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Mediengruppe RTL: "Weniger Rezeptbestell-Fernsehen"

Seit Jahresbeginn sind Hauke Bartel und Frauke Neeb für die Fiction-Aktivitäten der Mediengruppe RTL Deutschland verantwortlich. Im Interview mit Blickpunkt:Film sprach das Duo über seinen neuen Aufgabenbereich, Programmstrategien, die Nachwuchsinitiative "Storytellers" und aktuelle Projekte für TVNow, aber auch Klassiker wie "Der Lehrer" oder "Alarm für Cobra 11! kamen nicht zu kurz.

29.10.2020 10:43 • von Frank Heine
Hauke Bartel und Frauke Neeb sind seit Januar Bereichsleiter Fiction der Mediengruppe RTL Deutschland (Bild: Mediengruppe RTL Deutschland / Anna Thoma)

Seit Jahresbeginn sind Hauke Bartel und Frauke Neeb für die Fiction-Aktivitäten der Mediengruppe RTL Deutschland verantwortlich. Im Interview mit Blickpunkt:Film sprach das Duo über seinen neuen Aufgabenbereich, Programmstrategien, die Nachwuchsinitiative "Storytellers" und aktuelle Projekte für TVNow, aber auch Klassiker wie "Der Lehrer" oder "Alarm für Cobra 11" kamen nicht zu kurz.

Wie hat sich Ihre Arbeit durch den Wechsel von Vox in die Gesamtverantwortung für die Mediengruppe RTL verändert? Äußert sich das auch durch einen anderen Blick auf die Fiction?

FRAUKE NEEB: Wir kennen uns sehr gut, weil wir ja schon bei Vox lange zusammen gearbeitet haben. Insofern waren wir ein eingespieltes Team als wir zum Jahreswechsel die Verantwortung für den gesamten Fiction-Bereich der Mediengruppe übernommen haben. Natürlich macht es sehr viel Spaß einen wesentlich breiter gefächerten Blick auf Stoffe und Formatideen werfen zu können, weil wir nicht mehr "nur" die Vox-Brille aufhaben. Wir suchen Formate für TVNow, RTL und Vox - und das auch in allen denkbaren Kombinationen.

HAUKE BARTEL: Es ist spannend, wie sich Arbeitsweise und Perspektive verändert haben. Vox hat am Markt den Ruf des sympathischen, ambitionierten Senders aus der zweiten Reihe mit einem durchaus etwas besonderen Blick auf die Fiction-Projekte. RTL ist der Platzhirsch, der Marktführer, der naturgemäß in einer anderen Lautstärke daherkommt. Und TVNow ist ja fast so etwas wie ein Start-Up innerhalb unseres Unternehmens mit einem anderen Geschäftsmodell, das noch einmal eine andere Denkweise mit sich bringt. Insofern hat sich der Blick strategisch geweitet. In der Vox-Fiction gab es durchaus Situationen, in denen man sagte, super Stoff, aber passt nicht zu unserer DNA. Jetzt sind wir in der komfortablen Lage zu sagen, der Stoff passt zu uns als Gruppe und wir haben alle Möglichkeiten, ihm eine Bühne zu bieten.

Gibt es zwischen Ihnen eine Aufgabenteilung oder herrscht grundsätzlich das Vier-Augen-Prinzip?

FRAUKE NEEB: Die Aufteilung ergibt sich durch die Historie des Projekts meist von ganz alleine. Außerdem halten wir es für sinnig, dass man die Inhalte betreut, für die man sich am meisten begeistern kann. Wir müssen und können uns aber auch jederzeit gegenseitig vertreten und sind beide bei allen Projekten immer auf dem aktuellen Stand. Es gibt teilweise unterschiedliche Fokussierungen, aber wir versuchen das meiste in der Doppelspitze gemeinsam zu bewerkstelligen und zu betreuen.

HAUKE BARTEL: Im Grunde führen wir fast so etwas wie eine moderne Ehe (lacht). Trotz Corona verbringen wir zumindest virtuell so viel Zeit zusammen wie wahrscheinlich mit kaum einem anderen Menschen. Wir sind große Fans der Doppelspitze, auch weil wir merken, dass wir bei fast allen kreativen Entscheidungen sehr nahe beieinander sind. Trotzdem wissen wir um die unterschiedlichen Stärken, Schwächen und Leidenschaften und können Aufgaben in bestimmten Situationen verteilen.

Wie intensiv können Sie in die einzelnen Projekte einsteigen?

HAUKE BARTEL: Das hängt von der Projekt-Genese ab. Manche Projekte entstehen ja aus einer gewachsenen Zusammenarbeit mit uns persönlich. Bei denen sind wir dann auch in der ersten Entwicklungsphase noch sehr eng in die Kreativarbeit involviert, aber immer mit dem Ziel, es so früh und so weit wie möglich an jemanden aus unserer Redaktion zu übergeben. Anders würde es bei der Fülle an Projekten auch nicht gehen. Wir haben in unserem Team außerdem drei Executive Producer definiert, die bei einigen Projekten ab einem späteren Zeitpunkt beispielweise stellvertretend für uns Schnittabnahmen machen.

FRAUKE NEEB: Wir wollen uns aber nicht ganz aus dem Kreativgeschäft verabschieden. Wir sind auch dafür angetreten, so nahe wie möglich an den Projekten zu bleiben, ohne überall herumzufuhrwerken. Es macht uns Spaß, etwa bei der einen oder anderen Besetzungsfrage hinzugezogen zu werden und vielleicht einmal Zünglein an der Waage zu sein. Wir machen Programm und die inhaltliche Arbeit macht uns natürlich weiterhin am meisten Spaß.

Wenn wir Produzenten wären, mit welcher Art von Content hätten wir momentan die besten Chancen, bei Ihnen zu landen?

HAUKE BARTEL: Mit Stoffen, die ein klares, besonderes Versprechen abgeben. Wir sind beide große Fans davon, wenn man es schafft, eine Idee knapp zusammenzufassen, die dann aber sofort ein inneres Kino bei einem auslöst. Wir sind nicht der richtige Ansprechpartner für Serien, bei denen es fünf, sechs Folgen dauert, bis man die Idee versteht, die die Serie zu etwas Besonderem macht. Wir wollen mit greifbaren, unterhaltsamen Versprechen punkten.

FRAUKE NEEB: Wir sind dabei weniger an Genres gebunden als in der Vergangenheit und sehen das nie dogmatisch. Wir schauen uns jedes Konzept, jede Idee genau an. Es geht darum, sich in den ersten Minuten darüber im Klaren zu sein, warum diese Geschichte unbedingt erzählt werden muss. Und natürlich haben wir immer gerne das Gefühl, dass sie möglichst viele Menschen interessiert, dass es Stoffe sind, die im weitesten Sinne aus der Mitte der Gesellschaft erzählt werden. Aber wir tun uns wirklich schwer mit einem engen Briefing, weil wir nicht das Gefühl vermitteln wollen, dass es Stoffe gibt, die von Anfang an nicht zu uns passen.

HAUKE BARTEL: Das ergibt sich auch dadurch, dass wir jetzt unterschiedliche Kanäle bespielen. Das lässt einen anderen Kriterienkatalog für die Stoffe zu. Ich muss mir jetzt nicht mehr, so wie das vielleicht früher der Fall war, als erstes die Frage stellen, ob ein Format in die Primetime passt und auch einer haushaltsführenden Frau um die 40 mit einem Haushaltsnettoeinkommen xy und zweieinhalb Kindern gefällt. Wenn wir das Gefühl haben, das ist ein Stoff, für den soundso viele Leute bereit sind, sich ein TVNow-Abo zu kaufen, wird er für uns sehr interessant, auch wenn die haushaltsführende Frau vielleicht nichts damit anfangen kann.

Akquirieren Sie überhaupt noch gezielt für Sender und Sendeplätze oder liegt der volle Fokus auf TVNow nach der Devise "online first"?

HAUKE BARTEL: Es ist ein Faktor, aber nicht das Nonplusultra. Wenn wir bei einem Stoff überzeugt sind, das ist etwas, was in der eher ritualisierten Fernsehnutzung wunderbar funktioniert, dann würden wir nach wie vor straight to linear beauftragen. Trotzdem sind wir natürlich sehr daran interessiert, Synergien zwischen den unterschiedlichen Ausspielwegen zu bilden.

FRAUKE NEEB: Wir sehen uns in der Verantwortung, einem Stoff, von dem wir überzeugt sind, das optimale Umfeld in unserer Sendergruppe zu bieten - ein optimales Zuhause. Unter dieser Prämisse bestimmen wir, ob ein Programm besser bei den linearen Sendern oder bei TVNow aufgehoben ist, weil es die Kriterien für eine starke Streaming-Serie erfüllt.

Nehmen wir die Ferdinand von Schirach-Serie Glauben" als Beispiel. Wissen Sie da schon während des Drehs, welche Veröffentlichungsstrategie Sie anwenden werden?

FRAUKE NEEB: Bei "Glauben" war uns sehr schnell klar, dass das ein TVNow-Original mit Vox als Senderpartner wird, weil wir Ferdinand von Schirach nicht nur für ein starkes Alleinstellungsmerkmal halten, sondern die Thematik im positiven Sinne etwas sperriger und herausfordernder ist. Und wir erhoffen uns mit "Glauben" ein Publikum zu erreichen, das TVNow bisher noch nicht so richtig auf dem Schirm hat.

HAUKE BARTEL: Aber das steht nicht bei allen Stoffen so früh fest. Das ist ein dynamischer Prozess. Es kann durchaus passieren, dass eine Serie zunächst ausschließlich für TVNow gedacht war, aber die Senderchefs dann auch Lust bekommen, es linear zu bringen. Grundsätzlich haben wir einen unmittelbaren Austausch mit Sascha Schwingel bei Vox, Jörg Graf bei RTL und Henning Tewes bei TVNow. Es passiert eigentlich nicht, dass wir etwas für eine der drei Plattformen beauftragen, ohne dass die anderen beiden das Projekt kennen und dazu eine Haltung entwickelt haben. Es ist nicht so, dass jeder seine eigene Strategie fährt oder es eine interne Konkurrenz gibt. Die Räder greifen sehr schön ineinander.

Dynamischer Prozess ist ein gutes Stichwort: "Lucie - Läuft doch" wurde 2019 als RTL-Serie angekündigt und startet nun am 18.11. auf Vox. Wie kam es zu dem Sinneswandel?

HAUKE BARTEL: Das ist tatsächlich ein schönes Beispiel, weil es den Wandel bei uns historisch ganz gut darstellt. Bis zum letzten Jahr gab es die Fiction-Abteilungen bei RTL und Vox und dazwischen TVNow. Als wir damals bei Vox von der Entwicklung der Serie gehört haben, mit einer jungen Frau als Helferfigur für Jugendliche in schwierigen Lebenssituationen, haben wir schon gedacht, dass das auch gut zur Vox-DNA gepasst hätte. Wir haben uns natürlich trotzdem gefreut, dass RTL dieses Feld bestellen wollte. Aber die Serie passt wie die Faust aufs Auge zur Sendermarke Vox und in der jetzigen Konstellation kann man über so einen Fall sehr unkompliziert reden.

FRAUKE NEEB: Und "Lucie" ist das beste Beispiel für die Art von Verantwortung für ein Programm, von der ich gerade gesprochen habe.

Was steckt hinter dem gerade angekündigten "Storytellers"-Programm, das Sie mit TVNow an sieben Filmhochschulen starten? Ist das der Versuch der frühen Talentbindung an die Mediengruppe RTL?

HAUKE BARTEL: Genau das ist der Hintergrund. Wir haben den Eindruck, dass es unabdingbar ist, sich als attraktiver Partner am Markt zu positionieren und mit großer Offenheit sowohl jungen als auch etablierten Talenten das bestmögliche kreative Zuhause zu bieten. Bei Vox gab es schon eine Maßnahme, bei der wir junge Kreative zu einem mehrtägigen Brainstorming eingeladen haben. Bei RTL gab es verschiedene Kooperationen mit Filmhochschulen, die eher in Richtung konkrete Stoffentwicklung gingen. Jetzt führen wir diese Nachwuchsmaßnahmen zu einem großen Programm zusammen und machen Nägel mit Köpfen. An den sieben großen Filmhochschulen sind jetzt alle Studierenden eingeladen, ein Konzept zu einer Young-Adult-Serie für TVNow zu entwickeln, verbunden mit dem Versprechen, jedes Jahr die am besten zu uns passende Idee umzusetzen. Durch diese neue Art der Zusammenarbeit können wir Stoffe für eine junge Zielgruppe aus einer jüngeren Zielgruppe heraus entwickeln. Und die müssen dann auch nicht zwangsläufig der bereits erwähnten 40-jährigen Haushaltsführenden gefallen.

FRAUKE NEEB: Der Gedanke ist aus dem Glauben heraus geboren, dass wir weniger Rezeptbestell-Fernsehen machen möchten. Wenn wir an die Hochschulen gehen würden, um das nächste Procedural gepitcht zu bekommen, entspricht das unserem Gefühl nach nicht mehr unbedingt dem, wofür der Nachwuchs wirklich brennt. Deshalb glauben wir, dass von unserer Maßnahme am Ende beide Seiten profitieren. Das betrifft nicht nur TVNow, auch mit den linearen Sendern wollen wir uns auf die Kreativen zu bewegen.

Hoffen Sie, auf diesem Weg auch Talente für andere Produktionen der Mediengruppe RTL zu gewinnen?

FRAUKE NEEB: Ja. Wir versprechen uns auch in diese Richtung einiges. Es kommt beispielsweise häufiger vor, dass bei den laufenden Projekten noch Verstärkung für einen der Writers' Rooms gesucht wird.

Gerade in Zeiten, da der Kampf ums Talent tobt, geht es wahrscheinlich nicht anders.

HAUKE BARTEL: Das würde ich unterschreiben. Auch als größte Sendergruppe des Landes liegt es an uns zu zeigen, was uns als kreativer Partner auszeichnet. Die Gemeinschaftsredaktion und die verschiedenen Player innerhalb des Hauses geben uns die Möglichkeit, erstmal alle Ideen und Talente anzuschauen und ein Gefühl dafür zu entwickeln, ob beispielsweise jemand dabei ist, der in unser Markenuniversum, in unsere Philosophie passt, jemand, der die besondere Stimme hat, die wir suchen. Und auch wenn die aktuelle Idee doch nicht ganz passt, wissen die Talente, wen sie mit der nächsten, vielleicht ganz anderen Idee, anrufen können.

FRAUKE NEEB: Wir wollen uns zeigen und den Studenten vermitteln, wie wir ticken, wie wir denken, dass es Spaß macht, mit uns zu arbeiten. Wir wollen als kreativer Partner auf Augenhöhe wahrgenommen werden.

Kommen wir zurück zu Ihren Eigenproduktionen für TVNow. Wie ist der aktuelle Stand?

HAUKE BARTEL: Die Bedingungen für das erste Jahr in der neuen Gemeinschaftsstrategie waren Corona-bedingt nicht optimal. Wir hatten aber Glück im Unglück. Die meisten Serien waren noch in der Entwicklungsphase, so dass man die Zeit sinnvoll in der Bucharbeit nutzen konnte. Klar haben wir Projekte auch ins kommende Jahr, in eine Zeit nach Corona geschoben. Der König von Palma" ist wohl ein gutes Beispiel für das, was aktuell nicht ohne Abstriche geht - Auslandsdreh, dichtgedrängte Massen-Partyszenen... Und doch haben wir 2020 schon mehrere Projekte abgedreht, fünf werden gerade produziert. In dieser Woche ist noch Mirella Schulze rettet die Welt" als letzter Produktionsstart in diesem Jahr hinzugekommen. Aber auch die Entwicklungs- und Produktionsliste für das kommende Jahr ist sehr lang. Und mit Unter Freunden stirbt man nicht" geht im Dezember auch das erste Projekt aus der Fiction-Offensive in die Ausstrahlung. Im Frühjahr folgen dann die nächsten.

Bei der Serie "Unter Freunden stirbt man nicht" arbeiten Sie mit der deutschen Dependance des israelischen Medienunternehmens Keshet zusammen. Haben Sie generell die Ambitionen, sich noch internationaler aufzustellen?

HAUKE BARTEL: Dieser Stoff fühlte sich gar nicht so sehr nach einer internationalen Zusammenarbeit an. Die Serie ist eine Adaption, Keshet der Lizenzgeber und wir waren vom ersten Moment an mit der deutschen Produzentin Christina Christ und mit Axel Kühn von Keshet Tresor Fiction zu diesem Stoff im Gespräch. Unser Fokus ist auch klar der deutsche Markt. Grundsätzlich ist unser Appetit nach Stoffen aber so groß, dass wir keine internationalen Zusammenarbeiten ausschließen würden. Wir haben tatsächlich auch internationaler aufgestellte Projekte in der Entwicklung. Diese sind aber noch nicht spruchreif.

Sie haben bei Ihren Projekten klugerweise keine Ansagen gemacht, dass das jetzt das deutsche Breaking Bad" oder das neue Fleabag" werden soll. Wie sehr ziehen Sie aber aus dem internationalen Markt Rückschlüsse für Ihre Pläne?

HAUKE BARTEL: Aussagen wie "Wir machen jetzt das deutsche 'Breaking Bad'" finde ich nicht nur kommunikativ unglücklich, sondern auch strategisch nicht so spannend. Es ist eine Selbstverständlichkeit, dass wir die internationalen Märkte beobachten. Jeder von uns ist Serienfan und guckt wahnsinnig viel. Wir gehen nicht davon aus, dass unser Publikum das nicht auch tut. Im Gegenteil. Der Serienmarkt ist international und es gibt das internationale "Breaking Bad". Wenn wir jetzt kommen und sagen, wunderbar, wir bedienen uns jetzt der gleichen Mechanik, nur eben auf Deutsch, wird das Publikum zurecht denken, dass es eben nur eine Kopie des originelleren Originals ist. Man hat da wenig zu gewinnen. Daher schauen wir eher auf den Vergleich: Das ist toll und gab es schon. Lass uns schauen, wie wir die Schraube nochmal in eine andere Richtung drehen können.

Gibt es bei den aktuellen TVNow-Projekten ein Beispiel, wo Sie die Schraube auf diese Weise weitergedreht haben?

HAUKE BARTEL: Eine Schraube weiter gedreht, würde ich nicht sagen. Aber ich finde, dass Tilo Neumann und das Universum" eine ziemlich einzigartige Prämisse hat. Da hatten wir das Gefühl, dass es das international noch nicht gab. Ein konzeptionell besonderer Ansatz: Wir folgen einer Figur, die plötzlich beginnt, die Stimme eines Universums zu hören, was sie dabei unterstützt, das Leben auf links zu drehen. Auf der anderen Seite wird es bestimmt irgendwo auf der Welt auch eine Serie geben, die mit einem ähnlichen dramaturgischen Kniff gearbeitet hat. Das will ich nicht in Abrede stellen. Es geht um die Philosophie, nicht allgemein bekannte Hits zu kopieren, sondern eher Neuland zu ergründen.

FRAUKE NEEB: Herzogpark" ist auch ein gutes Beispiel: Da gab es eine gewisse Sehnsucht, nochmal eine große München-Serie ins Leben zu rufen. Sie ist ein spannender Genremix aus Gesellschaftskomödie, Thriller und Drama. Da denken wir auch an größere deutsche Vorbilder wie Kir Royal" oder "Monaco Franze". Ein Teil des Publikums wird sich hoffentlich darüber freuen, solch ein Lebensgefühl nochmal aufleben zu lassen, und es muss ja auch nicht immer nur der internationale Markt sein, der inspiriert. Ich selbst bin auch mit großen deutschen Familienserien aufgewachsen und halte immer noch "Das Erbe der Guldenburgs" für eine der besten Serien. Auch davon lässt sich noch eine Menge ableiten und in die heutige Zeit transformieren.

Apropos Serienklassiker: "Der Lehrer" ist innerhalb der Mediengruppe die erfolgreichste Serie der letzten Jahre. Nun müssen Sie Hauptdarsteller Hendrik Duryn durch Simon Böer ersetzten. Ein riskanter Schritt? Stand zur Debatte, das Format einzustellen?

HAUKE BARTEL: Wir waren schon zu Vox-Zeiten keine Fans davon, eine Serie, nur weil sie erfolgreich ist, um jeden Preis weiterzumachen. Club der roten Bänder" haben wir ganz bewusst nach drei Staffeln beendet. Wenn wir bei "Der Lehrer" in der Besetzung und auch inhaltlich keine Konstellation gefunden hätten, bei der es sich lohnt, sie weiterzuerzählen, hätten wir diese Frage sehr offen diskutiert. Aber glücklicherweise haben wir das Gefühl, dass es da noch viel zu erzählen gibt. Simon Böer ist ein ganz anderer Lehrer, der aber bestimmten Qualitäten und Charakteristika dieses Formats eine neue Frische gibt.

FRAUKE NEEB: Die Figur wird auch neue Impulse setzen, weil wir Hendrik Duryn und die Mechanik seiner Serienfigur Stefan Vollmer nicht einfach wiederholen oder eins-zu-eins kopieren wollen. Dass die Serie nach neun Staffeln einen Häutungsprozess durchmacht, bietet ja auch ganz neue Möglichkeiten.

Einen Häutungsprozess haben die Zuschauer auch beim RTL-Dauerbrenner "Alarm für Cobra 11" erlebt. Wie zufrieden sind Sie dort mit dem Strategiewechsel? Wie sieht die Zukunft der Serie aus?

HAUKE BARTEL: Es ist erstmal wirklich beeindruckend, was für eine Resonanz das Format nach so vielen Jahren noch auslösen kann. Deshalb sind wir mit diesem Relaunch grundsätzlich zufrieden. Es steckte ein großes Risiko darin, die Serie so radikal neu zu positionieren. Wir schauen uns auch an, ob es Elemente gibt, die bei der alten "Cobra" ein wichtiger Faktor für die Fans waren und die wir in der Neuaufsetzung vielleicht zu weit zurückgefahren haben, um dann nachjustieren zu können. Der Prozess ist noch nicht abgeschlossen. Wir haben weitere acht Folgen, die wir im kommenden Jahr ausstrahlen. Deshalb sind wir noch nicht soweit, dass wir etwas Endgültiges über das Format sagen können. Aber die Zahlen sprechen erst einmal eine positive Sprache.

FRAUKE NEEB: Die neue Staffel hat uns gezeigt, dass es sich wirklich lohnt, ein Format konsequent umzusetzen und nicht den einen oder anderen inhaltlichen Kompromiss einzugehen. Denn dann findet sich zwar ein kleiner gemeinsamer Nenner, aber das Format verliert sein Rückgrat. Wir haben die neue "Cobra" in einer neuen und konsequenten Tonalität umgesetzt, die viele dem Format gar nicht zugetraut haben.

Inwiefern spielen solche Säulen des fiktionalen Programms auch eine Rolle bei TVNow?

FRAUKE NEEB: Wir haben auf TVNow sehr erfreuliche Abrufzahlen, was unsere Sendermarken angeht. Das trifft auf "Der Lehrer" genauso zu wie auf "Alarm für Cobra 11" - auch lineare Formate werden gerne auf TVNow geschaut. Deshalb geht Streaming und Broadcasting bei uns in der Mediengruppe Hand in Hand. Unsere Aufgabe ist es aber eben auch, linear ein Programm zu finden, das die Zuschauer davon abhält, am Abend zu konkurrierenden Streamern zu wechseln. Zu TVNow können sie es natürlich gerne gehen. Aber sie sollen das Gefühl haben, dass ihnen auch RTL oder Vox die Geschichte erzählt, die sie gerne sehen wollen.

Muss man bei Vox im Nachhinein konstatieren, dass der Erfolg von "Club der roten Bänder" eine zu hohe Hypothek für die Folgeformate war? Keines davon wurde fortgesetzt.

HAUKE BARTEL: "Club der roten Bänder" war ein Ausnahmephänomen, das sich in einer etwas anderen Zeit und einem anderen Umfeld beweisen konnte. Wir haben uns damals bewusst dagegen entschieden, diese sehr persönliche Ausnahmeserie in alle Einzelteile zu zerlegen und gewissermaßen industriell nachzufertigen. Auch da wollten wir lieber Neuland betreten. Mit den Formaten, die danach kamen, konnten wir auch eine große Anfangsneugierde wecken und hatten insgesamt betrachtet sehr positive Rückmeldungen von Publikum und Kritikern. Aber alle Formate haben nach einem Start deutlich über Senderschnitt sukzessive Publikum abgegeben. Teilweise sind die Zuschauer zu TVNow gewandert, aber nicht in dem Maße, dass es gereicht hätte, das rechnerisch wieder auszugleichen. Wir sind inzwischen der Überzeugung, dass wenn man in der linearen Ausstrahlung fortlaufende Geschichten erzählt, in Zukunft tendenziell etwas kürzer werden muss. Bei solchen Serien sind sechs Folgen eine günstige Länge. Damit wären die Nachfolgeserien bei Vox auch alle im grünen Bereich gelandet. Aber natürlich gab es auch inhaltliche Gründe. Das Alleinstellungsmerkmal, das der "Club der roten Bänder" in der deutschen Fernsehlandschaft hatte, hatten die anderen Serien nicht in dem Maße.

FRAUKE NEEB: Aber es wäre auch langweilig, wenn wir solche Erfolge jährlich wiederholen könnten. "Club der roten Bänder" hatte einfach viele gute Zutaten und konnte in der ganzen Familie geschaut werden. So ein Erfolg lässt sich leider oder auch Gott sei Dank nicht ständig neu generieren. Sonst wären diese Benchmarks, die es alle paar Jahre gibt, ja nichts Besonderes mehr.

Letzte Frage: Was war für Sie die größte Herausforderung seit Ihrem Start als Doppelspitze im Januar?

FRAUKE NEEB: Die größte Herausforderung ist für uns weiterhin Corona. Aber das gilt im Moment nicht nur für unsere Branche, sondern für uns alle. Wir freuen uns über jede Dispo der laufenden Produktionen, die kommt. Wir machen uns auch auf den einen oder anderen Drehstopp gefasst, da fahren wir einfach gerade gemeinsam mit den Produzenten weiter sehr auf Sicht. Mit dieser Sorge, aber auch der Zuversicht, dass wir das hinkriegen werden, gehen wir jetzt in den Herbst und den Winter. In Bezug auf Corona, aber auch auf die Nachwuchsfrage oder unsere Herangehensweise an die Stoffe lautet unsere Kernbotschaft: Wir fühlen uns mit unseren kreativen Partnern auf Augenhöhe und sitzen mit ihnen in einem Boot. Das ist Hauke und mir extrem wichtig.

Das Interview führten Frank Heine und Michael Müller