Kino

KOMMENTAR: Haben Sie Seele?

Es ist mir ein Horror, wenn ich von "wichtigen Filmen" lese. Was bedeutet das schon? Was macht einen Film "wichtig"? Da ist schon eine ganz besondere Form von Hybris im Spiel.

15.10.2020 07:43 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Es ist mir ein Horror, wenn ich von "wichtigen Filmen" lese. Was bedeutet das schon? Was macht einen Film "wichtig"? Da ist schon eine ganz besondere Form von Hybris im Spiel. Wer eine Botschaft habe, soll Samuel Goldwyn gesagt haben, der solle sie mit Western Union schicken: Filme sind Unterhaltung - Bewegung und Licht und Schatten. Aber weil Ausnahmen die Regel bestätigen, lassen Sie mich hier eine Ausnahme machen: Nun lässt sich treffl ich darüber streiten, ob Pixars Soul" rein kommerziell wirklich der große Bringer in den Kinos gewesen wäre. Ein Animationsfilm mit Jazzmusik über das Wesen der menschlichen Seele? Echt jetzt? Man sollte dabei nicht vergessen, dass es ein Film von Pete Docter ist, jener Filmemacher, der Reisen von Greisen um die Welt und in den menschlichen Verstand zu kleinen Meisterwerken und trotz (oder wegen?) ihrer vermeintlich schrägen (sprich: originellen) Prämissen zu weltweiten Kassenhit gemacht hat. Docter ist obendrein der neue Chef von Pixar.

Warum es so schmerzt, dass Soul jetzt doch "nur" auf Disney+ starten wird, hat weniger pekuniäre Gründe. Es ist vielmehr eine verpasste Chance, mit Hilfe der großen Leinwand auf einen - Achtung, jetzt kommt's! - "wichtigen" Film aufmerksam zu machen: der erste Pixar/Disney-Animationsfilm mit einem schwarzen Helden, mit Ausnahme vonbDocter als einer der beiden Regisseure inberster Linie von schwarzen Kreativen gestemmt: Drehbuch und Ko-Regie von dem gefeierten One Night in Miami"-Autor Kemp Powers, Größen wie Jamie Foxx, Daveed Diggs oder Questlove als Sprecher, originale Jazzmusik von Jon Batiste.

Vom Studio, das bereits mit Black Panther" auf fast vorbildliche Weise Geschichte geschrieben hat, hätte man mehr erwarten können, als diesem besonderen Ausnahmefilm das Schicksal von "Mulan" angedeihen zu lassen: Werden wirklich viele Menschen von dem außergewöhnlichen "Soul" sprechen, wenn sie ihn nur auf ihrem gewöhnlichen Fernseher - oder schlimmer (und wahrscheinlicher) - auf ihrem Handy gesehen haben?

Nun ist es nicht von der Hand zu weisen, dass sich die Sehgewohnheiten des Publikums im Coronajahr 2020 geändert haben. Aber je unübersichtlicher das Entertainmentangebot mit seinen vielen Plattformen wird, desto mehr kristallisiert sich heraus: Veredelt werden Filme dadurch, dass sie im Kino zu sehen waren. Bestimmt nicht alle Filme, aber wenn es denn ein besonderes Projekt ist, dann ist es im Zweifelsfall unverändert das Kino, das es in den Augen der Öffentlichkeit groß macht. Alles andere versendet sich. Schade, dass das nun das Schicksal von "Soul" sein wird. Ein wichtiger Film, dem man eine wichtige Auswertung gewünscht hätte, amplifiziert durch die Strahlkraft des Kinos.

Thomas Schultze, Chefredakteur