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Produktion

Emily Atef: "Wo bleibt die Vielfalt?"

Emily Atef stellte bei den Hofer Filmtagen "Jackpot" vor und wurde mit dem Hans-Vogt-Preis ausgezeichnet. Mit B:F sprach die Lola-prämierte Filmemacherin über den ungewöhnlichen Thriller und ihre nächsten Kinoprojekte.

06.11.2020 07:38 • von Heike Angermaier
Emily Atef (Bild: Peter Hartwig)

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Emily Atef stellte bei den Hofer Filmtagen "Jackpot" vor und wurde mit dem Hans-Vogt-Preis ausgezeichnet. Mit B:F sprach die Lola-prämierte Filmemacherin über den ungewöhnlichen Thriller und ihre nächsten Kinoprojekte.

Nach Tatort: Falscher Hase" legen Sie mit "Jackpot" ein Gangsterdrama bzw. einen Thriller nach klassischem Vorbild vor. Sind Sie auf den Geschmack des Genrekinos gekommen? Was hat Sie am Stoff fasziniert?

EMILY ATEF: Ich liebe Dramen, aber ich liebe auch schwarze Komödien wie die der Coen-Brüder und hatte schon immer den Wunsch, dieses Genre auszuprobieren. Der Hessische Rundfunk, der offen dafür ist, mutiger mit dem Krimiformat umzugehen, ermöglichte es mir, Lars Hubrichs und mein Drehbuch zu "Tatort: Falscher Hase" umzusetzen. Danach wollte ich eigentlich meinen schon lange geplanten, ersten französischen Kinofilm angehen, aber der Dreh wurde verschoben. Da bekam ich von meiner Agentin das Drehbuch eines Projekts von Sophie von Uslar von Constantin Television in die Hand. Es stammte vom jungen Autor Frédéric Hambalek. Es war sehr kurz, nur 80 Seiten und mir ging es nach dem Lesen wie nie zuvor: Ich war verwirrt, wusste nicht, ob ich es großartig oder schlecht finden sollte. Das Buch war so offen, ließ so viel Raum, hatte tolle Dialoge. Meine Dramaturgin Josune Hahnheiser, mit der ich alles teile und normalerweise auf einer Wellenlänge bin, konnte nichts mit dem Buch anfangen. Aber ich fühlte irgendwie, dass ich den Film unbedingt machen wollte und setzte mich mit Hambalek, von Uslar und Katharina Dufner, der zuständigen Redakteurin vom SWR, zusammen. Das war Ende August und Ende Oktober drehten wir bereits! So kurzfristig eine Crew zu finden, war sehr schwierig. Alle, die ich kannte und angerufen habe, hatten keine Zeit. Aber wir hatten wohl einen Schutzengel. Ich fand Kameramann Bernhard Keller und Szenenbildnerin Beatrice Schultz, mit denen ich den Film visuell entwarf. Er spielt in der fiktiven Provinzstadt Tychenburg nach der griechischen Göttin des Schicksals. Für uns erzählt "Jackpot" auch eine griechische Tragödie.

Dass - im Genre unüblich - eine Frau die Hauptfigur ist und überhaupt Frauen die starken Figuren sind, machte den Stoff wahrscheinlich auch besonders reizvoll für Sie?

EMILY ATEF: Ja, natürlich, das war ein Hauptanreiz. Hätte die Hauptfigur Martin geheißen und nicht Maren hätte mich der Stoff gelangweilt. In sagen wir 95 Prozent der Thriller ist ein Mann die Hauptfigur. Wo bleibt da die Vielfalt? Bei Maren dachte ich gleich, coole Braut! Sie fährt einen Siebentonner, schießt, trägt ihren Freund die Treppe hinauf. Sie trifft falsche Entscheidungen. Und sie sieht nicht aus wie fast alle Frauenfiguren im deutschen, französischen oder amerikanischen Fernsehen.

Neben tollen Mitstreiter*innen hinter der Kamera gewannen Sie auch tolle Schauspieler*innen - und das in Rollen, die man sonst nicht von ihnen gewohnt ist.

EMILY ATEF: Ich liebe Counter Casting! Bei der Rolle der Maren dachte ich nicht an Rosalie Thomass. Ich habe sie erst beim Casting entdeckt. Man glaubt ihr die Rolle. Sie fuhr auch selbst den LKW und trug Friedrich Mücke. Mit ihm arbeitete ich bereits beim Tatort. Er hat für die Rolle des Dennis einige Kilos abgenommen, um die Depression seiner querschnittsgelähmten Figur zu zeigen und auch um es Rosalie Thomass leichter zu machen. Rosalie Thomass und Friedrich Mücke funktionieren auch als Paar perfekt. Und auch Thomas Loibl hat sich komplett in seine Figur hineinversetzt und unglaublich konzentriert gearbeitet.

Die Musik, der Ton spielt auch eine große Rolle in Jackpot, erinnert an Klassiker des Genres. Was bedeutet Ihnen in diesem Zusammenhang die Auszeichnung mit dem Hans-Vogt-Preis in Erinnerung an den Pionier des Tonfilms?

EMILY ATEF: Die Auszeichnung hat mich sehr gefreut, da hier der Ton, sonst immer im Hintergrund, gewürdigt wird. Meine Affinität zum Ton habe ich meinem leidenschaftlichen Dozent an der Filmhochschule zu verdanken, Frank Behnke. Tonleute bekommen bei mir am Set viel Raum und auch Sounddesign und Mischung interessieren mich sehr. Bei der Musik hatte ich das Glück wie bei Wunschkinder, 3 Tage in Quibéron" und "Tatort: Falscher Hase" mit Christoph Kaiser und Julian Maas zu arbeiten, die für 3 Tage in Quiberon" den Europäischen und Deutschen Filmpreis gewannen. Im Gegensatz zu den meisten meiner Filme gibt es bei "Jackpot" sehr viel Musik. Wir mussten aber erst den Schnitt abwarten bis wir die Richtung, in die wir gehen wollten, gefunden haben. Die Musik sollte frei, emotional sein, aber nicht zu melodramatisch. Sie sollte auch das Positive, Dynamische der Hauptfigur ausdrücken. Jetzt sind eben u.a. Jazz, ein bisschen Sechzigerjahre und Schlagzeug zu hören. Es war ein Genuss, den Film nach längerer Zeit bei der Premiere in Hof im Kino zu hören.

Der Film hat auch sehr harte Szenen. Mussten Sie deswegen diskutieren?

EMILY ATEF: Nein, das stand ja schon so im Drehbuch. Natürlich kommt es auch darauf an, wie die Szenen inszeniert sind. Thomas Loibls Henning musste aber brutal sein, damit man Angst um die sehr taffe Maren hat. Was mich neben der weiblichen Hauptfigur am meisten am Projekt fasziniert hat, war, dass die Figuren nicht schwarz-weiß sondern menschlich gezeichnet sind. So tut Henning abscheuliche Dinge, aber wegen seines Umgangs mit seiner Tochter und seiner Frau, die auf Augenhöhe mit ihm ist, fühlt man auch mit ihm.

Wann wird "Jackpot" zu sehen sein?

EMILY ATEF: Er soll im Januar ausgestrahlt werden.

Wie geht es weiter. Ist der eingangs von Ihnen erwähnte Kinofilm Ihr nächstes Projekt?

EMILY ATEF: Ja, "More than Ever", ehemals Mister", begleitet mich schon seit fast zehn Jahren. Hier ging es nicht so schnell wie bei "Jackpot". Der Dreh ist wegen Corona auf Mai, Juni 2021 verschoben worden. Ich freue mich schon wahnsinnig darauf, in meiner Muttersprache zu drehen. Es ist eine internationale Produktion zwischen Frankreich, Deutschland, Norwegen und Luxemburg. Vicky Krieps spielt die Hauptrolle, außerdem sind Gaspard Ulliel, Jesper Christensen und die große Liv Ullmann dabei. More than Ever greift viele Motive aus meinen anderen Filmen auf. So erzählt es wieder ein Drama um eine Frau in einer existenziellen Krise. Es geht wie in u.a. Molly's Way" und Töte Mich" um eine Reise und gesprochen wird in verschiedenen Sprachen.

Wie sieht es mit der Finanzierung aus?

EMILY ATEF: Der Film ist finanziert. Wir werden alle Innenszenen im Studio in Luxemburg drehen, weil Norwegen, wo zwei Drittel des Films spielt, so unendlich teuer ist. Die Außenszenen wollen wir im Westen von Norwegen umsetzen. Ich war vor kurzem mit Kameramann Yves Cape und Szenenbildnerin Silke Fischer vor Ort, um die Locations zu finden. Wir mussten dafür erst einmal in Quarantäne. Außerdem werden wir in Bordeaux drehen. "More than Ever" ist eine aufwändige Produktion mit komplizierter Logistik, weil wir und unser Equipment viel reisen und Besetzung und Team aus ganz Europa kommt. Ende August will ich dann zusammen mit Karsten Stöter von Rohfilm, mit dem ich bei "3 Tage in Quiberon" zusammenarbeitete, meinen nächsten deutschen Film angehen, der einfacher und günstiger als "More than Ever" - auch unter Corona-Bedingungen - umzusetzen ist. Wir können den Film quasi an einem Ort mit wenigen Schauspielern drehen, Karsten Stöter kann u.a. auf das Filmpreisgeld von "3 Tage in Quiberon" zurückgreifen. Irgendwann werden wir uns alles erzählen nach dem Roman von Daniela Krien erzählt eine archaische, tragische Liebesgeschichte zwischen einer 17-Jährigen und einem 40-Jährigen im ersten Sommer nach der Wende auf dem Land in Thüringen. Beim atmosphärische Stoff, zu dem ich das Drehbuch mit Daniela Krien schreibe, schwingt auch etwas vom Wilden Westen, von "Days of Heaven" mit. Simone Bähr kümmert sich aktuell um das Casting. Ich brauche ein Team, das ich schon kenne und dem ich vertraue, damit es auch ohne mich mit der Vorbereitung beginnen kann, da die Zeit zwischen den beiden Projekten ungemein knapp ist. Für Xenia Maingot, der federführenden Produzentin von "More than Ever", ist es okay, dass ich dann erst später mit der Postproduktion anfangen kann.

Wie ist der Status ihres geplanten, in Afrika spielenden Filmprojekts "Mercy"?

EMILY ATEF: Josune Hahnheiser und ich schreiben das Drehbuch. Gian-Piero Ringel produziert mit seiner Ringel Film. Die britische Cowboy Films ist Partner. Nach einem semiautobiografischen Roman einer US-Journalistin erzählt der Film von der Freundschaft einer Auslandskorrespondentin in Nairobi und einer Einheimischen aus den Slums in den Neunzigerjahren vor dem Hintergrund von Millionen Aidstoten in Afrika, die vermeidbar gewesen wären, wenn die Pharmaindustrie günstigere Medikamente erlaubt hätte. Es ist ein sehr emotionaler und sehr moderner Stoff betrachtet man die Impfstoffentwicklung gegen Covid19 und die Black Lives Matter-Bewegung. Und der Film erzählt endlich mal nicht wie viele andere Filme über Afrika von den guten Weißen, die sich für die armen Schwarzen engagieren, sondern von afrikanischen Menschen, die sich selbst helfen. Ich bin so dankbar über die drei konkreten Kinoprojekte, die mich alle gleichermaßen inspirieren!

Wollen Sie nicht vielleicht auch einmal eine Serie oder ein anderes Projekt für einen Streamingdienst ausprobieren?

EMILY ATEF: Angebote habe ich bekommen, aber bisher war nichts dabei für mich. Mit Tina Löbbert von Pantaleon Films, die die Rechte an Daniela Kriens neuem Bestseller »Die Liebe im Ernstfall« erworben haben, bin ich im Gespräch. Die Geschichte von fünf Frauen aus Leipzig soll als Serie adaptiert werden und würde mich interessieren. Es ist aber noch zu früh, um sich zu entscheiden.

Wie sehen Sie die Zukunft des Kinos angesichts der Corona-Krise und im Allgemeinen?

EMILY ATEF: Ich bin ein sehr optimistischer Mensch. Die Pandemie wird vorübergehen, wir werden im Kino wieder direkt nebeneinandersitzen dürfen. Aber gerade in Deutschland muss für das Kino generell mehr getan werden auch durch den Staat wie das in Frankreich der Fall ist, wo, wenn ich auch mittags ins Kino gehe, die Säle oft gut gefüllt sind. Es müssten z.B. von öffentlich-rechtlicher Seite mehr Trailer für europäische Filme gezeigt werden, auch unentgeltlich. Auf den neuen Bond braucht man Niemanden aufmerksam zu machen, aber man muss dem Publikum die anderen Filme näher bringen! Das fängt bei der Erziehung der Kinder in der Schule an. In Frankreich kann man Kino/Film als Abiturfach wählen. Kino gilt genauso wie Literatur als Kunst, als Kulturgut. So interessieren sich auch junge Menschen für Filme der Nouvelle Vague oder des Neuen Deutschen Films. Wie viele 18-Jährige in Deutschland kennen Angst essen Seele auf? Es reicht nicht, einmal im Jahr mit der Klasse ins Kino zu gehen.

Das Interview führte Heike Angermaier