Kino

Kino-Comeback: Heute ist nicht aller Tage...

Deutlicher hätte das Signal unmittelbar vor dem Lockdown kaum ausfallen können: Ein enormer Anstieg der Besucherzahlen - wohlgemerkt ohne neuen US-Blockbuster im Hintergrund - legte Zeugnis davon ab, wie sehr die Deutschen das Kino in den kommenden Wochen vermissen werden. Und wie sehr sie seiner Sicherheit vertrauen.

03.11.2020 18:13 • von Marc Mensch
"Yakari - Der Kinofilm" war mit rund 120.000 Besuchern der stärkste Neustart (Bild: Leonine)

Sag beim Abschied leise Servus? Mitnichten. Denn auch wenn der 2. November mit dem Beginn eines neuerlichen Lockdowns für das Kino wieder einmal ein besonders trauriger Tag in einem traurigen Jahr war, wurde es zumindest mehr als standesgemäß verabschiedet: Zahlen von Comscore zufolge mit dem bislang mit Abstand stärksten Wochenende seit März!

Es bedurfte dabei nicht einmal eines großen neuen US-Blockbusters, um die Menschen wieder in einer Größenordnung in die deutschen Kinos zu locken, wie man sie sich in einem regulären Jahr zu WM-Zeiten beinahe nur wünschen könnte. Nein, alleine die Aussicht darauf, schon wieder vier Wochen auf Leinwandvergnügen, auf das kulturelle Ereignis Kino verzichten zu müssen, war ganz offensichtlich ein enormer Motivator an einem Wochenende, an dem vor allem am Samstag sicherlich sogar noch mehr drin gewesen wäre, wenn er nicht auf Halloween gefallen wäre. Und es wäre noch deutlich mehr drin gewesen, wenn strikte Kapazitätsbeschränkungen dem nicht einen Riegel vorgeschoben hätten - denn tatsächlich waren Rückmeldungen von Kinobetreibern zufolge viele Vorstellungen ausverkauft.

Ablesen lässt sich der Erfolg unterdessen nicht nur an der Gesamtbesucherzahl von 720.000 verkauften Tickets. Ein Wert, der sich nicht nur ohne Previews (die alleine bei Yakari - Der Kinofilm" rund 22.000 Besucher ausmachten...) versteht, sondern der auch beispielsweise Filme von Sony (Blumhouse's Der Hexenclub" schaffte über 14.000 Zuschauer), die ihre Zahlen nach wie vor nicht offiziell melden lassen, ausklammert. Und es ist ein Wert, mit dem erreicht wurde, wovon die US-Filmtheater derzeit leider nicht einmal zu träumen wagen können: in etwa die Hälfte eines "mittleren" Ergebnisses unter Normalbedingungen.

Er lässt sich auch nicht nur an den äußerst erfreulichen Zahlen mehrerer Debütanten, vor allem aus deutschen Landen, deutlich erkennen: "Yakari - Der Kinofilm" schaffte inklusive Previews rund 120.000 Besucher, "Hexen Hexen" (den Warner nach der "Bond"-Verschiebung kurzfristig angesetzt hatte und der in den USA nur auf HBO Max zu sehen ist) erreichte rund 47.000 Zuschauer und die deutsche Oscar-Einreichung Und morgen die ganze Welt" konnte zum Start inklusive Previews fast 33.000 Besucher in die Kinos ziehen.

Tatsächlich lässt sich das klare Votum der deutschen pro Kino vor allem der Entwicklung der Bestandsfilme entnehmen: Sämtliche Titel der Top Ten blieben entweder praktisch komplett stabil oder legten teils kräftig zu, im Fall von Greenland" um ganze 25 Prozent nach Besuchern; bei Eine Frau mit berauschenden Talenten" sogar um satte 31 Prozent. Unter dem Strich gab das Publikum einen immensen Vertrauensbeweis in Tagen ab, in denen die Politik ausgerechnet eine Veranstaltungsform unterbindet, die bislang zwar mit keiner einzigen Ansteckung, dafür aber mit konsequent umgesetzten Sicherheitsmaßnahmen in Verbindung gebracht wurde. Und es machte Hoffnung darauf, dass es nicht nur wiederkommt, wenn die Filmtheater wieder öffnen dürfen, sondern dass es dem Kino noch lange die Treue halten wird - wenn man diesem denn die Chance gibt, die Pandemie zu überstehen. Dass es in dieser Situation ein absoluter Skandal wäre, effektive Hilfen für wirklich alle Betriebsgrößen und -typen zu verweigern, ist jedenfalls offensichtlich.

Den Rückstand zum Vorjahr vermochte indes auch eine satte Steigerung der Besucherzahlen gegenüber dem Vorwochenende von rund 45 Prozent nicht zu verringern, er wuchs gemäß der Comscore-Auswertung auf 60,3 Prozent nach Besuchern und 61,6 Prozent nach Umsatz. Zahlen, die man aber ohnehin völlig ad acta legen kann, denn der neuerlich Lockdown wird das Minus natürlich noch deutlich in die Höhe schnellen lassen, schließlich starteten im November 2019 Filme wie Die Eiskönigin 2" und Das perfekte Geheimnis". Was sich allerdings insofern als Glücksfall erweisen könnte, als sich die außerordentlichen Hilfen ja an einem festen Prozentsatz der Novemberumsätze des Vorjahres orientieren sollen. Zumindest dort, wo nicht eine Deckelung oder andere Hürden effektiven Hilfen im Weg stehen, wäre das zumindest nicht die schlechteste Nachricht.

Etwas skurril ist, dass die Zahl der wiedereröffneten regulären Kinos in der Comscore-Auswertung am Wochenende des 15. Oktober erstmals seit der großen Wiedereröffnungswelle von 1044 auf 1039 leicht gesunken war, um schon eine Woche darauf auf einen neuen Höchststand von 1054 zu klettern, dem am letzten Oktober-Wochenende vorläufigen Zahlen zufolge sogar ein erheblicher Rückgang gefolgt zu sein scheint. "Scheint" natürlich deshalb, weil die Zahlen wegen verspäteter Rückmeldungen in jeder Folgewoche nach oben angepasst werden, allerdings sprechen wir diesmal von einer ganz erheblichen Diskrepanz. Eine mögliche (Teil-)Erklärung für die statistische Wellenbewegung könnte sein, dass Kinos in bzw. nach den Herbstferien Öffnungszeiten angepasst haben.

Die von Comscore in der Montagsauswertung erfassten regulären Kinos konnten sich jedenfalls unmittelbar vor dem Lockdown über Ergebnisse freuen, die die untere Benchmark (schlechtestes Wochenende der vergangenen fünf Jahre vor Corona) um 71 Prozent nach Boxoffice und sogar 83 Prozent nach Besuchern übertrafen, zu einem "mittleren" Wochenende fehlten da "nur" noch 56 bzw. 51 Prozent. Nicht ganz so gut fielen die Resultate in Österreich aus, allerdings war hier der Sprung gegenüber einem sehr schlechten Vorwochenende geradezu enorm. Hatte man zuvor selbst das schlechteste Vergleichswochenende minimal unterschritten, lag man zuletzt um 36 bzw. 40 Prozent darüber.

Bei den Verleihbezirken setzte sich erneut Berlin als klarer Gewinner durch: Die dort spielenden regulären Kinos konnten Besucherzahlen in Höhe von 260 Prozent der unteren Benchmark (also beinahe das Dreifache des schlechtesten Wochenendes) verzeichnen - und selbst der abgeschlagen an letzter Stelle liegende Verleihbezirk Düsseldorf brachte es noch auf 151 Prozent. Auf die einzelnen Bundesländer heruntergebrochen, zogen Sachsen (351 Prozent) und Thüringen (338 Prozent) davon, mit nur 145 Prozent mussten sich hessische Kinos im Schnitt bescheiden.

Wo übrigens schon die deutschen Zahlen des vergangenen Wochenendes klar signalisierten, wie sehr den Menschen das Kino nach wie vor am Herzen liegt, sei zum Blick nach Japan geraten, wo "Demon Slayer: Mugen Train" derzeit alle Rekorde pulverisiert: Rund 13,4 Mio. Besucher wurden dort innerhalb von 19 Tagen gezählt...

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