Kino

Kino-Comeback: Katastrophen-Szenario

Das vergangene Wochenende markierte einen neuerlichen Dämpfer für den Kinomarkt: Goldenes Herbstwetter und neue Restriktionen sorgten für erhebliche Rückgänge bei den Bestandstiteln, während nur ein Neustart Zeichen setzen konnte. Und am Rande sorgten aufgebauschte Spekulationen über das Schicksal von "Bond" für Verunsicherung...

26.10.2020 13:50 • von Marc Mensch
Neustart "Greenland" sorgte für einen Lichtblick am vergangenen Kino-Wochenende (Bild: Tobis)

Am kommenden Samstag wird auch hierzulande Halloween gefeiert (soweit dies dann möglich ist, versteht sich), ein wenig gruseln kann man sich aber schon jetzt - beim Blick auf die Zahlen des vergangenen Wochenendes. Gut, auf die in der Montagsanalyse von Comscore zusammengetragenen Zahlen darf man gedanklich noch ein paar Tausend Besucher (v.a. aus Previews, alleine Greenland" dürfte hier noch einmal rund 10.000 beisteuern) hinzuzählen - aber an der grundsätzlichen Bewertung der Entwicklung ändert das wenig: Sie war nahezu ausschließlich negativ. In vielerlei Hinsicht.

Aber kommen wir erst einmal zum Lichtblick: Unter den zehn von Comscore erfassten Neustarts sorgte wenigstens "Greenland" für ein Ausrufezeichen - umso mehr unter den aktuellen Bedingungen. Nachdem Tobis ihn schon im Zuge der Verschiebung von Keine Zeit zu sterben" vom ursprünglichen Weihnachtstermin auf den 29. Oktober gezogen hatte, war er auf Wunsch der Kinobetreiber kurzfristig noch einmal um eine Woche vorverlegt worden. Der Katastrophenthriller brachte es laut der Montagszählung auf knapp 85.000 Besucher, bei Berücksichtigung der darin nicht erfassten Previews lässt sich sagen, dass er hierzulande einen besseren Start hinlegte als Gerard Butlers letzter (und unter regulären Bedingungen gestarteter) Actiontitel, Angel Has Fallen". Besonders erfreulich ist natürlich, dass hier ein Film schon zum Start für knapp sechsstellige Besucherzahlen sorgte, der in den USA erst gar nicht die Chance bekommt, ins Kino zu gelangen.

Apropos USA: Wer gehofft hatte, die Eröffnung von Kinos im Bundesstaat New York könne sich unmittelbar positiv auf die Zahlen auswirken, sieht sich getäuscht - die Schätzungen von Comscore fallen verheerend aus. Demnach reichten Honest Thief" weniger als 2,4 Mio. Dollar Umsatz, um die Spitze des Boxoffice zu verteidigen, der einzige Neustart in den Top Ten kommt aus den Überbleibseln der Fox-Slate: The Empty Man" stieg auf Platz 4 mit etwas weniger als 1,3 Mio. Dollar ein. Überraschen können die desolaten Zahlen natürlich nicht, denn ohne nennenswerte Neustarts ist schlicht kein Fortschritt möglich.

Ebenfalls nicht überraschen kann leider, mit welcher Gier und Schadenfreude das Gerücht, "Keine Zeit zu sterben" könne bei Apple (oder Netflix bzw. Amazon, wobei Apple-Fanseiten führend bei der Verbreitung der Gerüchte waren) gelandet sein, von diversen Websites aufgebauscht wurde. Aus Berichten über Verhandlungen wurde da schnell ein angeblicher Fakt - und wenn man schon nicht so weit gehen wollte, machte man es einfach wie ein großes deutsches Boulevardblatt, das nähere Ausführungen hinter eine Paywall mit reißerischer Headline packte.

Nun, renommierten Medien zufolge klaffte zwischen dem Wunsch der großen Streamer, sich im rauen Kampf um Marktanteile einen derart dicken Fisch an Land zu ziehen, und den finanziellen Vorstellungen des Studios (von denen gerade hierzulande wiederholt völlig fälschlicherweise als Angebot der Streamer geschrieben wurde) ein mittlerer dreistelliger (!) Millionenbetrag... Insofern gilt: Durchatmen und nicht gleich wieder das Ende der Kinos beschwören. Gesagt sei aber auch: Wer einem Studio derzeit für einen beliebigen Film eine Summe bieten würde, die seinem Anteil am Ticketumsatz in einem absoluten Best-Case-Szenario entspräche, würde zumindest nicht die Tür vor der Nase zugeschlagen bekommen. Wie realistisch es ist, dass die "Streaming Wars" ein Ausmaß annehmen, dass zu Deals wie dem kolportierten (der sich Deadline zufolge zu allem Überfluss über gerade einmal ein Jahr erstrecken sollte) führen, steht aber auf einem anderen Blatt.

Dies nur kurz zu jenem Gerücht, das am Wochenende mitunter für erhöhten Blutdruck sorgte; zurück zu den Zahlen, die unerfreulich genug sind. Mit vorläufig gezählten 510.382 Besuchern und 4.175.865 Euro Ticketumsatz blieb das vergangene Wochenende um 17,5 bzw. 15,9 Prozent hinter der Vorwoche zurück. Und abgesehen von der Tatsache, dass nur ein einziger Neustart in die Top Ten (dann aber auch gleich an deren Spitze) vorstoßen konnte, waren die Drop-Offs erheblich. Mit einem Besucherminus von 37,1 Prozent war Drachenreiter" noch der stabilste Film in den Top 20, die negative Spitze bildete Vergiftete Wahrheit" mit einem Rückgang um 61,5 Prozent, auch sonst gab es etliche Einbrüche jenseits der 50 Prozent - erstaunlicherweise auch bei einem Film, der über neun Wochen hinweg das Wort "stabil" geradezu definierte: "Follow Me" verlor 50,1 Prozent der Besucher des Vorwochenendes.

Was aber sind die Gründe? Nun, auch wenn diesem Argument gegenüber allzu leicht die Nase gerümpft werden mag - aber das Wetter ist ein nicht zu unterschätzender Faktor. Und ich weiß nicht, wie golden das Oktoberwochenende speziell bei Ihnen war: Hier in Oberbayern wurden mitunter nochmal eiligst Grills aus dem Winterlager geholt... So schön die Vorstellung aber auch wäre, lediglich das letzte Aufbäumen des Spätsommers sei für die Rückgänge verantwortlich, reicht diese Erklärung natürlich nicht aus. Neue Restriktionen (allen voran die Maskenpflicht im Saal, die teils auf kommunaler Ebene von einem Verzehrverbot begleitet wurde) und generell wachsende Verunsicherung haben sich mit Sicherheit negativ ausgewirkt, auch wenn die Effekte erst einmal nicht zu quantifizieren sind. Deutliche Hinweise gibt aber immerhin der Blick auf die Entwicklung in den einzelnen Bundesländern, siehe dazu später. Übrigens lässt sich schon jetzt sagen, dass die Ergebnisse am kommenden Wochenende nicht von einer Neuregelung in Bayern profitieren werden: Dort gilt nämlich bereits in einigen Kommunen (darunter nicht zuletzt der Landeshauptstadt) eine neue, dunkelrote Ampelstoffe, die weitere Einschränkungen u.a. bei Veranstaltungen nach sich zieht. Muss man an dieser Stelle noch einmal erwähnen, dass die Sicherheitsbilanz der Kinos weltweit weiterhin makellos ist? Ja, absolut!

Übrigens war schon vergangene Woche die Zahl der wiedereröffneten Kinos in Deutschland erstmals seit dem Sommer wieder (minimal) gesunken, von 1044 auf 1039. Dazu muss man wissen, dass die Montagsbilanz per se nicht alle geöffneten Standorte ausweist, da solche, die nur am Wochenende geöffnet sind, (teils) erst in der Folgewoche in die Bilanz gelangen. Insofern ist es nun der Blick auf die aktualisierte Vorwochenzahl, die den faktischen Rückgang belegt - der indes eintrat, bevor der erste deutsche Landkreis (Berchtesgadener Land) wieder in den Lockdown musste...

Nicht unerwähnt bleiben soll, was man mit viel gutem Willen noch zu den "positiven" Nachrichten zählen könnte: Selbst ohne Blockbusterstart und mit einer zweiten Corona-Welle im Hintergrund brachten es die regulären wiedereröffneten Kinos noch auf Zahlen, die nach Besuchern um 28, nach Umsatz um 22 Prozent über dem schwächsten Wochenende der fünf Jahre vor Corona lagen. Zu einem "mittleren" Ergebnis fehlten dennoch rund zwei Drittel, 66 Prozent nach Besuchern und ganze 69 Prozent nach Umsatz. Schlechter erging es Österreich an einem Wochenende, an dem landesweit Maskenpflicht und Verzehrverbot eingeführt wurden (die Abstände aber bei einem Meter blieben): Hier schrieb man nur noch Zahlen auf dem Niveau der unteren der beiden Benchmarks... Geradezu erstaunlich fallen allerdings die Zahlen in den Niederlanden aus, insbesondere vor dem Hintergrund des dort besonders dramatischen Infektionsgeschehens: Hier übertraf man die untere Benchmark am vergangenen Wochenende nach Umsatz um ganze 92 Prozent (!) und lag "nur" um 31 Prozent hinter einem mittleren Wochenende zurück.

Der Blick auf die deutschen Verleihbezirke liefert übrigens einen deutlichen Fingerzeig darauf, wie gravierend sich eine Maskenpflicht am Platz auswirken könnte: Denn der Verleihbezirk Berlin führte mit im Schnitt 165 Prozent der Besucherzahlen des schwächsten Wochenendes der letzten fünf Jahre, der Verleihbezirk München lag bei gerade einmal 106 Prozent, nur knapp vor Frankfurt mit 104 Prozent. Bei den Bundesländern ist das Bild noch klarer: Bayern und Baden-Württemberg (beide mit Maskenpflicht am Platz) rangieren mit 104 Prozent der unteren Benchmark klar am Ende der Länderskala; es führen Thüringen (217 Prozent), Brandenburg (205 Prozent) und Sachsen-Anhalt (200 Prozent). Abschließend der aktuelle Rückstand gegenüber 2019: Er erhöhte sich auf 59,9 Prozent nach Besuchern und 61,2 Prozent nach Umsatz.

Marc Mensch