TV

Thomas Stuber: "Nicht für Berieselung zuständig"

Der Filmemacher Thomas Stuber hat mit seinem Team die atemberaubend düstere Horror-Serie "Hausen" gedreht. Er spricht über seine Einflüsse, die Inszenierung eines Gebäudes als Person und die Kino-ähnlichen Freiheiten bei der Lago-Film-Produktion für Sky, die am heutigen Donnerstag startet.

29.10.2020 12:30 • von Michael Müller
Regisseur Thomas Stuber (M.) am Set von der Sky-Serie "Hausen" (Bild: Lago Film/Reiner Bajo)

Der Filmemacher Thomas Stuber hat mit seinem Team die atemberaubend düstere Horror-Serie "Hausen" gedreht. Die Story stammt von Till Kleinert und Anna Stoeva. Am Writers' Room beteiligt waren auch Erol Yesilkaya, Alexandra Schulz, Annett Gröschner und Linus de Paoli. Stuber, der die Drehbücher überarbeitete, spricht im Interview über seine Einflüsse, die Inszenierung eines Gebäudes als Person und die Kino-ähnlichen Freiheiten bei der Lago-Film-Produktion für Sky, die am heutigen Donnerstag startet.

Reizte Sie an dem Serienprojekt "Hausen" das Horrorgenre, weil Sie das bislang in Ihrer Karriere noch nicht ausprobiert hatten?

THOMAS STUBER: Ja, total. Einerseits bin ich ein Filmfreak, der alles guckt. Ich schaue Komödien, Dramen, Thriller und auch Horror. Das war nichts Fremdes für mich, was ich mir anlernen musste. Man hat es nur von mir noch nicht gesehen. Ansonsten probiere ich mich auch einfach gerne in verschiedenen Formaten und Genres aus. Davor habe ich mit dem "Tatort: Angriff auf Wache 08" etwas mit Action und Schießereien gemacht. Das fand ich total toll, mir das anzueignen, wie man das macht. Bei "Hausen" war es neben dem seriellen Erzählen das Genre, wobei es nicht nur Horror, sondern auch Mystery ist. Ich dachte auch: Cool, dass ihr mir dieses Projekt anbietet. Aber seid ihr auch sicher, dass ihr den richtigen habt?

Haben Sie sich vor den Dreharbeiten speziell Horrorklassiker zur Inspiration angeschaut?

THOMAS STUBER: Natürlich. Andrzej Zulawskis "Possession" hatte ich zwar vorher schon rauf und runter gesehen. Aber der war ein großes Vorbild, was man wahrscheinlich auch merkt. Da sind ich und mein Kameramann Peter Matjasko ganz große Fans. Unsere Spezialeffekte haben auch viel davon. Ansonsten bin ich auch großer Fan von Lars von Triers "Hospital der Geister". Als ich die Idee zu "Hausen" gelesen habe, hat mich das auch stark daran erinnert. Das war damals auf eine Art auch eine Antwort von Lars von Trier auf "Twin Peaks", was ich als Mystery-Serie auch bahnbrechend fand. Ich fand auch die Serie "Akte X" in den Neunzigerjahren genial. Serien sind ja keine Erfindung erst seit 2010, wie man immer zu glauben meint. Aber auch, obwohl es kein Horror ist, die DDR-Serien "Spuk im Hochhaus", "Spuk unterm Riesenrad" und "Spuk von draußen" hatten einen großen Einfluss auf mich. Das sind Kinderserien, die aber mit Mystery und Effekten spielen.

Bei Ihnen stehen häufig Außenseiter oder Menschen vom Rande der Gesellschaft im Fokus. Bei "Hausen" haben Sie gleich einen ganzen Gebäudekomplex mit diesem Menschentyp. Woran liegt das?

THOMAS STUBER: Das ist wohl auch einer der Gründe, warum man bei diesem Stoff an mich gedacht hat. Am Anfang dachte ich auch über die Kombination Sky und Horrorserie: Wow, interessant. Das muss ich mir erst einmal angucken. In dem Augenblick, wo ich mehr gelesen habe, worum es ging, dämmerte es mir auch, warum man glaubte, dass ich das kann. Ich finde es interessant, das als die andere Münzseite von meinem Film "In den Gängen" zu sehen. Man könnte das als den wahnsinnigen Horror hinter der "In den Gängen"-Welt betrachten. Ja, das ist etwas, was ich gerne mache. Ich arbeite mich am Drama ab, wie in der Kälte der Moderne das Miteinander als einziges Überlebenswerkzeug funktioniert. Auch wenn es in "Hausen" die Erlösung zum Schluss nicht oder nur eingeschränkt gibt, ist das hier auch angelegt. Das Spannende und die riesige Aufgabe war es, das in das Genre zu überführen. Da habe ich eine große Lust verspürt, "Hausen" mit meinem Team zu einem Arthouse-Stuber-Horror zu machen. Wir können das Horrorgenre nicht neu erfinden. Es gibt gewisse Dinge, die man nicht falsch machen darf. Aber es gibt auch immer die Frage, was das Neue ist, was wir hinzufügen können.

Wie war es, einen Plattenbau als bedrohliche Persönlichkeit zu inszenieren?

THOMAS STUBER: Na, ich habe ja mit Gabelstaplern Erfahrung. Bei "Hausen" treten jetzt Szenenbild, Kamera und Atmosphäre noch mehr in den Vordergrund. Die Geschichte kann nur über die Kamera erzählt werden. Das Szenenbild muss organisch mit den Effekten verbunden sein. Der Horror kommt hier aus der Architektur. Aus den Wänden wächst etwas. Die Kreatur wächst nicht durch die Wände - die Wände sind die Kreatur. Szenenbild, Kamera, Lichtsetzung und Ton sind dabei wahnsinnig wichtig. Das hat mir viel Spaß gemacht.

Wie viel des Sets der Hochhaussiedlung entstand im Studio, wie viel vor Ort?

THOMAS STUBER: Das ehemalige Regierungskrankenhaus der DDR ist quasi der reale Bau. Das hat noch fünf, sechs Stockwerke. Der ganze Rest des Hochhauses ist in "Hausen" digital darauf gesetzt. Wir haben uns für die Location entschieden, weil es anders als beim klassischen Plattenbau einen viel labyrinthischeren und verwinkelteren Grundriss gibt. Ein Plattenbau ist im Grunde genommen ziemlich gerade. Da kann man sich nicht großartig im Kreis drehen. Das bot aber wiederum das große Krankenhaus. Gleich daneben steht übrigens das ehemalige Stasi-Krankenhaus. Da haben wir im Keller gedreht. Diese Gebäude bringen von sich aus schon ein gewisse Atmosphäre der Überwältigung mit sich. Im Keller mussten wir zum Beispiel gar nicht viel für die Gruselstimmung machen. Wir mussten zwar ein paar Wohnungen für die Serie doppelt besetzen und neu einrichten. Aber im Grunde genommen waren diese Flure und Wohnungen alle real. Viel vom Schleim ist auch real. Nur zum Ende hin wird es, alles was die Kreatur betrifft, digitaler und VFX-lastiger.

Aber den Fahrstuhl haben Sie doch bestimmt im Studio nachgebaut?

THOMAS STUBER: Nein, auch der ist dort. Das war zu unserem Vorteil ein Betten-Fahrstuhl. Da müssen Betten reinpassen, weshalb der für unsere Dreharbeiten praktischer war. Man kann ihn mit einer längeren Brennweite filmen. Dann wirkt er wieder enger. Aber grundsätzlich ist er ein bisschen größer als ein einfacher Fahrstuhl und war im Erdgeschoss sogar in zwei Richtungen begehbar. Der ganze Fahrstuhlschacht besteht wiederum aus visuellen Effekten. Aber wenn der Fahrstuhl zum Beispiel in der Serie stecken bleibt, haben wir ganz klassisch an die Kamera gehauen, damit es wackelt. Der Rest ist Schauspiel und Lichtsetzung.

Ketzerisch gefragt: Wie düster und scheinbar hoffnungslos darf eine Serie sein, um noch beim Zuschauer anzukommen? Die Figuren in "Hausen" schleppen ja ein ganz schönes Pfund an Leid mich sich herum.

THOMAS STUBER: Ich weiß, dass wir hier mit einem typischen Horrorszenario - das Paradies wird von der Hölle aufgebrochen - so ein wenig brechen. Die klassische Stephen-King-Geschichte ist die scheinbar heile Welt, in die dann die Hölle einbricht. Allerdings muss ich sagen, dass das Scheinbare dabei der entscheidende Aspekt ist. Ob das bei "Hausen" positive Figuren sind, sei mal dahin gestellt. Auf eine Art wie auch schon bei meinem Film "Herbert" sind mir Figuren, wie sie Charly Hübner und Tristan Göbel in "Hausen" verkörpern, persönlich nahe. Ich sehe dann auch den ganzen Bogen. Charly Hübner wird einem schon das Herz erweichen. Das hat dann auch viel damit zu tun, dass er zu Beginn als Hausmeister diese harte Schale hat. Ich hatte schon Lust und Mut auf diese Konsequenz des Dunklen und Düsteren. Lasst uns gleich das Dracula-Schloss in Transsilvanien mit der Ankunft im Nirgendwo probieren, war mein Gedanke. Ich gebe zu: Das bin ganz viel ich, der auch keine Berührungsängste mit der Kälte in Filmen wie zum Beispiel "So finster die Nacht" hat. Ich gucke mir das gerne an.

"Hausen" ist auf jeden Fall keine Serie, welche die Sky-Kunden mal so nebenher laufen lassen werden.

THOMAS STUBER: Das stimmt. Aber das weiß man auch, wenn man mir die Verantwortung überträgt. Für die Berieselung und das Nebenbei bin ich nicht zuständig. Das kann auch sein, dass da der ein oder andere als Zuschauer auf der Strecke bleibt. Aber da will ich gerne konsequent sein in dem Sinne, dass wenn man etwas von mir haben will, es auch komplex ist. Aber ich finde eine Sky-Serie wie "Outsider" macht es einem da auch nicht einfacher.

Alexander Scheer als mysteriöse Kater-Figur ist ein Ereignis, die auch sehr an DEFA-Märchenfiguren wie den Holländermichel in "Das kalte Herz" erinnert. Hätte die Figur auch jemand anderes spielen können?

THOMAS STUBER: Nein, ich wollte immer Alexander dafür haben. Das war mir total klar, weil ich ein Chamäleon haben wollte. Es war immer die Idee - und das habe ich Alexander auch gesagt -, dass er durch Maske und Kostüm nicht zu erkennen sein soll. Meine ganze Anstrengung wird sein, dass man ihn nicht erkennt. Erst, wenn man ihn länger sieht und ihm in die Augen schaut, sollte es den Leuten dämmern. Das fand Alexander toll, der ein absoluter Instinkt-Schauspieler ist und dadurch auch absolut erfrischend und bereichernd für diese Geschichte wirkt. Er ist im wahrsten Sinne des Wortes mit seiner Figur verschmolzen. Der lief auch als Kater beim Catering vorbei.

Fühlen Sie sich denn zu den anderen Sky-Serien wie "Der Pass" oder "Babylon Berlin" dazugehörig? Oder geht es gar nicht anders, als sein eigenes Ding zu machen?

THOMAS STUBER: Ich sehe mich mit "Hausen" als Teil dieser Familie. Der für die Serie bei Sky zuständige Executive Producer Quirin Schmidt benutzt gerne das Bild vom Baum, an den "Hausen" wie die anderen Serien gehangen wird. Ich glaube, dass man da auf große Diversität baut und überhaupt nicht sagt: Wir als Sky stehen nur für das eine. Wofür sie offenbar mit "Hausen" stehen, ist auf jeden Fall eine Handschrift und eine größtmögliche Freiheit, die sie mir gegeben haben. Die hätte man mir wahrscheinlich bei Netflix oder Amazon nicht gegeben. Ich glaube nicht, dass die diese Serie in Auftrag gegeben hätten. Deshalb fühle ich mich einerseits zugehörig zum Sender, aber andererseits haben wir mit "Hausen" jetzt unser ganz eigenes Feld bearbeitet.

Würden Sie wieder mit Sky zusammenarbeiten?

THOMAS STUBER: Natürlich würde ich wieder mit Sky zusammenarbeiten. Aber das hat auch ganz viel mit dem Inhalt zu tun, mit dem ich etwas anfangen können muss. Ich will auch Sky gar nicht so sehr Honig ums Maul schmieren. Es gab auch schwierige Momente. Aber wovon ich wirklich überrascht war, dass ich hier Kino-ähnliche Freiheiten als Regisseur und Showrunner genossen habe. Ich musste mich nicht ständig hinterfragen lassen. Man hat mir eine Pistole in die Hand gegeben. Es war auch unfassbar anstrengend, diese ganzen Folgen umzuschreiben und 90 Drehtage als alleiniger Regisseur zu machen. Da habe ich mich auch für das Projekt verantwortlich gefühlt. Das war auch ein bisschen wahnsinnig gegenüber der eigenen Familie, wie viel Zeit dabei draufgeht. Aber diese Freiheit zu haben und die eigene Handschrift reinzubringen, fand ich natürlich toll.

Das Interview führte Michael Müller