Festival

Die 54. Hofer Filmtage, ein Fazit

Die heute zu Ende gehenden Hofer Filmtage setzen ein Signal für die Lebendigkeit des Kinos, des Films, auch wenn die Auswirkungen der Pandemie die Festival-Atmosphäre trübte. Entdeckungen gab es zu machen.

25.10.2020 18:17 • von Heike Angermaier
"Rivale" gehört zu den starken Titeln in Hof 2020 (Bild: Hofer Filmtage)

Die heute zu Ende gehenden Hofer Filmtage setzen ein Signal für die Lebendigkeit des Kinos, des Films, auch wenn die Auswirkungen der Pandemie die Festival-Atmosphäre trübte. Entdeckungen gab es zu machen. Besonders überzeugten Filme mit jungen und weiblichen Helden, die schwierigen Umständen trotzen.

Die 54. Ausgabe des renommierten, auf den Nachwuchs und den unabhängigen Film konzentrierten Festivals war ganz anders als vorangegangene. Keine lange Schlange am Ticket- oder Bratwurststand, der Verkauf der Tickets fand nach dem strengen Gesundheitskonzept ausschließlich im Netz statt. Sich spontan für einen Kinobesuch zu entscheiden, ging also nicht. Publikum und Macher mussten sich mit dem Online-System erst vertraut machen. Geladene blieben aus Vorsicht zu Hause. In deren Grußbotschaften und auch in Gesprächen vor Ort wurde ein Dilemma des und anderer Filmfestivals aktuell in etwa so zusammengefasst: Wir wollen eigentlich nicht über Corona reden, sondern über Filme, tun es aber trotzdem. Der im Laufe des Festivals sich verschlechternden Corona-Lage vor Ort wurde mit verschärften Regeln wie u.a. Maskenpflicht auch im Kino begegnet. Die Vergabe des Bild-Kunst Förderpreis wurde kurzfristig abgesagt. Die sonst in Hof herrschende, entspannte, heimelige Atmosphäre mit viel und ungezwungenen Austausch zwischen Filmschaffenden und Publikum vor den Kinos, die das Festival auszeichnet und ihm den Ruf als "Wohnzimmer des deutschen Films" bescherte, war entsprechend gedämpft und konnte tatsächlich oft nur im Wohnzimmer, digital, umgesetzt werden. Und dennoch - und darauf kam es an: Das Festival fand statt und erfüllte seinen Zweck: Filmemacher*innen stellten ihre Arbeit teils erstmals einem Publikum vor, wenn auch einem in kleinerer Zahl vor Ort, dafür ebenso im Netz, und erhielten so live und virtuell eine Plattform und Feedback. Die Gewinner*innen unter ihnen (gestern kam Agnes Lisa Wegner dazu, die den Hofer Dokumentarfilmpreis Granit für "König Bansah und seine Tochter" erhielt) freuten sich über die Würdigung und die erhöhte Aufmerksamkeit für ihr aktuelles Projekt und zukünftige Arbeiten - und das noch mehr als in normalen Zeiten. Axel Ranisch, der mit dem Filmpreis der Stadt Hof ausgezeichnet wurde und der sich als ein in Hof geprägter Filmemacher versteht, hatte bereits sechs mal in den vergangenen Jahren mit Präsentationen seiner Filme für gute Laune gesorgt und sprühte auch 2020 wieder vor Optimismus, forderte den Filmnachwuchs auf, "legt einfach los!". Dass der Enthusiasmus fürs Filmemachen und der Glaube ans Kino nicht nachgelassen haben, zeigte sich auch bei anderen Terminen oder im persönlichen Gespräch. Das Festival wolle ein Signal senden für die Lebendigkeit von Kino und Film, hatte Festivalleiter Thorsten Schaumann in der Eröffnung und später gesagt. Ein Selbstverständnis, das auch Geladene und Besucher teilten. Und das Festival sendete es.

Nicht nur durch den Enthusiasmus sondern auch die Titel von großer Qualität im 54. Programm: Schon die Eröffnung deutete das an, Julia von Heinz' Drama Und morgen die ganze Welt" über eine junge Widerständlerin gegen Rechts kam mit einer Empfehlung als Wettbewerbstitel in Venedig. Der Film verband außerdem zwei Schwerpunkte der 54. Ausgabe - mit seinem gesellschaftlich relevanten Thema und seiner weiblichen Heldin. Starke, vielschichtige Frauenfiguren hat auch Jackpot" von Emily Atef, die den ersten beim Festival vergebenen Filmpreis, den Hans-Vogt-Preis, entgegennahm. In dem an klassischen Gangsterdramen bzw. Thrillern orientierten, mitreißenden Film, bei dem ein Diebstahl außer Kontrolle gerät, werden im Genre übliche Rollenklischees auf den Kopf gestellt. Die von Rosalie Thomass gespielte Heroine ist buchstäblich stark, trägt ihren querschnittsgelähmten Freund die Treppe hoch und legt sich mit einem professionellen Gangster an. Das TV-Movie ist ein toller Film, der genauso gut im Kino funktioniert. Ein Highlight mit weiblicher Heldin war auch der Publikumsliebling und Schweizer Kinohit von Pierre Monnard Platzspitzbaby" um ein junges Mädchen aus Zürich, das sich nicht von ihrer schwer drogenabhängigen Mutter trennen will. Eine erschütternde und wahre Coming-of-Age-Geschichte, die auch mal verspielt ist und in der Hauptdarstellerin Luna Mwezi und ihre jungen Kolleginnen mit ihrem natürlich wirkenden Spiel beeindrucken. Das gilt besonders auch für den Hauptdarsteller von Marcus Lenz' mit dem Förderpreis Neues Deutsches Kino gewürdigten Rivale" um einen ukrainischen Jungen, der zu seiner illegal in Deutschland bei einem Witwer lebenden Mutter kommt und den Mann nicht akzeptiert. Das Naturtalent Yelizar Nazarenko ist noch viel jünger als seine eben erwähnten Kolleginnen und bestreitet einen Großteil der Laufzeit des feinen Arthousedrama allein. Der Film lässt Fragen offen, gefällt mit seinen toll arrangierten surrealen Momenten und überrascht. Natürlich gab es auch junge, vielversprechende Regienachwuchstalente zu entdecken, die noch keinen Langfilm realisierten. So erzählt Jannis Alexander Kiefer von der Filmuniversität Babelsberg in "Bonbon" unaufgeregt, leichtfüßig und authentisch. von einem Jungen aus der Freiburger Gegend während der Fasenacht und Philipp Straetker von der HFF München verquickt charmant-schräg und unterhaltsam Krimi und Liebesgeschichte um eine junge, einsame Frau vom Schlüsseldienst. Bis zum 1. November lassen sich die Gewinnerfilme noch on Demand sehen, eine schöne Verlängerung. Im nächsten Jahr kann sich die Festatmosphäre hoffentlich wieder 100 prozentig entfalten, auch vor und in den volleren, nicht von Coronaauflagen in der Plätzezahl beschränkten Kinos.