Kino

Leserbrief: "Es geht um unsere Existenz"

Mit einem Brandbrief hat Kinobetreiber Sven Andresen auf die jüngsten Terminverschiebungen und Startabsagen reagiert. Seiner Ansicht nach steuert man auf ein Szenario zu, in dem den zurückgehaltenen Titeln die Abspielbasis fehlen wird.

12.10.2020 10:22 • von Marc Mensch
Aus Sicht von Sven Andresen führen die ständigen Verschiebungen in eine Sackgasse (Bild: Sven Andresen)

Während der Kinomarkt auch am vergangenen Wochenende gezeigt hat, dass das vorhandene Produkt absolut in der Lage ist, Zahlen zu schreiben, wie sie auch außerhalb einer Pandemie nicht zu verachten wären, fehlt es natürlich weiter am Blockbuster-Nachschub, die Wochenendergebnisse dümpeln weiter (mit mal mehr, mal weniger nennenswerten Ausschlägen) um die Werte des schlechtesten Vergleichswochenendes der vergangenen fünf Jahre herum. Eine Situation, die mitunter für gehörig Frust sorgt - so zum Beispiel bei Kinomacher Sven Andresen, der ihm in einem Brandbrief Luft macht - der neben Kritik an den Studios aber auch Flexibilität von Kinoseite einfordert.

Sie lesen den Brief hier im Wortlaut:

"Es vergeht kaum ein Morgen an dem ich mich frage, warum ich eigentlich noch aus dem Bett steige. Irgendeine Hiobsbotschaft gibt es immer. Es sind steigende Neuinfektionen, tolle neue Regeln "AHA-L-C-3G" (Gebäude meiden) und natürlich die lieben Majors, mit Ihren Terminstornierungen und Strategiewechseln.

Ich weiß gar nicht, worüber ich im Moment am meisten Wut verspüre... Vermutlich die "mündigen deutschen Bürger", die es einfach nicht verstehen, dass es derzeit keinerlei Grund zum ausgelassenen Feiern gibt und ein angemessenes Verhalten hier die Reife der Menschen widerspiegeln würde.

Aber wie komme ich dazu einen Teil der Menschen in der normalen Welt in Misskredit zu bringen? Einen weit größeren Teil zur verheerenden Situation in unserer Branche tragen Politik und Marktteilnehmer bei. Man sollte annehmen es gäbe ein gemeinsames Ziel vor Augen: durch diese Situation bestmöglich hindurch kommen - im normalen Leben UND in der Branche.

An der Umsetzung hapert es aber gehörig. Der viel gepriesene Föderalismus bringt es nicht fertig, dass sich die einzelnen Länder auch einmal über gut funktionierende Regelanpassungen austauscht und diese bewertet: NRW, Sachsen, Rheinland-Pfalz und nun auch Niedersachsen zeigen, dass man sehr wohl differenziert beschränken und lockern kann - und dabei einer wichtigen Branche ohne ausreichend laute Lobby die Chance gibt zu überleben.

Nein, lieber wird weiter in unverhältnismäßiger Form Panik gemacht und Ängste geschürt. Weil man glaubt, dann folgt die Bevölkerung der Regierung - einen Teufel tut der entscheidende Teil der Deutschen. Noch einmal ganz klar: Es geht hier nicht um Corona-Leugnung - es geht darum, sich dafür einzusetzen, dass man aufrichtig und objektiv mit der Situation umgeht. Dies täte man mit angemessenen Regelungen statt mit purer Panikmache und sensationslüsternder Zahlenakrobatik.

Neben der Unmöglichkeit, bei den doch gelegentlich vorkommenden gut nachgefragten Veranstaltungen alle Gäste hereinlassen zu können, ist da aber natürlich noch das Fehlen von Produkt. Das ist schon viel beschrieben worden, die Notwendigkeit von relevanten Filmstarts ist unstrittig. Mein ausdrücklicher Dank gilt hier den deutschen Independents, die uns mit Ware versorgen. Nicht dass ich finde, dass nun sämtliche zu Friedenszeiten als unspielbar kategorisierte Werke auf die Leinwand drängen müssten, aber in der Mischung mit besseren deutschen und europäischen Filmen ist ein Mix möglich, mit dem man die derzeitigen Gäste nicht vergrault. Denn auch das ist wichtig: WIR Kinos müssen unseren Gästen zeigen, dass wir für sie da sind und dass wir ein ordentliches Angebot machen - und uns bei diesen aufrichtigen Freunden des Lichtspieles auch bedanken, dass sie solche Hürden nehmen, um zu uns zu kommen.

Der Kinderfilm funktioniert eigentlich ganz gut, im Arthaus-Sektor sind auch beachtliche Ergebnisse möglich - klar, nie auf bisherigem Niveau, aber vielleicht näher der Auskömmlichkeit. Wir müssen das Publikum aber auch mit interessanten Filmen für die breitere Masse begeistern. Dazu gibt es Produkt mit Potenzial - und endlich hat sich die Constantin auch dazu durchgerungen, zwei dieser Produkte zeitnah bereitzustellen. Dafür meinen ausdrücklichen Dank, wenn ich auch finde, die Entscheidung hätte früher fallen müssen. Monatelang haben wir Euch um die Starts gebeten... Natürlich werden wir alle versuchen das Beste daraus zu machen!

Warum nur wird nicht ein Spot hergestellt, der die Sicherheit und Besonderheit der Kinos erzählt - und dann mal ausnahmsweise umgekehrt massiv im Fernsehen beworben? Was tun unsere Branchenverbände, Förderer und die FFA im Moment? Man hört leider zu oft es würde über dies und das gesprochen... Wir müssen Taten folgen lassen.

Einen ganz aktuellen Aufreger gibt es für mich noch: Schon im Juli habe ich die Paramount für verrückt erklärt, dass man den Deutschland-Start für "Spongebob" zugunsten einer Streaming-Auswertung zu Weihnachten aufgibt. Nun die Nachricht, eine der kinorelevanten heiligen Kühe - "der Weihnachts-Disney" - wird geopfert und Weihnachten, bzw. im Januar im Streaming verbraten.

Ich bin beileibe kein Freund von Disneys üblichem Auswertungsgebahren, hier bin ich aber überzeugt, die schneiden sich ins eigene Fleisch. Wir kämpfen um unser Überleben - und da muss man sich eben auch mit hart umkämpften Themen wie dem Auswertungsfenster auseinandersetzen - man muss wenigstens drüber reden! Ich gestehe, ich habe "Scooby!" gespielt. Mit einer Portion Verzweiflung aber auch mit dem klaren Verständnis für eine Ausnahmesituation, in der Warner mit offenen Karten gespielt hat und man eine einvernehmliche Lösung finden konnte, hat mir der Film im Juli und August echt geholfen. Wenn man sich das Ergebnis anschaut, dann müsste Paramount eigentlich sofort anfangen zu weinen. Weit über 200.000 Besucher hat "Scooby!" bisher - und das ohne Auswertungen in den Kino-Ketten! Das unterstreicht auch die Kraft des unabhängigen Marktes in Deutschland! Wir müssen glaube ich davon loskommen, rückwärts gewandt zu denken. Klar ist ein exklusives Fenster für uns Kinos extrem wichtig! Aber mehr und mehr gewinnt eben auch die allgemeine Veränderung im Freizeitverhalten und Medienkonsum an Bedeutung, der man sich nicht bis zum Sankt Nimmerleinstag verwehren kann. Gemeinsam Lösungen im allgemeinen und im besonderen zu finden, dass sollte unser Ziel sein.

Und damit zurück zum aktuellen Pixar-Film: warum dürfen(!) die Kinos nicht selbst entscheiden, ob Sie diesen Film innerhalb eines Zwei-Monats-Fensters - zu angemessenen Konditionen - auswerten wollen oder nicht? Ich glaube eben auch noch an alte Weisheiten: "Ausnahmen bestätigen die Regel" - es muß nicht gleich der Untergang der Welt sein.

Und ich bin es leid, auf den nächsten Blockbuster zu hoffen, diesen zu bewerben, nur um dann früher oder später zu hören "ist verschoben" oder "geht ins Streaming". Bei großem Verständnis dafür, dass der amerikanische Markt für die Majors sehr wichtig ist und nach wie vor nur in Ansätzen wieder läuft: Rund um die Welt halten die Kinos auch für Eure Filme offen. Auch wir verlieren jeden Tag Geld - aber wir wollen unseren Gästen zeigen, dass es Kino gibt, dass Kino sicher ist und es einfach schön ist, auch in diesen Zeiten sich einmal für zwei Stunden in eine andere Welt entführen zu lassen.

Majors, nutzt dieses Angebot und unterstützt uns, damit nicht die gesamte Branche den Bach runtergeht! Oder verschiebt weiter und weiter - glaubt Ihr wirklich ab März/April wäre alles wieder in Ordnung und die Kinos würden jede Woche zwei neue Blockbuster einsetzen? Das ist doch absurd! Und auch mit der Entscheidung verliert Ihr Geld, denn die Filme werden sich gegenseitig kannibalisieren und so wird wieder jeder leiden! Und wo überhaupt wollt Ihr Eure Filme denn zeigen? Glaubt Ihr ernsthaft, wir Kinos können und wollen weitere sechs Monate ohne Brot und Butter-Filme den Laden am Laufen halten? Das werden wir nicht können! Die angekündigte neue Unterstützung der Kinos durch den Bund wird uns allen etwas weiterhelfen, es wird uns aber nicht retten können. Das geht nur in einer gemeinsamen Anstrengung.

Ohne ein breites und diverses Filmangebot werden viele Kinos und Verleiher nicht überleben. Dann bleiben die Majors allein zurück - mit ihren Filmen - aber ohne breite Abspielbasis! Oder ist das am Ende vielleicht bereits erklärtes Ziel? Kino abschaffen? Mit einem letzten Funken Hoffnung hoffe ich, dass man darüber noch einmal nachdenkt...

Es geht um nicht weniger als einen wundervollen, sozialen Zufluchtsort - und unsere Existenz!Sven Andresen (Hofgarten Bad Belzig, Union Luckenwalde, Central Kino Wittenberg)