Kino

KOMMENTAR: Was droht den deutschen Kinos?

Eines darf man wohl getrost annehmen: Verbessern werden die anstehenden Beschlüsse von Bund und Ländern die Situation der Kinos nicht. Fraglich ist allerdings, wie heftig sie getroffen werden. Eine Situation, in der man noch einmal nachhaltig an ein paar Punkte erinnern möchte.

27.10.2020 07:27 • von Marc Mensch
Marc Mensch, stv. Redaktionsleiter (Bild: BF)

Geht es nach einem großen deutschen Boulevardblatt, kommen noch diese Woche neue verheerende Nachrichten auf die Kinobetreiber zu: Demnach wolle Bundeskanzlerin Angela Merkel die Ministerpräsident*innen der Länder am Mittwoch auf einen "Lockdown Light" einschwören - wobei man sich angesichts der kolportierten Maßnahmen fragen darf, worin - jenseits der Öffnung von Schulen - das "Light" bestehen soll.

Gut, nun müssen die Gerüchte erst einmal zutreffen. Und viel wichtiger: Die Ministerpräsident*innen müssten einen solchen Kurs mittragen - woran gerade in den größten Bundesländern aber nun vielleicht nicht die allergrößten Zweifel bestehen.

Zweifeln kann man jedenfalls nicht daran, dass am Mittwoch neue, umgehend umzusetzende Restriktionen beschlossen werden, schließlich wurde dieser Corona-Gipfel nicht umsonst zwei Tage nach vorne verlegt. Insofern ist klar: Egal wie sehr Veranstaltungen im Fokus dieser neuen Maßnahmen stehen werden - verbessern werden sich die Rahmenbedingungen mit Sicherheit nicht. Ob es aber gleich zu einem kompletten Verbot - wie dies manche Medien vorhersagen - kommen wird?

Zuletzt hatten sich die Länder ja durchaus ein wenig an einem Feintuning von Einschränkungen versucht - auch wenn mitunter ein Unvermögen festzustellen war, Betroffene klar, eindeutig und zeitnah über Details der Verordnungen zu informieren und Regeln zu schaffen, die auch dann nicht von Kommune zu Kommune unterschiedlich gehandhabt werden, wenn die dortigen Inzidenzwerte auf vergleichbarem Niveau lagen. Auch massive (und womöglich durchaus nicht gerichtsfeste) Ungleichbehandlungen waren zuletzt nicht ausgemerzt - mitunter schien es so, als würde man Zügel eher nach dem Prinzip der Furcht vor dem größten Widerstand locker lassen, als nach dem Prinzip der Sicherheit. (Tut mir ja leid, aber die freie Entfaltung meiner Persönlichkeit steht sogar noch zwei Ziffern vor der Religionsfreiheit im Grundgesetz, kommt mir also bitte niemand mit dem "Verfassungsrang" von Gottesdiensten.)

Wie dem auch sei, noch ist - und hier sind vor allem die Verbände angesprochen - ein Tag Zeit, um ein paar wesentliche Punkte noch einmal zu betonen, auch wenn dies bereits ad nauseam geschehen sein mag:

Noch keine einzige Kinoveranstaltung weltweit wurde bislang mit einer Übertragung in Verbindung gebracht. Nirgends. Und auch wenn wir in Deutschland nicht unbedingt an der Weltspitze stehen mögen, was verlässliche Kontaktnachverfolgungen anbelangt, lohnt sich der Blick nach Südkorea, wo Kinos während der Pandemie offen bleiben durften. Nun soll an dieser Stelle nicht die Diskussion angestoßen werden, inwieweit der Schutz des Lebens von Bürgern die Aushebelung des Datenschutzes rechtfertigt - aber es spricht nichts dagegen, sich die Resultate einer vergleichsweise rigiden Nachverfolgung von Infektionsketten zu betrachten: Denn Kinos schnitten dabei makellos ab.

Weshalb ist das so? Nun sei an dieser Stelle nur am Rande auf Studien verwiesen, die sich mit der Aerosol-Verteilung im Kino beschäftigen. Der ganz entscheidende Punkt ist doch der: Wo die Menschen sich an Regeln halten, ist das Infektionsrisiko geringer, als dort, wo sie es nicht tun. Massiv geringer. Das ist kein Punkt, der in irgendeiner Form zur Debatte stehen sollte. Und wo halten sich Menschen an Regeln? An einem per se reglementierten Ort, an dem Fremde zusätzlich positiven Einfluss auf das Verhalten nehmen? Oder im privaten Bereich? Die Frage ist natürlich rhetorisch.

Womit wir zur Crux kommen. Was ist denn nun wirklich gefragt? Bestehende Maßnahmen konsequent durchzusetzen - oder neue Maßnahmen zu schaffen? Sagen wir es so: Ersteres wurde bislang noch kaum versucht. Dass Maßnahmen notwendig sind, steht außer Frage; dass Social Distancing geholfen hat, Deutschland die erste Welle ohne größeren Verlust an Leben zu überstehen, wohl auch. Nun aber ganze Branchen in den Ruin zu treiben, um ein Geschehen einzudämmen, das kein einziges Mal auf sie, aber sehr wohl auf andere Faktoren zurückgeführt wurde, von denen private Feiern und Urlaubsreisen nicht gerade die unwichtigsten sind, wäre nach so vielen Monaten der Erfahrung mit dem Virus und seinen Infektionswegen nicht nachvollziehbar.

Dennoch möge - der Jurist würde von einem Hilfsantrag sprechen - vorsorglich der Appell ausgeprochen sein: Sollte man Kinos (und andere Veranstaltungen) tatsächlich für eine Entwicklung bluten lassen, die sie ganz offensichtlich nicht zu verantworten haben, dann muss der Staat auch seine finanziell schützende Hand noch erheblich stärker über die Kinos halten - wobei mit "Kinos" selbstverständlich auch jene gemeint sind, die unmittelbar mitleiden: die Verleiher. Gerade jene, die zuletzt Flagge gezeigt haben, die ihre Filme gestartet haben...

Und nur um zu illustrieren, wer hier aus welcher Warte schreibt: Meine Frau arbeitet in einem der größten Krankenhäuser Münchens. Wir halten uns nicht nur punktgenau an die Regeln, wir sind - durchaus zum Schaden unseres Soziallebens - noch eine ganze Spur vorsichtiger. Wir meiden diverse Dinge, tragen Masken auch zu Gelegenheiten, bei denen wir eher schräg angesehen werden. Aber wir waren seit Juni (teils öffentlich dokumentiert) etliche Male im Kino. Fühlten uns stets sicher. Und haben uns nachweislich nicht infiziert...

Marc Mensch