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Alexander Glehr: "Der Prozess hat viel in Gang gesetzt"

Alexander Glehr von der Wiener Film AG hat den zunächst fürs Kino produzierten "Was wir wollten" über den Weltvertrieb Picture Tree International an Netflix verkauft - mit einem weltweiten Deal. Wie es dazu kam und was das für die Förderpartner bedeutete, erzählt er hier. Ein Blick auf die zugespitzte Corona-Lage inklusive.

29.10.2020 08:32 • von Barbara Schuster
Alexander Glehr, hier am Set von "Letzter Gipfel", der Fortsetzung von Julian Pölslers Altausseer-Krimi (Bild: Film AG)

Alexander Glehr von der Wiener Film AG hat den zunächst fürs Kino produzierten "Was wir wollten", der Österreich auch im Oscarrennen vertritt, über Weltvertrieb Picture Tree International an Netflix verkauft - mit einem weltweiten Deal. Wie es dazu kam und was das für die Förderpartner bedeutete, erzählt er hier. Ein Blick auf die zugespitzte Corona-Lage inklusive.

Mit welchen Projekten ist die Film AG aktuell zugange und wie schätzen Sie die Lage für die Branche allgemein derzeit ein?

Unlängst haben wir mit der Wiederaufnahme der Dreharbeiten des Landkrimis "Vier" von Marie Kreutzer begonnen, den wir kurz nach Drehbeginn im März aufgrund des Lockdowns in Österreich abbrechen mussten. Zudem haben wir gerade "Letzter Gipfel", den zweiten Teil von Julian Pöslers Altausseer-Krimireihe, abgedreht. Mit Blick auf die Situation allgemein denke ich, dass es sicher nicht so schnell "normal" weitergehen wird. Im Markt werden einige Veränderungen schneller eintreten, als sie ohne Corona eingetreten wären. Durch die Ausfallshaftung in Österreich wurde schon im Juni die Grundvoraussetzung dafür geschaffen, dass wir wieder arbeiten, wieder drehen können. Seit Dreharbeiten wieder möglich sind, haben wir alle Hände voll zu tun, das Stresslevel ist allerdings höher als vorher.

Ihre Film AG hat auch Ulrike Koflers Langfilmdebüt "Was wir wollten" mit Lavinia Wilson und Elyas M´Barek produziert. Stand von Anfang an fest, dass der Film für Netflix entsteht?

Überhaupt nicht, die Finanzierung des Filmes zog sich ewig, und ursprünglich war auch eine andere Darstellerkonstellation angedacht. Als drei Monate vor Dreh Lavinia und Elyas ihre Mitwirkung erklärten, war uns natürlich klar, dass wir durch diese beiden Hauptdarsteller eine andere Relevanz im zumindest deutschsprachigen Arthouse-Kinomarkt haben werden. Aber die Parameter Erstlingsfilm, österreichisch, anspruchsvolles Thema ließen uns ehrlich gesagt nicht an einen großen, publikumsorientierten Verwertungspartner denken. Dass schlussendlich nach Sichtung des Films über Picture Tree International, mit denen wir eine langjährige Zusammenarbeit pflegen, Netflix Interesse signalisierte und damit eine weltweite Verwertung möglich wurde, hat uns natürlich - gelinde gesagt - überrascht und erfreut. Offenbar gibt es für gut gemachte Beziehungsdramen ein weltweites Publikum. Es würde wahrscheinlich mehr für mich als Filmproduzent sprechen, würde ich behaupten können, dass das alles einem großen, von mir präzise vorgedachten Plan entstamme, der perfekt aufgegangen ist. Vielmehr muss ich aber zugeben, dass sich über die Jahre, in denen wir an dem Film gearbeitet haben, die Dinge auf fast wundersame Weise zusammengefügt haben und ich oft nur staunend lernen, aber natürlich auch gestalten durfte.

Damit ist der Film der erste globale Lizenzeinkauf eines österreichischen (Kino)Films von Netflix. Sorgte das nicht für Diskussionen bei den Förderanstalten, dem ORF, die den Film als Kinoproduktion unterstützt hatten?

Tatsächlich wurde soviel ich weiß auch "Joy" von Sudabeh Mortezai von Netflix lizenziert. "Was wir wollten" ist aber die erste weltweite Lizenzierung eines österreichischen Films, im Rahmen derer Netflix umfangreiche Erstverwertungsrechte außerhalb Österreichs wahrnehmen wird. Nachdem wir dieses Angebot auf dem Tisch liegen hatten, war natürlich gleich der erste Schritt, das Gespräch mit den Finanziers des Filmes zu suchen und abzuklären, ob es in Ordnung ist, wenn wir in diese Richtung denken, uns dieser Welt öffnen. Das war ein Prozess, der in Österreich viel in Gang gesetzt hat, weil die Finanziers und Förderer gemerkt haben, dass man noch schneller als bisher Strategien finden muss, wie damit umzugehen ist - vor allem auch für die nahe Zukunft. Denn unser Fall wird sicherlich nicht der letzte seiner Art sein. Auch wenn sich durch die Einigung, die wir letztendlich mit den Förderern erzielten, keine Regel ableiten lässt, wurde doch klar, dass wir uns diesem Verwertungsbereich mehr öffnen müssen als bis dato geschehen.

War die Einigung mit dem Österreichischen Filminstitut und dem ORF, der über das Film/Fernsehabkommen unterstützte, so leicht?

Netflix hat offensichtlich ein gewisses Interesse, mit einem Sender wie dem ORF kollaborativ zu arbeiten, insofern stand von Anfang an außer Frage, dass die Verwertung des ORF im durch das Film-/Fernsehabkommen grundgelegten Umfang stattfinden wird. Das heißt konkret, dass der ORF den Film zwölf Monate nach dem VoD-Release in einer siebenjährigen Lizenz ausstrahlen kann, auch mit dem in Österreich üblichen sieben Tage Catch-up-Fenster.

Dass dieser Lizenzdeal mit Netflix gelungen ist, war nicht nur für uns, sondern natürlich auch für die Finanziers überraschend, gestaltete sich die Finanzierung des Films doch alles andere als einfach und beschäftigte uns fast über drei Jahre. Für die österreichische Filmwirtschaft zeigt diese Lizenzierung auf jeden Fall, dass die Streamingplattformen ihr Filmangebot stetig erweitern, bedacht darauf sind, neue Zielgruppen anzusprechen und sich insofern auch eine Vielzahl neuer Chancen für den österreichischen Filmmarkt auftun. Insofern ist diese spezielle Verwertung eines österreichischen Films für die Förderer hierzulande natürlich auch eine Aussage in die Zukunft. Wenn sich Netflix für so ein Arthouseprodukt interessiert, kann man Rückschlüsse ableiten: Hier wird genau überlegt, was gebraucht und gewollt wird und wie sich die beste Kooperation zwischen allen Beteiligten herstellen lässt. Insofern wurde ein Nachdenkprozess ausgelöst, aber sicher kein abwehrender.

Was waren die nächsten Überlegungen?

Ursprünglich war die Idee, "Was wir wollten" mit einer Festivalpremiere im Markt zu etablieren und so den weltweiten Launch dieses Arthousefilms durch die Anerkennung einer solchen künstlerischen Auswahl zu unterfüttern. Diese Idee wurde im März durch den Corona-Lockdown zunichte gemacht. Alles wurde auf den Kopf gestellt. In Anbetracht der Krise empfanden wir es plötzlich als falsches Signal, einen solchen Film, der sicher auch an der Kinokasse Relevanz entwickeln kann, ausschließlich online zu releasen. Wäre "Was wir wollten" ein Jahr vorher ins Kino gekommen, hätte er sich in der ganz normalen Competition mit den wöchentlich zehn anderen startenden Filmen matchen müssen. Das ist eine gänzlich andere Situation, als wir sie dieses Jahr vorfinden, wo jeder auch nur ein wenig Publikumspotenzial versprechende, nationale Film die Situation der Kinos entscheidend verbessern könnte. Als ich mit dieser Überlegung an Netflix herantrat, war die Bereitschaft groß, darüber nachzudenken, Österreich aus dem weltweiten Deal herauszulösen, um so einen Kinoeinsatz möglich zu machen. Was für mich wirklich der größte und angenehmste Lerneffekt bisher in der Zusammenarbeit mit Netflix war, ist zu erkennen, wie dieser Konzern ein Höchstmaß an Flexibilität und Individualität an den Tag legt. Diese ständige Bereitschaft, das einzelne Produkt bestmögliche zu behandeln, auf neue Situationen im Prozess einzugehen und zu versuchen, die Prozesse ständig zu optimieren, ist wirklich bemerkenswert. Da kann man sich wahnsinnig viel abschauen, selbst als kleine Firma wie wir.

Deshalb startet "Was wir wollten" nun am 6. November über Filmladen in den österreichischen Kinos. Ist es nicht sowieso Voraussetzung, einen ÖFI-geförderten Film in die Kinos zu bringen?

Das Filmförderungsgesetz sieht vor allem vor, dass sich der Produzent um die bestmögliche Verwertung bemühen muss. Und wir sprechen wie gesagt bei "Was wir wollten" von einem Debütfilm, der durch Netflix - um die Dimension zu verdeutlichen - in 30 Sprachfassungen weltweit ausgewertet wird. Die Chance, die "Was wir wollten" auf Netflix mit seinen hunderten Millionen Abonnenten nun angedeiht, hätte er als normaler Kinorelease niemals auch nur annähernd gehabt. Wenn ein Hauptfokus der staatlichen Filmfinanzierung in Österreich der ist, dass österreichische Filmkultur bewahrt, gefördert und verbreitet wird, dann setzen wir mit dieser Verwertung des ersten Films von Ulrike Kofler für Österreich neue Maßstäbe.

Der Kinorelease brachte eine weitere Überraschung ...

Der kommende Kinostart hat uns auch für die österreichische Oscarauswahl qualifiziert, und es wirkt wie die Kirsche auf dem Sahnehäubchen, dass "Was wir wollten" ausgewählt wurde, für Österreich ins Rennen um den Auslandsoscar zu gehen. So knapp vor Kinostart ein starkes Signal, das den Film noch einmal unter ein besonderes Licht stellt. Was wir uns von dem Kinostart in Coronazeiten und vor allem in der jetzigen Situation steigender Infektionszahlen erwarten können, sei dahin gestellt. Wichtig ist, dass wir diesen Versuch starten, und die Auswahl als österreichischer Beitrag zu den Oscars hat uns in diesem Schritt mehr als nur bestätigt.

Von Entspannung im Kino- und Filmmarkt kann leider noch keine Rede sein. Was macht Ihnen aktuell die größten Sorgen?

Man kann nicht lange vorausplanen. Wir befinden uns wie in einem Nebel, in dem man nicht mehr als ein paar Tage voraussieht und planen kann. Bei TV-Produktionen, die in Österreich umgesetzt werden, ist die Situation einfacher zu handeln, weil man diese Projekte viel abgesteckter vorbereiten und durchführen kann. Eine Katastrophe ist es bei allen internationalen Kinoproduktionen, bei denen man die Corona-Verordnungslage über Ländergrenzen hinweg beachten muss. Diese Projekte, bei uns etwa Dieter Berners "Alma & Oskar", können wir Produzenten derzeit nur mit großem Bauchweh planen. Trotzdem ist es eine Notwendigkeit, einen Umgang damit zu finden und weiterzumachen - wir können einfach nicht davon ausgehen, dass am 1. Januar 2021 alles wieder so ist, wie es bis 31. Dezember 2019 war. Wenn wir als Österreicher einen Film mit einem Budget von sechs Mio. Euro oder mehr machen wollen, liegt es in der Natur der Sache, dass wir international drehen, planen und denken müssen. Das heißt, es gibt die Alternative gar nicht, wir müssen diesen ganzen Corona-bedingten Unwägbarkeiten begegnen, wenn wir weiterhin größere Filme machen wollen. Den Dreh von "Alma & Oskar" mussten wir auf 2021 verschieben. Marie Kreutzers Sisi-Verfilmung "Corsage" soll im Februar/März 2021 Drehstart haben. Aber keine Frage, es ist ein Vabanquespiel, bis der Dreh zu Ende ist.

Beim Dreh der oben angesprochenen Fernsehproduktionen haben wir ein sehr gutes Sicherheitskonzept implementiert, das von allen Mitarbeitern sehr gut angenommen wurde. Bei einem historischen Kostümfilm wird die Sache um die Potenz komplizierter. Hier reicht es nicht, nur die Gegebenheiten am Set "Corona-sicher" zu halten. Wir haben es hier mit zig Kostümproben, Perückenproben, Studiobauten etc. zu tun, die vorab Tests verlangen, um das Risiko klein zu halten. Die Möglichkeit, dass das Virus dann trotzdem von schräg links zuschlägt, gibt es immer. Dass wir absolute Sicherheit nicht herstellen können, das ist uns und ich denke auch allen anderen Beteiligten klar. Ein historischer Film erfordert von Haus aus schon anstrengende logistischen Aufwände. Die verdoppeln und verdreifachen sich durch Corona. Das ist die Realität, mit der wir im Moment produzieren müssen.

Das Gespräch führte Barbara Schuster