kann man etwas wirklich Authentisches machen, das für sich steht. Das bedeutet aber auch, dass man traditionell denken muss: Ich bin auf dem Dorf, ich treffe meine Familie und Freunde, die Strukturen und Rituale sind altbekannt. Vielleicht ist das klein und normal, aber es ist auch wahrhaftig und echt, unverstellt.

Gleichzeitig will man aber doch auch nicht Stereotypen bedienen?

TOBI BAUMANN: Das tun wir nicht. Es kommt eine Figur von draußen dazu, einer aus Berlin, der dadurch natürlich auch einen ganz eigenen Blick hat auf das Leben im Dorf, kritisch einerseits, aber auch liebevoll und nostalgisch. Und es ist auch nicht so, dass die Menschen im Dorf unter einer Glocke leben. Wie man im Verlauf der Geschichte sieht, sind die Figuren dort mit den gleichen Themen konfrontiert wie in der Großstadt, nur dass in diesen engen Gemeinschaften anders damit umgegangen wird. Das macht es spannend, weil man wie mit dem Brennglas auf sehr universelle Themen blicken kann. Nur aufgesetzt darf es auf keinen Fall wirken. Wir haben ganz bewusst entschieden, unsere Geschichte nicht bigger than life erzählen zu wollen, wie man das in amerikanischen Weihnachtsfilmen gerne tut. Die Figuren und ihre Probleme begegnen uns immer auf Augenhöhe.

Stand am Anfang gleich das Bestreben, eine Weihnachtsgeschichte erzählen zu wollen? Nach Zeit der Geheimnisse" vor einem Jahr ist "ÜberWeihnachten" bereits der zweite Feiertags-Dreiteiler auf Netflix.

TOBI BAUMANN: Unser Ausgangspunkt war die Idee, für und mit Luke Mockridge einen ersten fiktionalen Stoff zu finden. Luke hat das Bestreben, sich weiterzuentwickeln, neue Wege zu gehen, sich auszuprobieren. Sich in Richtung Fiction zu öffnen, erschien uns als logischer Schritt. Christian "Pokerbeats" Hubers Buch "7 Kilo in 3 Tagen" hat uns auf Anhieb gefallen. Er kommt aus einem ähnlichen Kosmos wie wir, bewegt sich in den Kölner Comedykreisen, ist auf Twitter sehr aktiv und betreibt einen populären Podcast. Uns gefiel der Spirit, die genaue Beobachtung, wir hatten aber den Eindruck, dass man bei der Geschichte noch etwas weiter gehen müsste. Also setzten wir uns gemeinsam mit Luke hin und stellten schnell fest, dass unser gemeinsamer Nenner ist, vom Dorf zu kommen. Wir hatten großen Spaß dabei, unsere Erfahrungen zusammenzuwerfen und zu einer Geschichte zusammenzufügen. Musik spielt eine große Rolle - da ist es natürlich ein Geschenk, mit Luke Mockridge zu arbeiten, der selbst Musiker ist und dem man abnimmt, wenn er einen nicht allzu erfolgreichen Singer-Songwriter spielt.

Da war Netflix bereits an Bord?

TOBI BAUMANN: Wir haben das Projekt auf eigene Faust entwickelt. Bei einem Gespräch mit Eva van Leeuwen, die als Creative Executive bei Netflix arbeitet, habe ich den Stoff erwähnt und stieß gleich auf Interesse: Zu der Zeit war "Zeit der Geheimnisse" gerade gelaufen, und Netflix suchte ein Projekt für diesen Slot im Jahr 2020. So entstand dann die naheliegende Idee, die drei Tage über Weihnachten auch in drei Teilen zu erzählen. Ein Tag, eine Folge. Und dann ging alles ganz schnell.

Erstmals waren Sie bei einem Projekt Regisseur, Mitautor und Executive Producer - im Grunde eine Showrunnerfunktion. Wie war diese Erfahrung?

TOBI BAUMANN: Eine schöne Erfahrung. Schon vor meiner Rückkehr zu Brainpool hatte ich die Fühler in Richtung Produzententum ausgetreckt. Bei Brainpool habe ich dann die Position des Produzenten von Pastewka" und als Geschäftsführer des Fiction-Labels Brainpool Pictures übernommen. Die kreative Arbeit vor Ort als Regisseur hat mir jedoch sehr gefehlt. Bei "ÜberWeihnachten" bot sich jetzt auch die Gelegenheit, beides endlich miteinander zu verbinden, ohne dass ich mich gleich verhebe: Ein Dreiteiler - oder "limited series", wie man so schön sagt - ist überschaubar als in sich geschlossenes Projekt. Mir kam das entgegen, "ÜberWeihnachten" sowohl kreativ wie produzentisch zu begleiten, und zwar von Anfang an, von der Entwicklung über den Dreh hin zur Fertigstellung. Ich hänge persönlich sehr an der Welt, die wir erzählen, und konnte mich entsprechend auch als Autor gut einbringen. In den letzten Jahren habe ich zunehmend bei Projekten früh am Buch mitgearbeitet, die ich dann wie meinen letzten Kinofilm Gespensterjäger" selbst inszeniert oder aber auch an einen anderen Filmemacher weitergegeben haben wie z.B. Das schönste Mädchen der Welt". Insofern laufen bei "ÜberWeihnachten" jetzt ein paar Fäden zusammen. Wenn man am Set steht und den kompletten Prozess der Drehbuchentwicklung mitgemacht hat, sieht man als Regisseur den ganzen Film anders, man steckt viel tiefer drin, man weiß bei jeder Entscheidung, warum sie getroffen wurde. Das ist ungemein befreiend.

Empfanden Sie es nie als Belastung, so viele Hüte gleichzeitig aufzuhaben?

TOBI BAUMANN: Habe ich nie so empfunden. Natürlich hatte ich riesigen Respekt. Ich wurde auch immer wieder von außen gefragt, ob ich mir wirklich all diese Aufgaben ans Bein binden wollte. Aber zu keiner Zeit hatte ich das Gefühl, dass mir das Projekt über den Kopf wachsen konnte. Das mag daran liegen, dass es mit drei Mal 45 Minuten doch auch überschaubar war. Die gemeinsame Entwicklung mit Netflix lief sehr gut, die Logistik war klar, wir wussten, was wir machen wollten, und hatten eine Vorstellung, wie man das umsetzen muss. Da hat sich die intensive Beteiligung am Drehbuchprozess natürlich ausgezahlt. Und ich muss auch sagen, dass mir der Lockdown sehr geholfen hat, mich in Ruhe ausschließlich auf die Fertigstellung von "ÜberWeihnachten" zu fokussieren. Die Dreharbeiten konnten wir noch im März fertigstellen können, bevor alles runtergefahren wurde. Danach gab es nur diese eine Aufgabe für mich. Und dank meines großartigen Teams kam ich auch nie ins Schwimmen.

Corona hat Sie also nicht aus der Bahn geworfen?

TOBI BAUMANN: Es gab ein paar Aufnahmen, die wir nachträglich machen mussten, während des Lockdowns. Das war etwas tricky. Einerseits weil es unzählige Sicherheitsmaßnahmen zu beachten galt, andererseits weil wir etwas drehen mussten, was eigentlich unmöglich zu drehen war, nämlich eine Konzertszene mit Luke in einer Halle vor großem Publikum - ursprünglich geplant bei Lukes anschließender Live-Tour: mit Corona plötzlich ein Ding der Unmöglichkeit. Zum Glück gibt es bei Brainpool ein riesiges Archiv mit Aufnahmen von Liveauftritten mit Luke, die wir mit Visual Effects mit neu gedrehten Aufnahmen von ihm beim Singen zusammenfügen konnten. Ansonsten habe ich "ÜberWeihnachten" mit meinem Editor komplett remote geschnitten. Verbunden waren wir über Hangout, ein sehr intimer Prozess, ohne dass wir uns jemals gemeinsam in einem Raum befunden hätten.

Wie inszeniert man einen Schauspielneuling wie Luke Mockridge?

TOBI BAUMANN: Diese Art von Zusammenarbeit mit erfolgreichen Comedians habe ich im Lauf meiner Karriere schon mehrfach erlebt. Mal ging es gut, mal ging es nicht ganz so gut. Bei Luke hatte ich schnell ein sehr gutes Gefühl. Bei unseren Gesprächen merkte ich, dass er nicht auf die Pauke hauen wollte, sondern die richtige Demut vor der Schauspielerei mitbrachte, auch wenn er auf eine außergewöhnlich erfolgreiche Laufbahn als Entertainer und Soloperformer verweisen kann. Das ist eine gute Voraussetzung. Das mag daher rühren, dass er aus einer lupenreinen Showbiz-Familie kommt. Er hatte aber eben auch den Ehrgeiz, sich dieser Herausforderung voll und ganz zu stellen. Er wollte Neuland betreten und wusste, dass es da egal ist, ob ihm sonst in einer Halle tausende von Menschen zujubeln. Sich in ein Ensemble von erfahrenen Schauspielern einzufügen, geht nur als Teamspieler und mit Respekt. Und wenn er Angst gehabt haben sollte, hatte er auch immer mich als Regisseur an seiner Seite, der sie ihm nehmen konnte. Luke wollte lernen und sich beweisen. Ich denke, das sieht man. Er ist nicht Luke Mockridge in "ÜberWeihnachten", sondern die Figur Bastian Kollinger, die uns für drei Tage mit auf seine emotionale Reise nimmt.

Es gibt eine Fortsetzung von Christian "Pokerbeats" Huber, "Alle anderen können einpacken". Würde sich dieser Stoff als kommender Weihnachts-Dreiteiler anbieten?

TOBI BAUMANN: "ÜberWeihnachten" ist als in sich geschlossene Geschichte erzählt. Aber man soll niemals nie sagen. Wenn die Menschen Lust haben, mehr Zeit mit diesen Figuren zu verbringen, könnte man sich die Sache schon einmal anschauen. Da gäbe es dann aber auch terminliche Hürden zu überwinden. Luke Mockridge ist sehr gefragt, eigentlich immer auf Achse. Schon jetzt war es nicht ganz leicht, ein gemeinsames Zeitfenster für unseren Dreiteiler zu finden. Aber warum nicht? Aus diesem Kosmos kann man noch mehr erzählen. Und vielleicht wäre es auch spannend, unsere aktuellen Erfahrungen während dieser ungewissen Zeit an diesen Figuren abzugleichen und in eine neue Geschichte einfließen zu lassen.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.