Kino

Kino-Comeback: Weiter ausgebremst

Auch wenn es im deutschen Kinomarkt am vergangenen Wochenende minimal aufwärts ging, liegt die Vermutung nahe, dass sich neue Restriktionen und die Mahnungen der Kanzlerin negativ auf den Besuch ausgewirkt haben. Die Maßnahmen treffen umso härter, als es zuletzt eigentlich um eine Lockerung der Vorgaben für eine Branche ging, die weltweit mit keiner einzigen Übertragung in Verbindung gebracht wurde.

19.10.2020 14:15 • von Marc Mensch
Bester Neuling am vergangenen Wochenende war "Drachenreiter" (Bild: Constantin)

Das vergangene Wochenende stand im deutschen Kinomarkt für einen weiteren leichten Aufschwung: Ein Besucherplus von 4,2 Prozent und ein Umsatzwachstum von immerhin noch 0,8 Prozent gegenüber der Vorwoche gab es zu verzeichnen, laut der Montagsauswertung von Comscore wurden mit 611.293 verkauften Tickets 4.916.311 Euro Umsatz erzielt. Und doch könnte man wohl etwas enttäuscht auf die zurückliegenden Tage blicken. Denn das Programm hatte noch mehr Potenzial versprochen - und insbesondere ab Samstag fielen die Zahlen mehrfach unter das, was man sich angesichts der Donnerstagsresultate hätte erhoffen können. Nun können derartige Entwicklungen auf einer ganzen Reihe von Gründen basieren (so war gerade in Bayern das Wetter am Sonntag wieder deutlich Ausflugs-freundlicher als zuletzt) - aber die Vermutung liegt doch nahe, dass neue Restriktionen und die Mahnung der Kanzlerin, nach Möglichkeit zu Hause zu bleiben (was sich im Kontext primär auf Reisen und Feiern bezog), die Zahlen etwas nach unten drückten.

Dass insbesondere die mittlerweile in zahlreichen Kommunen (bzw. ganzen Bundesländern) eingeführte Pflicht, auch im Saal einen Mund- und Nasenschutz zu tragen, ein erhebliches Hemmnis für einen Kinobesuch sein könnte, hatte Ende September eine Umfrage von S&L (wir berichteten) unterstrichen: Dort gaben ganze 60 Prozent der Befragten an, nicht oder eher nicht ins Kino gehen zu wollen, wenn ihnen das Tragen eines solchen Schutzes während der Vorstellung vorgeschrieben würde. Angesichts der Tatsache, an wie vielen Standorten diese Pflicht nun bereits zur Realität wurde, müsste man sich - Enttäuschung über Gesamtresultate hin oder her - also geradezu beruhigt zeigen, dass sie vorerst nicht zu einer deutlicheren Zurückhaltung beim Kinobesuch führte. Zumal die Maskenpflicht teilweise auch von wieder (noch) stärker eingeschränkten Kapazitäten oder sogar einem Verzehrverbot im Saal begleitet wurde. Maßnahmen, die Kinos gegenüber der Gastronomie schlechter stellen, obwohl nach wie vor noch keine einzige Kinovorstellung mit einer Übertragung in Verbindung gebracht wurde - und das weltweit. Celluloidjunkie hat hierzu gerade erst ausführliche Nachforschungen betrieben.

Natürlich zeichnet die Entwicklung beim Ticketumsatz damit auch nur ein unvollständiges Bild für jene Kinos, denen nun der Concessions-Verkauf weggebrochen ist - hier wirken sich die neuen Restriktionen wirtschaftlich natürlich umso stärker aus. Die Maßnahmen treffen nun umso härter, als es zuletzt eigentlich zunehmend um Lockerungen für eine Branche ging, deren Veranstaltungen sich als sicher erwiesen haben...

Immerhin gelang es zwei Neustarts, die Top 3 nach Besuchern aufzumischen: Als bester Debütant hob Drachenreiter" laut der vorläufigen Bilanz mit gut 70.000 Besuchern auf Platz 2 ab, "Der geheime Garten" brachte es einen Rang dahinter auf knapp 62.000 - wobei in beiden Fällen davon auszugehen ist, dass in der offiziellen Wochenendbilanz noch nennenswerte Previewzahlen hinzukommen werden. Nach Umsatz blieben die Medaillenränge unterdessen unverändert: Jim Knopf und die Wilde 13" erhöhte seinen Gesamtumsatz als einziger Titel mit (erneut) sechsstelligen Besucherzahlen (rund 109.500) um etwas mehr als 784.000 Euro auf insgesamt über 3,6 Mio. Euro, Tenet" gab in seiner achten Woche um weniger als 30 Prozent nach, sammelte weitere knapp 53.000 Besucher und 543.000 Euro Umsatz ein (und rückt damit immer näher an das Endresultat von Interstellar" mit rund 1,7 Mio. Besuchern heran) und Es ist zu Deinem Besten" konnte den zweitbesten Besucher-Hold (nur minus 19,8 Prozent gegenüber dem Vorwochenergebnis inklusive Previews) in den Top 10 verzeichnen und schaffte fast 61.000 Besucher. Die Marke von 150.000 Besuchern hat die Komödie am vergangenen Wochenende damit ebenso überschritten wie ein weiterer deutscher Top-Titel: "Gott, du kannst ein Arsch sein" rangiert nun bei gut 166.000 Besuchern. Als stabilster unter den Top-Ten-Titeln erwies sich ein Film, der in Woche 9 nach einem Besucher-Drop von nur 8,8 Prozent Zahlen auf dem Niveau des Startwochenendes schrieb: "Follow Me" ist mit mittlerweile über 160.000 Besuchern ein echter Sleeper-Erfolg. Und in seiner 16. Woche schaffte es auch Meine Freundin Conni - Geheimnis um Kater Mau" erneut in die Top 20.

Dass es quantitativ an Neustarts durchaus nicht mangelt, unterstrich das mittlere Oktoberwochenende übrigens in besonderem Maße: Ganze 16 Debütanten zählte ComScore, von denen es fünf in die Top 20 schafften (davon aber nur zwei mit fünfstelligen Zahlen) und weite fünf in die Top 50, hiervon aber nur zwei mit wenigstens vierstelligem Besucheraufkommen.

Was das Abschneiden des Marktes in Relation zu zwei wichtigen Indikatoren (der Benchmark für das "schlechteste" und das "mittlere" Vergleichswochenende aus den vorangegangenen fünf Jahren) anbelangt, hat sich gegenüber dem Vorwochenende nichts Wesentliches getan: Die wiedereröffneten Kinos lagen nach Besuch um 50 Prozent über der unteren Benchmark, ihnen fehlten aber 60 Prozent zur entscheidenderen Hürde. Auch in Österreich blieb die Situation nahezu unverändert. Hier übertraf man das schlechteste Ergebnis um 37 Prozent und lag nach Besuchern 60 Prozent hinter einem mittleren Ergebnis zurück. Unterdessen kamen aus dem Nachbarland Berichte über erste Kinos, die den Betrieb angesichts der schwachen Zahlen erst einmal wieder komplett eingestellt haben.

Mit Blick auf das Abschneiden der Verleihbezirke bleibt es bei dem allwöchentlichen Wechsel im Ranking. Wo am vorherigen Wochenende München noch die Spitze bildete, fand sich dieser Verleihbezirk zuletzt gemeinsam mit Frankfurt (und jeweils 143 Prozent der Besucherzahlen des schlechtesten Wochenendes der wiedereröffneten Kinos) am Ende der Skala wieder, ganz oben stand diesmal Berlin mit 181 Prozent. Bei den Bundesländern führte klar Brandenburg mit 246 Prozent, während in Bremen gerade einmal 122 Prozent gezählt wurden. Zur Spitzengruppe gehörte mit 176 Prozent auch Schleswig-Holstein, wobei es dort trotz des Kino-Aktionstages am 16. Oktober nicht für eine Verbesserung gegenüber dem starken Ergebnis der Vorwoche (188 Prozent bedeuteten Platz 2 im Länderranking) reichte. Grundsätzlich ist die Veränderung beim Abschneiden der einzelnen Verleihbezirke bzw. Bundesländer durchaus auch ein möglicher Indikator dafür, dass die Einführung der Maskenpflicht zu Lasten des Besucheraufkommens ging.

Der Abstand zum Vorjahr wuchs naturgemäß weiter leicht: Der aktuelle Rückstand nach Besuchern beträgt 59,8; der nach Umsatz 61,1 Prozent. Anzunehmen ist leider, dass sich diese Lücke ab Ende des Monats erst einmal noch deutlich vergrößern wird: Denn am 31.10. 2019 startete Das perfekte Geheimnis"...