Kino

KOMMENTAR: Vollbremsung Kultur

Aus dem Neustart Kultur ist eine erneute Vollbremsung geworden. Seit Anfang November finden sich die Kinos wieder im Lockdown, aber auch alle übrigen Kulturstätten, Theater, Konzertsäle, Musikbühnen, Clubs und Festivals. Vor allem die Künstler und Kulturschaffenden geraten in echte Not.

05.11.2020 07:27 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Aus dem Neustart Kultur ist eine erneute Vollbremsung geworden. Seit Anfang November finden sich die Kinos wieder im Lockdown, aber auch alle übrigen Kulturstätten, Theater, Konzertsäle, Musikbühnen, Clubs und Festivals. Vor allem die Künstler und Kulturschaffenden geraten in echte Not. Der zweite Lockdown der Kultur ist keine gute Idee. Selbst die Kulturministerin zeigt sich besorgt und richtet einen Appell an die Politik, dem Kultursektor diesmal effektiv zu helfen. Bei allem Verständnis für einschneidende Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie, ist nicht einzusehen, warum ausgerechnet die Kultur erneut auf Null gefahren wird, warum gerade die Künstler in diesem Land keine Lobby haben, und über sie erneut ein faktisches Berufsausübungsverbot verhängt werden kann.

Künstler wie der Musiker Till Brönner haben mit starken öffentlichen Äußerungen darauf aufmerksam gemacht, dass für sie schon seit März mehr oder weniger ein Auftrittsverbot gilt. Die Folgen für die vielen, die im Kulturbereich tätig sind oder von ihm mittelbar abhängen, sind unabsehbar. Zehn Milliarden Euro sind vom Wirtschafts- und vom Finanzminister versprochen, um auch die Not der erneut geschlossenen Kinos zu lindern. Tatsache ist, dass von den im März versprochenen Milliarden bis dato nur ein Bruchteil abgerufen werden konnte, weil Bürokraten und Banker die Hürden hoch gehalten haben, um die Spendierfreude der Politik zu unterlaufen. Für viele Künstler, Film- und Kulturschaffende gibt es aber gar keine geeigneten Hilfen. Ihnen bleiben als kurz befristet Beschäftigte nur Hartz 4 und der Weg ins soziale Abseits. Das mag dramatisch klingen, ist aber für viele nach Monaten der Pandemie Realität geworden. Dass mit den Kultureinrichtungen Stätten geschlossen werden, die mit durchdachten Hygienekonzepten beweisen konnten, dass sich bei ihnen das Virus nicht verbreitet, macht fassungslos. Dort ist gelungen, dass ein verständiges Publikum sich sicher fühlt und wieder gerne kommt. Dass diese Vertrauensarbeit nun wieder zunichte gemacht ist, ist eine weitere schlimme Folge einer wenig ausgereiften Entscheidung der Politik. Besonders empörend ist, wie rasch und gedankenlos über den Kulturbereich in dieser Zeit verfügt wird. Nicht nur betrifft es weit über eine Mio. Menschen, die eine Wertschöpfung von über 100 Mrd. Euro erwirtschaften, Kultur ist auch, wie die BKM richtig anmerkt, nicht Luxus oder pures Vergnügen, auf das gerne verzichtet werden kann. Sie ist lebensnotwendig und das, was eine Gesellschaft ausmacht und zusammenhält. Eine generelle Maskenpflicht und die vorübergehende Unterbindung (exzessiver) privater Feiern hätte es wohl auch getan - wie das Beispiel Südkorea zeigt. Ein weiteres Sonderopfer darf der Kultur nicht abverlangt werden. Und Hilfe muss diesmal wirklich angemessen und unbürokratisch sein.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur