Kino

KOMMENTAR: Sind Sie käuflich, Mister Bond?

Wenn man jemanden aus der Unterhaltungsbranche zu Beginn des Jahres allein mit der bloßen Vorstellung konfrontiert hätte, der 25. Bond, "Keine Zeit zu sterben", könne seine Premiere nicht im Kino, sondern auf einem Streamingportal feiern, hätte man ihn ausgelacht.

29.10.2020 08:05 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Wenn man jemanden aus der Unterhaltungsbranche zu Beginn des Jahres allein mit der bloßen Vorstellung konfrontiert hätte, der 25. Bond, Keine Zeit zu sterben", könne seine Premiere nicht im Kino, sondern auf einem Streamingportal feiern, hätte man ihn ausgelacht. Die Kinobranche hatte gerade das nach bloßem Umsatz weltweit beste Jahr hinter sich gebracht; Disney hatte einen Fabelrekord für ein Filmstudio aufgestellt. "Keine Zeit zu sterben", wegen eines Regiewechsels in der Vorproduktion von seinem eigentlichen Starttermin im November 2019 ein halbes Jahr verschoben auf Ostern 2020, galt als eines der todsicheren Kronjuwelen des Kinojahres. Was für einen Unterschied ein halbes Jahr macht! Nun sind wir hier, im vierten Quartal des Jahres 2020, und wir sind mit einer (Kino-)Welt konfrontiert, die sich nicht einmal mehr im Entferntesten vergleichen lässt mit der Situation, mit der man ins Jahr gestartet war, als jedem klar war, dass die Höhen von 2019 wohl einmalig und unerreichbar sein würden, es aber angesichts des Blockbuster-Lineups für Frühjahr und Sommer doch durchaus Anlass zu vorsichtigem Optimismus gab.

Nun treiben einem Meldungen aus den amerikanischen Trades, ausgehend von einem Scoop von Bloomberg, zwar immer noch den Puls in die Höhe, es habe Gespräche von MGM mit den Streamingportalen gegeben, einem von ihnen die exklusiven einjährigen Auswertungsrechte an "Keine Zeit zu sterben" für 600 Mio. Dollar einzuräumen. Aber schockiert, wie man es zu Beginn des Jahres noch gewesen wäre, ist man nicht mehr:

Mit einer gewissen Resignation nimmt man hin, dass alle Hoffnungen, die Corona-Pandemie könne nur eine unangenehme Drei-Monats-Delle sein, und man könne danach wieder zum Business as usual zurückkehren, ein hoffnungsloser Wunschtraum waren. Siebeneinhalb Monate nach dem Lockdown rollt eine zweite Welle über Europa, deren Auswirkungen noch völlig unklar sind.

Nun haben wir uns daran gewöhnt, dass Titel, die Studios offenbar als entbehrlich und verzichtbar hielten, aus welchen Gründen auch immer, auf die eine oder andere Weise dem Streaming überlassen wurden: "Mulan", Soul", Trolls World Tour", Without Remorse", "Coming 2 America". Die einen Studios versuchen, Corona auszusitzen, die anderen versuchen, die bestmöglichen Einnahmen zu generieren und mit Testballons die Lage zu sondieren. Die echten todsicheren Blockbuster aber werden zurückgehalten. So mag es Gespräche und Überlegungen gegeben haben wegen Titeln wie "Wonder Woman 1984", Top Gun: Maverick" oder eben "Keine Zeit zu sterben". Aber noch hält sie, die Blockbusterfront. Auch MGM hat sein Bond-Angebot wohl zurückgezogen. Aber wenn sie bröckelt, dann müssen dringend neue Ideen her.

Thomas Schultze, Chefredakteur