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Simon Müller-Elmau: "Wir konnten diese Marke nicht versiegen lassen."

TVNow macht's möglich: Am 23. November feiert die Daily "Verbotene Liebe" auf dem Streaming-Dienst der Mediengruppe RTL ein sensationelles Comeback als Hochglanz-Serie. Blickpunkt:Film sprach mit UFA-Produzent Simon Müller-Elmau aber auch über das Aus des ZDF-Klassikers "SOKO München" und die weitern Pläne am UFA-Standort München.

20.11.2020 15:33 • von Frank Heine
Simon Müller-Elmau (Bild: UFA GmbH)

TVNow macht's möglich: Am 23. November feiert die Daily "Verbotene Liebe" auf dem Streaming-Dienst der Mediengruppe RTL ein sensationelles Comeback als Hochglanz-Serie. Blickpunkt:Film sprach mit UFA-Produzent Simon Müller-Elmau aber auch über das Aus des ZDF-Klassikers "SOKO München" und die weitern Pläne am UFA-Standort München.

Sie waren schon einmal als Producer für "Verbotene Liebe" tätig, viele Jahre später sind Sie nun Produzent des Comebacks "The Next Generation". Fühlen Sie sich wie in einer Zeitreise?

SIMON MÜLLER-ELMAU: Die Zeit als Producer von 2005 bis 2008 habe ich sehr genossen. Von "Verbotene Liebe" geht eine besondere Faszination aus. Das liegt vielleicht daran, dass man alles erzählen kann. Es ist "bigger than life", man kann sich in menschlichen Abgründen austoben und die schönsten Liebesgeschichten erzählen - und das alles in einem täglichen Format. Da wird man irgendwann einfach mitgerissen. Als mich unser Geschäftsführer Markus Brunnemann Anfang des Jahres fragte, ob ich beim Comeback mit an Bord kommen will, empfand ich das als Ehre. Manchmal fühlt es sich auch komisch an, weil wir einerseits etwas Neues machen, man aber andererseits auf viele Weggefährten von damals trifft und in den Gesprächen die ganzen Anekdoten wieder hochkommen.

Wie kam es denn zur Fortsetzung nach knapp fünf Jahren?

SIMON MÜLLER-ELMAU: Das Ende von "Verbotene Liebe" in der ARD 2015 konnten die Beteiligten bei der UFA Serial Drama, allen voran Headautorin Cecilia Malmström, nie so richtig akzeptieren. Es gab noch so viel zu erzählen. Deshalb wurde schon sehr früh darüber nachgedacht, wie man weitermachen könnte. Nach einigen Jahren der Entwicklung haben wir dann mit TVNow einen Partner gefunden, der bereit war, ernsthaft über eine Fortsetzung nachzudenken. Schnell entstanden viele Ideen für Geschichten. Aber es war von Anfang an klar, dass wir etwas Neues erzählen und noch sexyer werden wollen. Mit der "Next Generation" wurde ein neuer Ansatz gefunden. Als die Idee Anfang 2019 geboren wurde, war auch schon klar, dass wir keine Daily mehr machen würden, sondern eine Glamour-Serie mit 10 x 45 Minuten.

Interessant, dann ist die "Verbotene Liebe" für die UFA nie von der Bildfläche verschwunden?

SIMON MÜLLER-ELMAU: Das ploppte immer wieder auf, weil wir gemerkt haben, dass die Strahlkraft dieser Marke immer noch sehr groß war. Ob in Fanforen, den sozialen Medien oder durch Zuschauerzuschriften. Wir konnten diese Marke einfach nicht versiegen lassen.

Wie war die rechtliche Situation? Die ARD hatte offenbar keine Ansprüche mehr.

SIMON MÜLLER-ELMAU: Genau. Nach einigen Jahren fielen die Rechte an die UFA Serial Drama zurück. So kam es auch dazu, dass die alten Folgen von "Verbotene Liebe" inzwischen auf TVNow laufen.

Wo setzen Sie jetzt mit der "Next Generation" an? Inwieweit werden alte Erzählstränge, wieder aufgegriffen?

SIMON MÜLLER-ELMAU: Wir setzen fünf Jahre später an. Wir haben nur einen von mehreren offenen Handlungssträngen wieder aufgenommen und greifen dafür auf ein paar der ursprünglichen Figuren zurück. Vor allem auf die Figuren mit der größten Fanbase, wie etwa Ansgar von Lahnstein (Wolfram Grandezka), der 2015, als die Serie zu Ende ging, ins Gefängnis musste. 2020 kommt er wieder frei. Charlie Schneider (Gabriele Metzger) ist noch dabei und hat natürlich immer noch das Bistro "Schneiders". Wir freuen uns sehr, dass wir Isa Jank für eine Special Appearance als Clarissa von Anstetten gewinnen konnten. Sie war das Gesicht der "Verbotenen Liebe" in den Neunzigern und ist bei den Fans noch immer sehr präsent. Außerdem gibt es ein Wiedersehen mit Jo Weil als Oliver Sabel und Claudia Hiersche als Carla von Lahnstein. Es steht jetzt aber eine neue Familie, die Verhovens, im Zentrum, die jetzt das Schloss Königsbrunn bewohnt, in dem früher auch die Lahnsteins gewohnt haben. Die Figuren von früher sind über verschiedenartige Beziehungen dort angedockt.

Wie bekommt man Altes und Neues unter einen Hut?

SIMON MÜLLER-ELMAU: Es war eine riesige Herausforderung, die viel Zeit in Anspruch nahm. Aber ich denke, wir haben es sehr gut hinbekommen. Wir lassen Bekanntes zur Geltung kommen, sorgen für Wiedererkennungseffekte, aber der moderne Ansatz ist deutlich zu erkennen.

Welches Publikum hat man bei TVNow, haben Sie im Visier? Die Fan-Base oder doch eher die nächste Generation?

SIMON MÜLLER-ELMAU: Beide. Natürlich wollen wir die ursprünglichen Fans wieder mobilisieren. Das ist auch der Gedanke von TVNow. Das müssen wir erfüllen. Aber es geht auch darum, junge Zuschauer zu begeistern, die zuvor vielleicht noch keine Folge von "Verbotene Liebe" gesehen haben. Und deshalb ist es auch wichtig, dass diese Zuschauer die Serie von der ersten Folge an schauen können, ohne das Gefühl zu haben, sie hätten etwas verpasst.

Also kein Vorwissen erforderlich?

SIMON MÜLLER-ELMAU: Nein. Das ist der Hauptgrund, warum wir uns dafür entschieden haben, die meisten offenen Handlungsstränge von 2015 nicht wieder aufzugreifen.

Ist es nicht dennoch eine Gratwanderung die Erwartungen alter Fans und die Sehgewohnheiten eines Streaming-affinen Publikums unter einen Hut zu bringen?

SIMON MÜLLER-ELMAU: Ich habe schon in meiner Zeit als Producer versucht, mich von solchen Gedanken freizumachen. Die Fans wissen über ihre Serie immer alles am besten, da kann man kaum gewinnen. Um sie dennoch mitzunehmen, hilft die Reduktion auf den Kern der Serie, unabhängig von den Figuren. Gerade bei einer Daily ist das ja ein ständiges Kommen und Gehen, die Fans bleiben trotzdem. Bei der "Verbotenen Liebe" ist das Versprechen eben diese verbotene Liebe, in die Abgründe der Menschen zu schauen und große Intrigen zu erzählen. Außerdem haben sich auch die Sehgewohnheiten des Publikums der "Verbotenen Liebe" verändert, letztlich ist es nicht so kompliziert, das zusammenzubringen. Wir erzählen eine heutige, junge Version und keine aus den Neunzigern.

Inwieweit wirkt es sich auf die Serie aus, dass sie für eine Streaming-Plattform entsteht? Spielt das eine Rolle für Storytelling, Optik oder Ästhetik?

SIMON MÜLLER-ELMAU: Selbstverständlich. Wir haben das Ganze als hochwertige Serie gedreht, die modernen optischen Ansprüchen der Zuschauer gerecht wird. Die Zuschauer unterscheiden nicht bewusst zwischen einer deutschen und einer amerikanischen Serie. Sie nehmen das Angebot als Ganzes wahr. Und gerade weil TVNow viele sehr hochwertige Serien im Angebot hat, liegt die Messlatte sehr hoch. Inhaltlich muss man nicht mehr so viel wiederholen, wie das damals als Daily oder zuletzt als Weekly der Fall war und dadurch haben wir einen anderen Schwung, ein anderes Tempo. Und natürlich spielt eine Rolle, dass wir kein Vorabendprogramm mehr sind. Dadurch können wir frecher, radikaler, und auch mehr Sex erzählen. Und das tut dem Format gut.

Rechnen Sie mit einer Fortsetzung?

SIMON MÜLLER-ELMAU: Wir haben es auf jeden Fall so angelegt - mit einem großartigen Cliffhanger in Folge zehn. Insofern hoffen wir sehr, dass wir im nächsten Jahr eine zweite Staffel produzieren können.

Dann hoffentlich nicht mehr unter Corona-Bedingungen.

SIMON MÜLLER-ELMAU: Ja. Durch Corona war es diesen Sommer ein anstrengender Dreh. Eine Liebesserie trotz Kontaktverbot zu drehen, war eine Herausforderung. Aber inhaltlich mussten wir kaum etwas ändern, wir konnten fast alles produktionstechnisch auffangen. Der Dreh ging über drei Monate, so lange konnten wir den kompletten Cast nicht in Quarantäne schicken. Deshalb mussten wir erfinderisch werden, das wird dem Zuschauer aber nicht auffallen.

Blicken wir auf Ihre zweite große Serienproduktion, die "SOKO München". Wie hart hat es die UFA getroffen, als im Sommer 2019 bekannt wurde, dass die Serie nach über 40 Jahren eingestellt wird?

SIMON MÜLLER-ELMAU: Das war auf verschiedenen Ebenen ein harter Schlag. Zunächst für das produzierende Team, die Schauspieler, die Leute hinter der Kamera. Das hat uns sehr getroffen, weil hier über viele Jahre mit großer Leidenschaft produziert wurde und wir sehr stolz auf die "SOKO München" sind. Nichtsdestotrotz mussten wir akzeptieren, dass der Sender andere Pläne hatte. Für die UFA selbst ist das natürlich ein finanzieller Einschnitt. Wir hatten ein Budget zur Verfügung, das sich nicht ohne weiteres durch andere Produktionen kompensieren lässt. Wir reden zu Spitzenzeiten von 26 Folgen im Jahr. Aufträge in dieser Größenordnung gibt es im deutschen Fernsehen immer seltener.

Kam das für Sie überraschend - schließlich produzierten Sie die älteste, die Ursprungs-"SOKO"? Oder hatten Sie schon eine Vorahnung, als ZDF-Fictionchef Frank Zervos ankündigte, dass alte "SOKOs" den neuen weichen müssten?

SIMON MÜLLER-ELMAU: Gerüchte gab es, man macht sich Gedanken, spricht auch mit den Kollegen von den anderen "SOKOs" darüber. Die Überraschung lag letztlich vor allem in der Kurzfristigkeit, mit der das kommuniziert wurde. Die Entscheidung traf uns gegen Ende der Dreharbeiten zur damals aktuellen und nun de facto letzten Staffel, sodass wir darauf inhaltlich nicht mehr reagieren konnten.

Wurde Ihnen zum Verhängnis, dass die UFA mit SOKO Leipzig" noch ein zweites Format im Rennen hat?

SIMON MÜLLER-ELMAU: Das kann ich nicht sagen. Uns gegenüber wurde es so nicht kommuniziert.

Die Serie geht nun mit einem Special in Spielfilmlänge zu Ende. Empfinden Sie das nochmals als besondere Reverenz?

SIMON MÜLLER-ELMAU: Absolut. Wir haben viele Gespräche mit dem ZDF geführt und waren sehr froh, dass wir auf eine Idee von Frank Zervos hin noch einen Abschiedsfilm drehen konnten. Sonst wäre die Serie einfach so zu Ende gegangen, und damit fühlten wir uns nicht wohl. Als wir dem Team mitteilen konnten, dass wir 2020 noch einen Neunzigminüter drehen dürfen, war die Freude groß und es kam eine Jetzt-erst-recht-Stimmung auf.

Demzufolge lassen Sie es noch einmal so richtig krachen?

SIMON MÜLLER-ELMAU: Ich würde sagen, ja! Dadurch war die Stimmung bei den Dreharbeiten sehr besonders. Außerdem macht es viel aus, dass es ein Neunziger ist und wir erst um 20:15 Uhr laufen, dadurch konnten wir viel größer denken. Und wir haben versucht, Probleme zu Lösungen zu machen, etwa dass uns das Studio, in dem wir in der Serie die Polizeipräsidiumsszenen drehten, nicht mehr zur Verfügung stand. Dadurch gewinnt der Film. Und wir bringen unsere Kommissare in größere Schwierigkeiten als sonst. Da sind wir einen Schritt weiter gegangen.

Wie geht es für den UFA-Standort München weiter?

SIMON MÜLLER-ELMAU: Der Standort München bleibt, auch wenn er bislang im Wesentlichen aus der Produktion der "SOKO" bestand. Für die UFA ist es wichtig, einen Standort in der Stadt mit den meisten TV-Sendern zu haben. Das Team hat sich verkleinert und kümmert sich vor allem um das Development. Wir entwickeln aber nicht nur für Sender in München und hoffen bald einen Zuschlag zu bekommen, der es uns ermöglicht, viele aus dem alten "SOKO"-Team zurückzuholen. Wir produzieren gerne in München, sind aber auch für andere Regionen offen.

Was steht für Sie als Produzent als nächstes an?

SIMON MÜLLER-ELMAU: Aktuell werden noch "Verbotene Liebe - The Next Generation" und der "SOKO-München"-Neunziger fertig gestellt. Den Winter über bin ich mit den Dreharbeiten für die ZDF-Reihe "Ein starkes Team" beschäftigt. Ich hoffe natürlich auf die zweite Staffel der "Next Generation". Und ich bin in Anbetracht unserer Entwicklungen guter Dinge, in ein bis zwei Jahren für die UFA wieder etwas von München aus zu produzieren.

Das Interview führte Frank Heine