Kino

"Kinos stärken statt abstrafen"

Die AG Kino-Gilde fordert die Politik in Bund und Ländern auf, differenzierte Infektionsschutzmaßnahmen zu treffen, anstatt "sichere Orte der Zusammenkunft abzustrafen". Diverse Verschärfungen seien "nicht verhältnismäßig" - insbesondere nicht vor dem Hintergrund der Erkenntnis, dass noch kein einziges Kino weltweit mit einer Übertragung in Verbindung gebracht worden sei.

20.10.2020 15:06 • von Marc Mensch
Laut Christian Bräuer haben sich Kinos las zuverlässige und verantwortungsbewusste Kulturanbieter bewährt (Bild: David von Becker)

Angesichts steigender Infektionszahlen sehen sich Kinos in mehreren Ländern neuerlichen Restriktionen ausgesetzt: In französischen Metropolen etwa traf sie eine abendliche Ausgangssperre, in Wales geht es ab Freitag komplett in den Lockdown - und in Deutschland wurden bei einer Konferenz der Kanzlerin und der Ministerpräsident*innen einheitliche (Mindest-)Maßnahmen verabschiedet, die bei Überschreiten kritischer Inzidenzwerte unter anderem eine Ausweitung der Maskenpflicht vorsehen.

Wobei die Folgen just dieser Beschlüsse für Kinos beinahe zweitrangig sind. Denn schon zuvor hatten Kommunen reagiert - und das teils härter als es die oben genannten Beschlüsse vorsehen. So wurde die in etlichen Städten erfolgte Einführung einer Maskenpflicht im Saal mitunter von einem Verzehrverbot oder sogar einer Erhöhung der Mindestabstände begleitet, wobei das Vorgehen auch innerhalb ein und desselben Bundeslandes wieder so unterschiedlich und unberechenbar war, wie zu Beginn der Krise, als es beispielsweise um die Genehmigung von Autokinoveranstaltungen ging. Und erneut sind die zuständigen Ministerien offenbar mitunter überfordert, wenn es um klare Auskünfte geht - Nachfragen an das baden-württembergische Sozialministerium hinsichtlich des konkreten Umfangs der Einschränkungen und vor allem der in der Corona-Verordnung explizit vorgesehenen, aber dort nicht konkret beschriebenen Ausnahmen blieben zunächst unbeantwortet - trotz telefonischer Versicherung zügiger Bearbeitung.

Grundsätzlich gilt: Die Beschlüsse der Ministerpräsident*innen sind Mindestvorgaben, die von den Ländern wie auch den einzelnen Kommunen überschritten werden können. Hinzu kommt, dass bei besonders hohen Infektionsraten noch erheblich drastischere Maßnahmen drohen - dies hat der heute gestartete neuerliche Lockdown im ersten deutschen Landkreis (Berchtesgadener Land) mehr als deutlich gemacht. Und deutlich gemacht hat Ministerpräsident Markus Söder, wem man diese katastrophale Entwicklung mutmaßlich in besonderem Maße zu verdanken hat: "Ausgangspunkt war auch wieder eine entsprechende Party."

Umso wichtiger sind Appelle, wie sie nun auch die AG Kino-Gilde an die Politik in Bund und Ländern richtet. Der Verband fordert diese auf, "differenzierte Infektionsschutzmaßnahmen zu treffen, statt sichere Orte der Zusammenkunft abzustrafen". Dazu der Vorstandsvorsitzende Christian Bräuer: "Auch wir Kinobetreibende betrachten die gegenwärtige Entwicklung mit großer Sorge. Sicherheit und Gesundheit gehen vor und als sozialer Kulturort sind wir uns unserer Verantwortung voll und ganz bewusst. Doch Verschärfungen wie Sperrstunden, Maskenpflicht auch bei gesicherter Einhaltung des Mindestabstands am Sitzplatz und teilweise auch Verzehrverbote, wie wir sie in einigen Bundesländern und Kommunen beobachten, sind weder sachlich nachvollziehbar noch verhältnismäßig."

Menschen seien soziale Wesen, die gemeinsam etwas erleben wollten. Aus Sicht des Verbandes sei es daher zielführender, jene Orte zu stärken, an denen dies kontrolliert und unter strengen Auflagen und mit Nachverfolgbarkeit möglich sei. "Seit der Wiedereröffnung haben die Kinobetreibenden sich als zuverlässige und verantwortungsbewusste Kulturanbieter bewährt," so Bräuer. "Mit ausgeklügelten und den zuständigen staatlichen Stellen abgestimmten Hygienekonzepten haben sie zahlreiche effektive Maßnahmen zum Schutz von Personal und Gästen ergriffen."

Ein ganz entscheidender Punkt: Bislang ist noch keine einzige Übertragung in einem Kinosaal bekannt geworden. Diesbezüglich verweist die AG Kino-Gilde vor allem auf aktuelle Analysen von Branchenexperte Patrick von Sychowski (Celluloidjunkie), in deren Rahmen ebenfalls kein einziger Fall festgestellt werden konnte, in dem ein Kino zu einem Infektionsherd geworden sei. Paradebeispiel ist demnach Südkorea, wo Kinos während der Pandemie dauerhaft geöffnet bleiben konnten. In diesem Land sei dank eines umfangreichen Kontaktverfolgungssystems eine genaue Analyse der Infektionsherde möglich gewesen. Eine Im September erstellte Studie habe ergeben, dass bei rund 31,5 Mio. Kinobesuchen in diesem Zeitraum offenbar keine Übertragung des Virus zwischen Besuchern oder dem Personal stattgefunden habe, obwohl man 49 Personen zurückverfolgen konnte, die sich als Infizierte in einer Vorstellung aufgehalten hatten.

Dass Kinos weiterhin eine derart makellose Bilanz aufweisen können, geht dabei nicht nur auf umfangreiche Hygienekonzepte zurück - sondern schon auf generell günstige Rahmenbedingungen, wie sie bereits im Juli eine vom HDF Kino veröffentlichte Studie des Hermann Rietschel-Instituts der TU Berlin belegte (wir berichteten).

Und gerade weil Kinos noch bessere räumliche Grundbedingungen böten als die meisten Restaurants, mache ein Verzehrverbot im Kino keinen Sinn, wie Bräuer betont. "Es ist nicht zu vermitteln, warum der Verzehr von Popcorn am Sitzplatz im durchlüfteten Kinosaal verboten, aber das Speisen im Restaurant erlaubt ist."

Neben der Vermeidung unverhältnismäßiger Einschränkungen, die Kinos (wie zum Beispiel bei einem Verzehrverbot) wirtschaftlich massiv treffen würden, plädiert der Verband für weitere Unterstützung:

"Aktuell ist die gesamte Filmbranche paralysiert. Studios und Filmverleiher verschieben angesichts der geringen Auslastung Filmstarts und investieren nicht oder kaum in das Marketing rund um die Herausbringung ihrer Filme. Allein durch die Verunsicherung der vergangenen Tage wurden erneut Filme verschoben. Ungeachtet dessen bieten die Arthousekinos seit dem bundesweiten Start am 2. Juli ein exzellentes Programm und gestalten mit hohem Sicherheitsaufwand vielfältige Events, um die Aufmerksamkeit des Publikums für die Filme zu gewinnen. Dabei werden sie insbesondere von vielen unabhängigen Verleihern unterstützt, die mit ihren Filmen trotz der im Augenblick alles andere als optimalen Bedingungen zum kulturellen Leben beitragen. Dies geht in der aktuellen Situation aber nicht ohne Unterstützung. Mit einer maximalen Auslastung von etwa einem Fünftel können die Filmtheater nicht viel länger bestehen. Von daher ist es essenziell notwendig, dass zielgerichtete Förderprogramme von Bund und Ländern den Erhalt sowie die filmkulturelle Arbeit der Kinos während der Corona-Pandemie weiter unterstützen."