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Julia von Heinz: "Hof ist wie Heimat für mich"

Heute eröffnet Julia von Heinz mit "Und morgen die ganze Welt" die 54. Hofer Filmtage. Blickpunkt:Film sprach mit der Filmemacherin über die Bedeutung von Filmfestivals, ihre Erfahrungen im Wettbewerb von Venedig und die Zukunft des Kinos.

20.10.2020 07:06 • von Thomas Schultze
Julia von Heinz: "Die Kinobetreiber sind für mich die Helden an der Corona-Front" (Bild: Mostra / Jacopo Salvi)

Heute eröffnet Julia von Heinz mit Und morgen die ganze Welt" die 54. Hofer Filmtage. Blickpunkt:Film sprach mit der Filmemacherin über die Bedeutung von Filmfestivals, ihre Erfahrungen im Wettbewerb von Venedig und die Zukunft des Kinos.

Ihr Film hat vielbeachtet Weltpremiere in Venedig gefeiert - allerdings blieben Sie ohne Preis. Waren Sie enttäuscht? Wie war generell die Erfahrung?

JULIA VON HEINZ: Für Enttäuschung war überhaupt kein Raum in diesem großen Gefühlsspektrum, das sich in mir in Venedig abgespielt hat. Es war ein überwältigend schönes Erlebnis, Zuspruch und Interesse für den Film waren groß. Nach der Vorführung gab es minutenlange Standing Ovations, und es war ein unbeschreibliches Gefühl, das gemeinsam mit dem Schauspielern und Team erfahren zu dürfen. Besonders viel Interesse gab es aus dem angelsächsischen Raum und ich habe in den drei Tagen in Venedig fast 60 Interviews gegeben. Agenturen aus U.K. und USA kontaktierten mich noch während ich dort war, weil sie meinen Film zeitgleich in Toronto gesehen hatten, und ich habe mich bei dem Gedanken ertappt, froh darüber zu sein, all das erst mit Mitte 40 zu erleben und nicht schon mit Mitte 20 - ich weiß nicht, ob ich damit hätte umgehen können. Es war eine Ausnahme-Erfahrung, die ich in vollen Zügen genossen habe. Aber ich stelle fest, dass es ebenfalls schön ist, danach in die Normalität zurück zu kehren.

Festivalleiter Alberto Barbera hatte Ihren Film vor Beginn des Festivals explizit gelobt. Wie war die persönliche Begegnung mit ihm?

JULIA VON HEINZ: Sehr herzlich. Wir sind uns erst auf dem roten Teppich vor der Vorführung begegnet - und es war, als würden wir uns schon kennen. Auch im Nachhinein hatten wir noch E-Mail-Kontakt und ich werde ihm für die Einladungen und alles, was sich dadurch für mich ergeben hat, für alle Zeiten dankbar sein.

Sie eröffnen mit "Und morgen die ganze Welt" nun auch die Hofer Filmtage.

JULIA VON HEINZ: Das hatte ich mir sehr gewünscht. Nachdem wir die Einladung von Venedig erhalten hatten, haben wir mit Freude festgestellt, dass danach Hof eine Option für die Deutschland-Premiere wäre. Thorsten Schaumann sichtete den Film und lud uns ein, die Hofer Filmtage zu eröffnen. Hof ist wie Heimat für mich: Und morgen die ganze Welt ist die sechste Arbeit von mir, die dort gezeigt wird. Und jetzt das Festival sogar eröffnen zu können, bedeutet mir viel.

Was sind Ihre persönlichen Erfahrungen mit Hof? Was verbinden Sie mit dem Festival? Was macht das Festival besonders?

JULIA VON HEINZ: In meinem Fall ist es so, dass Hof das erste ernstzunehmende Festival war, das einen Kurzfilm von mir eingeladen hat; im Jahr 2003 mein Kurzfilm Lucie & Vera". Dort lernte ich meine Redakteurin Andrea Hanke kennen, die sich den Film ansah und der ich danach mein Drehbuch zu Was am Ende zählt zuschicken sollte. Wir haben uns in einem Café in Hof getroffen, und daraus ist mein Debütfilm entstanden. Ich habe weitere schöne Premieren erlebt, ob das Standesgemäß" war oder Hannas Reise" - im einmaligen Scala-Kino - oder Rosakinder", unsere gemeinsame Hommage an Rosa von Praunheim. Vorletztes Jahr mein "Tatort" "Für Immer und Dich". Mit jedem Film gab es emotionale Momente in Hof.

Wie sehen Sie die Bedeutung von Filmfestivals auf deutschem Boden generell? Hat sich die Bedeutung von Filmfestivals verändert?

JULIA VON HEINZ: Die Bedeutung der Festivals wächst kontinuierlich. Es gibt mittlerweile fast fließende Übergänge zwischen regulärer Kinoauswertung, kuratierten Reihen, Kleinfestivals, Großfestivals, Filmwo chen. Ein Kinobetreiber, der vor Ort auch kuratierte Reihen zeigt, eigene Themenreihen im Stil eines Festivals organisiert, lockt oft ein größeres Publikum an und bindet es an sich, als wenn man einfach nur das gängige Programm abspielt. Es ist kein Zufall, dass immer mehr Festivals entstehen, auch in kleinen Orten, und sehr schnell wachsen. Das Fünf Seen Filmfestival in meiner Region ist ein gutes Beispiel dafür, weil ich das hautnah miterlebt habe, wie im Grunde aus einer kuratierten Reihe ein jährliches Event geworden ist, das in jedem Jahr ein noch größeres Publikum anzog. Die Filmemacher suchen diese Orte ebenso wie die Zuschauer. Ich stelle fest, dass ein Film, der im Rahmen eines solchen Ereignisses gezeigt wird, gerade in kleineren Städten ein viel größeres Publikum anlockt, als wenn man ihn einfach regulär ins Programm aufnimmt. Man kann die Kinobetreiber nur dazu animieren, ihr Engagement in diese Richtung zu lenken. Und Hof nimmt in der Festivallandschaft natürlich eine Leuchtturmfunktion ein.

Kuratierung und Präsentation sind die Schlüsselworte: Das Gefühl, Teil eines Events zu sein, wird zunehmend wichtiger für ein Publikum, das generell von der Flut an Produkt überfordert ist.

JULIA VON HEINZ: Das glaube ich auch. Wir erleben eine zunehmende Fragmentierung von Sehgewohnheiten. Jeder hat seine eigene spezielle Lieblingsserie, jeder macht seine eigenen Filmentdeckungen. Dass man sich auf etwas einigt, das jeder gesehen haben muss, und über das man sich entsprechend gemeinsam austauscht, findet immer seltener statt. Da müssen die Kinos mitmachen. Kinobetreiber, deren Persönlichkeit stark mit ihren Häusern verbunden wird, die etwas Eigenes machen, haben gute Chancen, ihre Besucher an sich zu binden. Ich stelle das als positive Tendenz fest.

Sie haben Ihren Film auf der Filmkunstmesse Leipzig erstmals einem Fachpublikum in Deutschland vorgeführt. Wie haben Sie diese Messe erlebt? Wie verliefen die Gespräche mit den Kinomachern?

JULIA VON HEINZ: Meine Hauptdarstellerin, Mala Emde, und ich sind direkt im Anschluss nach der Premiere in Venedig angereist. "Und morgen die ganze Welt" wurde den Kinobetreibern in vier »vollen« - also jeweils zu 50 Prozent gefüllten - Sälen gezeigt, die den Film sehen und mit uns über ihn sprechen wollten. Das war spannend und die Zahl von Häusern ging nach Leipzig nach oben, sodass Alamode den Film jetzt mit 150 Kopien starten kann. Für mich sind die Kinobetreiber die Helden an der Corona-Front. Sie sind es, die sich für ihre Häuser in dieser schwierigen Zeit ins Zeug legen und bereitwillig ihrer Klientel erklären, warum es eine sichere Sache ist, ihre Säle zu besuchen. Sie müssen gerade knallhart um ihr Überleben kämpfen. Am liebsten würde ich jedes einzelne Kino besuchen, das den Film ab 29. Oktober spielt.

Jedenfalls werden Sie mit "Und morgen die ganze Welt" auf Kinotour gehen und 30 Kinos besuchen.

JULIA VON HEINZ: So ist es geplant. Ich will unbedingt in den Dialog mit meinen Zuschauern treten. Das ist mir bei diesem Film besonders wichtig. Vor "Und morgen die ganze Welt" hatte ich zwei Fernsehfilme gedreht. Auf beide bin ich sehr stolz, aber mir fehlte der direkte Austausch mit den Zuschauern. Man erhält zwar in den sozialen Medien Feedback. Aber es ist doch etwas ganz Anderes, wenn man unmittelbar miteinander sprechen kann.

Ihr Film trifft einen Nerv und wird schon im Vorfeld leidenschaftlich diskutiert und kritisiert, von politischer rechter, aber auch linker Seite. Wie stehen Sie dazu? Wie gehen Sie mit diesen oftmals wenig sachlichen Angriffen um?

JULIA VON HEINZ: Die Angriffe von rechts habe ich erwartet. Darauf würde ich wenig eingehen wollen. Interessanter und zwiespältiger ist für mich die Kritik von links. Ich verstehe, warum es sie gibt, und mir ist bewusst, dass Und morgen die ganze Welt einen Blick auf die linke Szene wirft, der nicht verklärt und eben durchaus kritisch ist: In dieser Szene finden sich eben viele privilegierte junge Leute aus der Mittelschicht, die sie jederzeit wieder verlassen können. Das thematisiert der Film. Und ich verstehe, dass man sich nicht unbedingt so gespiegelt sehen möchte. Und dann gibt es Angriffe, weil es die Unterstellung gibt, ich würde links mit rechts gleichsetzen. Aber ein kurzer Trailer gibt eben nur einen kleinen Ausschnitt wieder. Wer den Film auch aus diesen Kreisen bereits in Gänze sehen konnte, weiß, dass mein Film das Gegenteil tut und die »Hufeisentheorie« ad absurdum führt. Ich will jetzt abwarten, bis die Menschen den Film sehen konnten. Und dann stelle ich mich gerne jeder Diskussion.

Wie kam es zu Ihrer Beteiligung an dem Omnibus-Projekt "Europe C-19"?

JULIA VON HEINZ: Es handelt sich um dokumentarische Kurzfilme, von fünf beteiligten Regisseuren. Von deutscher Seite ist als Produzent neben den Seven Elephants Philipp Kreuzer von Maze Pictures an Bord. Er hatte mich im frühen Sommer angesprochen, ob ich eine Idee für einen Beitrag hätte. Das passte sehr gut, weil ich sowieso mit einem dokumentarischen Kurzfilm beschäftigt war, der sich mit diesem Thema befassen sollte. Ich kann verraten, dass mein Beitrag "Meine Väter" heißen wird. Rosa von Praunheim spielt darin ebenso eine Rolle wie die Spurensuche nach meinem eigentlichen Vater, über den ich nach seinem Tod und durch die Zeit, die Corona mir geschenkt hat, sehr viel Neues erfahren durfte. In der kommenden Woche werde ich die Arbeit daran abschließen können.

Mit Sonne und Beton" geht das zweite Projekt der Seven Elephants an den Start. Inwiefern sind Sie an David Wnendts Film beteiligt? Sind Sie zufrieden damit, wie sich Seven Elephants entwickelt?

JULIA VON HEINZ: Es läuft so gut, wie wir es uns erhofft haben. Die Buchrechte an "Sonne und Beton" zu sichern, war die erste Gemeinschaftsentscheidung, die wir vor mittlerweile zwei Jahren getroffen haben. Damals war der Schriftsteller Felix Lobrecht noch nicht so bekannt wie heute. Der Roman ist fantastisch. David Wnendt hat zusammen mit Felix ein ebenso fantastisches Drehbuch geschrieben, das ich in mehreren Stadien gelesen habe. Jetzt sind wir an dem Punkt angelangt, dass man in die Produktion gehen kann. Wir freuen uns, dass Constantin Film als Koproduktionspartner an Bord gekommen ist und der Verleih die Auswertung übernehmen wird. Es sieht sehr gut aus. Und natürlich sind wir überglücklich, dass wir gleich im nächsten Jahr schon wieder einen Film drehen können.

Was kommt für Sie als Nächstes?

JULIA VON HEINZ: Was das Kino betrifft, freue ich mich, dass sich für mein internationales Debüt jetzt dank Venedig viele Türen geöffnet haben, Iron Box" nach Lily Bretts autobiografisch inspiriertem Roman Zu viele Männer. Wir haben das Drehbuch an zwei großartige amerikanische Schauspieler geschickt, und gestern bekam ich von einem von ihnen die erste Zusage. Ich hoffe, dass es 2022 wieder möglich sein wird, mit amerikanischen Schauspielern in Polen zu drehen, wo die Geschichte auch spielt.

Das Gespräch führte Thomas Schultze