Kino

KOMMENTAR: Die Zeiten ändern sich

Während sich die Kinos im erneuten Lockdown befinden, wird spürbar, dass sich Medienlandschaft und Nutzungsverhalten der Konsumenten ändern. Nicht nur rüsten die Deutschen ihr Heimkino technisch auf, sie greifen immer selbstverständlicher auf digitale Angebote zu. Eine unumkehrbare Entwicklung, die trotzdem Chancen bietet.

12.11.2020 07:27 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Bickpunkt:Film)

Während sich die Kinos im erneuten Lockdown befinden, wird spürbar, dass sich Medienlandschaft und Nutzungsverhalten der Konsumenten ändern. Nicht nur rüsten die Deutschen ihr Heimkino technisch auf, sie greifen immer selbstverständlicher auf digitale Angebote zu. Eine unumkehrbare Entwicklung, die trotzdem Chancen bietet. Der kontinuierliche Aufwind, den die Streamingangebote erfahren, zeigt sich allein schon in den ehrgeizigen Anstrengungen, die Netflix auch beim deutschsprachigen Content unternimmt. 13 hochkarätige Projekte mit vielen Namen, die sich auch ihr Zuhause auf der großen Leinwand erobert haben, stellten die Verantwortlichen für die lokale Produktion in Deutschland in diesen Tagen vor. Es ist ihnen bitterernst, die Consumer auch hierzulande mit ihren Streamingangeboten dauerhaft zu fesseln. Die Anstrengung richtet sich nicht nur darauf, glanzvolles (Heim-)Kino zu liefern, mit nonfiktionalen Formaten wollen sie auch immer stärker neben dem klassischen Fernsehen bestehen. Wie gut ihnen das in Zeiten der Pandemie schon gelungen ist, zeigt der Digitalisierungsbericht der Medienanstalten. Die Verschiebung vom linearen TV zu den Streamern nimmt an Fahrt auf, genauso wie ihre Akzeptanz und Nutzung in weiten Bevölkerungskreisen. Fast möchte man ein wenig sentimental an große Kinozeiten zurückdenken, wenn uns die Nachrichten erreichen, dass maßgebliche Verantwortliche für Kinoerfolge der letzten Jahre und Jahrzehnte nun abtreten und Nachfolgern das Feld überlassen, die sich in Nachbarländern Meriten erworben haben und nun die Verantwortung für den deutschsprachigen Markt übernehmen. Auch für die Studios bringt die Pandemie große Herausforderungen. Sie reagieren mit Umstrukturierungen, die zeigen, dass sich die Gewichte hin zur digitalen Vermarktung verschieben.

Bange muss den Kinos vor der Konkurrenz nicht sein. Es gilt nur, den Frieden mit ihr zu machen. Filme wie Mank", The Trial of the Chicago 7" oder "Hillbilly Elegie" gehören natürlich ins Kino und wären früher exklusiv dafür gemacht worden. Umgekehrt geraten sie auch schneller in Vergessenheit, wenn sie nicht auf der großen Leinwand zu bestaunen sind. Das Selbstverständnis der Kinos muss immer stärker das überlebensgroße, durch kein Konkurrenzmedium zu ersetzende Filmerlebnis sein. Gleichzeitig gilt es, genau das Programm zu kuratieren, das das eigene Publikum sehen möchte. Wenn die Kinos hoffentlich Anfang Dezember aus dem unverdienten Lockdown entlassen werden, weil ihr Betrieb bekanntermaßen nichts zu steigenden Infektionszahlen beiträgt, dann gilt es das eigene Publikum genau zu kennen, und ihm das beste Produkt zu präsentieren, egal woher es stammt. Es gibt immer noch genügend große Filme, die wir alle auf der Leinwand erleben wollen.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur