Kino

KOMMENTAR: Die Rückkehr des Lockdowns

Auf die Rückkehr dieses Horrorfilms, der im März und April bundesweit gespielt wurde, können wir gut und gern verzichten. Momentan läuft er nur im Landkreis Berchtesgadener Land im äußersten Süden der Republik, aber die Politik plant, den Start auszuweiten. Bloß nicht! Denn es trifft wieder nur die Falschen.

22.10.2020 07:48 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Auf die Rückkehr dieses Horrorfilms, der im März und April bundesweit gespielt wurde, können wir gut und gern verzichten. Momentan läuft er nur im Landkreis Berchtesgadener Land im äußersten Süden der Republik, aber die Politik plant, den Start auszuweiten. Bloß nicht! Denn es trifft wieder nur die Falschen. Etwa 50.000 Geschäfte in deutschen (Innen-)Städten würden weitere Einschränkungen in der Pandemie nicht überstehen, so die Schätzung. Die Innenstädte auch der Metropolen dürften dann versteppen. Bundeswirtschaftsminister Altmaier hat bei einer Konferenz schon wieder Hilfen versprochen. Aber zuerst müssten die im März und April versprochenen Hilfen auch wirklich bei allen ankommen. Wie viele Kinos die bestehenden oder gar weitere Beschränkungen ihres Geschäftsbetriebes nicht überleben können, dazu gibt es hierzulande lieber noch keine Schätzungen. Die NATO prognostiziert für die USA, dass 70 Prozent der Kinos den (teilweisen) Lockdown ohne staatliche Hilfen nicht überleben werden. Kino als Massenmedium ist dort in akuter Gefahr. Mit Auswirkungen für die ganze Welt, denn rund 70 Prozent des Besucheraufkommens in deutschen Kinos wird mit großen Hollywood-Filmen erzielt. Die sehnsüchtig erwarteten Blockbuster werden immer weiter in die Zukunft verschoben, auch wenn eine geringe Hoffnung besteht, dass sich die nun angekündigte Wiedereröffnung der New Yorker Kinos auf die Startpläne der großen Studios auswirken könnte. Oder sie werden gleich an die Streamer abgegeben, gemeinerweise teils ohne die Möglichkeit, sie vorab oder wenigstens parallel in den Kinos, für die sie ursprünglich gemacht waren, zeigen zu dürfen - eine Möglichkeit, die noch vor wenigen Monaten von manchem Kinobetreiber unter keinen Umständen erwogen wurde, mit der jetzt aber weniger dogmatische Kollegen hilfreiche Umsätze erzielen. Oder die großen »Kinofilme« mit allen namhaften Stars entstehen gleich für die Streamer, die in erheblichem Maße von der Pandemie profitieren und als Produktionsauftraggeber immer wichtiger werden. Natürlich muss großen wie kleinen Kinos finanziell wieder schnell geholfen werden bei dem zunehmenden regionalen Flickenteppich an Beschränkungen, die selbst den hartnäckigsten Filmfans den Kinobesuch noch verleiden werden, obwohl weltweit (!) unter AHA plus L-Bedingungen keine einzige Infektion auf den Aufenthalt in einem Kino zurückzuführen ist. Geholfen werden muss aber auch endlich den unabhängigen Verleihern, die momentan den Spielbetrieb mit ihren Filmen aufrecht erhalten und damit vor allem Verluste einfahren. Da helfen errratische Juryentscheidungen über eine Vertriebsförderung durch das BKM wenig, wohin die versprochenen Millionen für den Verleih gewandert sind. Frau Grütters darf sich an Altmaiers neuen Soforthilfen gern ein Beispiel nehmen.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur