Kino

Pascal Schelbli: "So fotorealistisch wie möglich"

Pascal Schelbli hat mit "The Beauty" den Studentenoscar in Gold in der Kategorie Animation/International gewonnen. Gestern wurden die Trophäen in einer virtuellen Zeremonie vergeben. Der ehemalige Student der Filmakademie Ludwigsburg über den Reiz an der Zusammenführung realer und computergenerierter Welten.

22.10.2020 11:52 • von Barbara Schuster
Pascal Schelbli ist jetzt auch im "normalen" Oscarrennen dabei (Bild: Privat)

Pascal Schelbli hat mit "The Beauty" den Studentenoscar in Gold in der Kategorie Animation/International gewonnen. Gestern wurden die Trophäen in einer virtuellen Zeremonie vergeben. Der ehemalige Student der Filmakademie Ludwigsburg über den Reiz an der Zusammenführung realer und computergenerierter Welten.

Herzlichen Glückwunsch nachträglich zum tollen Gewinn! Sind Sie traurig, dass die Reise nach Los Angeles wegen Corona ausgefallen ist?

Nein. Ich hätte doch ein wenig ein schlechtes Gewissen, wenn ich als Regisseur eines Umweltfilms in den Flieger steige, um zu einer Preisverleihung zu fliegen.

Wie lange haben Sie an "The Beauty" gearbeitet? Und wie sind Sie das sehr brisante Thema gekommen?

Von der ersten Ideenskizze bis zum finalen DCP sind 19 Monate vergangen. Das Thema Plastikverschmutzung der Ozeane drängte sich irgendwann auf nach vielen Nachrichten, Berichten im Internet oder auf Social-Media-Kanälen, wo mit Plastik vollgestopfte Wale gezeigt wurden, Möwen, deren Mägen voller Mikroplastik ist, in Netzen verfangene Schildkröten, Meeresoberflächen und Strände voller Plastikmüll... Da bricht mein Herz. Ich bin gerne draußen unterwegs, in den Bergen, generell in der Natur, bin auch gerne im Wasser. Mich stört ja schon im kleinen Rahmen, wenn ich auf dem Wanderweg eine weggeworfene Verpackung sehe.

Wie haben Sie es geschafft, den Unterwasser-Kosmos so bestechend realistisch aussehen zu lassen?

Die Hintergrundwelt wie die Korallenriffe und die Unterwasserwelt mit dem Licht, das sich im Wasser bricht, die Partikel, die im Wasser herumschwimmen, teilweise auch den Müll - das ist alles reales, von uns gedrehtes Material. Diese realen Teile habe ich und mein grandioses Team anschließend per VFX ergänzt. Mein Ziel war es, die Geschichte so fotorealistisch wie möglich hinzubekommen. Wenn wir es komplett in 3D umgesetzt hätten, wäre die Gefahr groß gewesen, dass wir diesen Realismus nicht zu 100 Prozent hinge- kriegt hätten. Dann hätte das Konzept auch nicht funktioniert. Das haben wir aber glücklicherweise gut gemeistert.

War es immer Ihr Wunsch, an die Filmakademie Ludwigsburg zu gehen?

Die Filmakademie Baden-Württemberg ist auf jeden Fall ein großer Name. Ich habe relativ spät mit dem Studium begonnen, aber klar war es immer ein Wunsch, dort hinzudürfen. Die Diplom- filme, die dort hervorgebracht werden, sind etwas ganz Besonderes, spannende Entdeckungen. Sie sind hochwertig umgesetzt, inhaltlich auf den Punkt gebracht. Das Studium am Animationsinstitut fand ich toll. Wenn es dann an den Diplomfilm geht, befindet man sich wie in einem Tunnel, in meinem Fall fast zwei Jahre. Es wird mit viel Liebe fürs Detail gearbeitet, und es gehen tolle Spezialisten, tolle Profis hervor. Jeder Jahrgang birgt stetig viele Fachleute in den verschiedenen Disziplinen wie Rigging, Character Animation, Compositing usw. Die Vielseitigkeit und die gute Abdeckung aller Positionen machen den Erfolg aus.

Was ist das Reizvolle, im Bereich Animation/VFX zu arbeiten?

Den Antrieb zum Studium gab mein Verlangen, in Sachen VFX/3D technisch besser werden zu wollen. Ich habe dann schnell gemerkt, dass es noch viel cooler ist, in diesem Bereich Geschichten zu erzählen. Das Faszinierende ist, dass man existierendes Material aus der Reali- tät hernimmt und es mit computergenerierten Bildern ergänzt. Man erzeugt dadurch ganz neue Welten. Diesen Weg, die Verbindung dieser beiden Seiten, verfolge ich weiter.

Auf welchem Level steht Deutschland im Bereich VFX im weltweiten Vergleich?

Deutschland muss sich nicht verstecken, die Technik ist State of the Art, die VFX Artists arbeiten auf höchstem Niveau. Durch die Trump-Regierung oder auch durch den Brexit sind viele deutsche Effektspezialisten wieder zurück in ihre Heimat gekommen, die sie vor vielen Jahren verlassen hatten, weil der Branchenzweig damals noch zu wenig Beschäftigung abwarf. Das Animationsinstitut der Filmakademie hat auch seinen Beitrag dazu geleistet, dass es mittlerweile starke und große VFX-Standorte in Stuttgart, Berlin und München gibt.

Haben Sie in Ihrer Arbeit Vorbilder oder auch Stile, die Ihnen besonders gefallen?

Diese Frage wurde mir schon öfters gestellt, und ich kann darauf nie eine Antwort geben. Ich lege mich nicht fest, habe während meines Studiums auch Filme gemacht, die komplett gezeichnet waren, zwar schon in 3D, aber in einem 2D-Look. Ich bin da manchmal wie ein Schwamm, ich lasse mich gerne von diversen Dingen wie Filme, Personen, Nachrichten, Bücher oder einfach den nicht endenden Weiten des Internets inspirieren.

An was arbeiten Sie derzeit und wird Deutschland weiterhin eine Rolle spielen für Ihre Filme?

Gerade habe ich einen Werbespot gedreht, welcher auch wieder die Verbindung zwischen gedrehtem Material und CG-Elementen schafft. Nächstes Jahr möchte ich einen Dokumentarfilm machen, der ebenfalls wieder mit VFX-Elementen angereichert werden soll. Mein Netzwerk ist in Deutschland nach wie vor stärker als in meiner Heimat Schweiz. Die deutsche Produktionslandschaft ist einfach die größere Spielwiese, und durch den Oscar stieg die Aufmerksamkeit erneut, sorgte für neue Kontakte zu deutschen Produzenten, über die ich mich sehr freue.

Wenn man im Bereich Animation und VFX arbeitet, muss man sich auch nicht so sehr mit Corona-Maßnahmen herumschlagen wie Kollegen an realen Filmsets.

Definitiv. Wir, ein Kollektiv von zehn Artists, haben gespürt, dass viele Produktionsfirmen während des Lockdowns auf Animationsprojekte für Film, TV oder Werbung umswitchten und nun verstärkt Projekte in diesem Bereich anbieten. Dadurch sind wir in einer privilegierten Situation geblieben. Vom Lockdown haben wir eigentlich sehr wenig mitbekommen. Wir hatten und haben nach wie vor gut zu tun.

Das Gespräch führte Barbara Schuster