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Review: "Borat: Subsequent Moviefilm"

Am Freitag startet bei Prime Video "Borat: Subsequent Moviefilm". Heftige Kontroversen sind vorprogrammiert. Hier unsere Besprechung.

21.10.2020 18:04 • von Thomas Schultze
Der neue "Borat"-Spaß wird hohe Wellen schlagen (Bild: Amazon Prime Video)

Am Freitag startet bei Prime Video "Borat: Subsequent Moviefilm". Heftige Kontroversen sind vorprogrammiert. Hier unsere Besprechung:

Fortsetzung der Hitkomödie von 2006, in der Borat mit seiner Tochter zurückkehrt in die USA.

Als Donald Trumps Anwalt Rudy Giuliani versprach, es werde auch in diesem Jahr im Vorfeld der Präsidentschaftswahlen in den USA eine "Oktober-Überraschung" geben, mag er gedacht haben, es würden die von ihm und Steve Bannon geleakten, angeblichen E-Mails von Hunter Biden sein. Er hat sich geirrt. Die "Oktober-Überraschung" ist er selbst. Und sie wird nicht gnädig mit ihm sein, wenn die Welt sich ab Freitag selbst ein Bild davon machen kann, was Sacha Baron Cohen und seine Mitstreiter mit versteckten Kameras festgehalten haben. Bis zu diesem Zeitpunkt ist "Borat: Subsequent Moviefilm" eine würdige Fortsetzung des Komödienhits von 2006, ein irrwitzig komischer und schamloser und zugleich traurig entlarvender Film über die "U.S. and A." unter "McDonald Trump" und "Mikhael Pennis", der nach demselben Prinzip funktioniert wie auch der erste Film: Aus teilweise gestellten, teilweise unter realen Umständen gedrehten Szenen ergibt sich eine Entlarvung, in der Menschen, die sich in Sicherheit wiegen, durch die Begegnung mit einem Simpel aus Kasachstan aus sich herauskitzeln lassen, wie sie wirklich denken, fühlen, ganz ungeschminkt, oftmals fürchterlich hässlich, manchmal anrührend und bewegend. Und doch ist der diesmalige Trip von Borat Sagdiyev und seiner Tochter Tutar quer durch die Vorhöllen Amerikas mit ihren bigotten, rassistischen, antisemitischen Einwohnern nur die Präambel, ein Vorspiel für das Pay-Off - oder nennen wir es einfach einmal den "Come-Shot" von "Borat 2".

Denn Borat hat eine Mission, als er in Galveston, Texas ankommt. 14 Jahre musste er im Steinbruch schuften, weil er mit seinem damaligen Film Schande über seine Heimat Kasachstan gebracht hatte - in der Realität dieser Filmwelt ein "shithole country", in dem Frauen Kutschen ziehen müssen und Mädchen in Bretterverschlägen gehalten werden. Nun soll er zurückkehren in dieses merkwürdige Land, um seine Ehre und die Ehre Kasachstans zu retten, indem er dem "Vize-Pussygrabber" Pence seine Tochter als Geschenk bereitet. Als sich dies bei einer Rede von Mike Pence auf der Conservative Political Action Conference als unmöglich erweist, weil er als Donald Trump verkleidet zwar in die Halle, aber nicht in die unmittelbare Nähe des sichtlich genervten Vizepräsidenten kommt, richtet sich Borats Aufmerksamkeit auf Rudy Giuliani, den ehemaligen Bürgermeister New Yorks, der in den letzten Jahren aber vor allem mit grotesken Auftritten und einer ungewöhnlichen Nähe zu korrupten Kräften in Russland und Ukraine aufgefallen war. Der Trick dabei ist, dass "Borat" ein Ablenkungsmanöver ist. Nicht er ist es, den Giuliani zum Gespräch treffen wird, sondern seine Tochter, die sich im Verlauf der Reise von einem unterwürfigen Mädchen zu einer zunehmend selbstbewussten Frau gewandelt hat.

Bis dahin hat der Film klug changiert zwischen unerhört komischen Szenen über Reizthemen wie Abtreibung oder Monatsblutungen und fast zarten Momenten, in denen Borat von der Holocaust-Überlebenden Judith Dim Evans eine Lektion in Sachen Zivilcourage und Vergebung erhält. Zwischen einem Auftritt des als Redneck verkleideten Cohen bei einem Country-Festival, in dem er die Anwesenden zum Skandieren bringt, man solle Obama "zerstückeln, wie es die Saudis tun", und einer (inszenierten Szene) mit einer von Luenell gespielten schwarzen Lady, die Borats Tochter die Augen offnet, ihr Leben könne mehr sein als die Existenz einer Sklavin. Dann kommt er an in Manhattan, zum Höhepunkt des Fremdschäm-Marathons, in dem Rudy Giuliani das Wenige, was er noch an Reputation besitzen mag, endgültig verspielt. Oder sagen wir es so: Man wird reden über diesen Moment. So oder so wird er ein Nachspiel haben. Und damit vielleicht überschatten, wie gelungen diese neue "kulturelle Lernung von Amerika um Benefiz für glorreiche Nation von Kasachstan zu machen" insgesamt ist, ein Blick auf ein Land von unten, das zerrissen ist von Hass und Wut und Unzufriedenheit und gebeutelt wird von Corona: Die Bilder von menschenleeren Straßen, auf denen sich Borat bewegt, aufgenommen in diesem Sommer, sind herzzerreißend. Das Gesicht, dass dieses Land offenbart, wenn es seine Maske abnimmt, ist es indes nicht minder.

Thomas Schultze