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Kino

"Wir alle sind die Fehlstarts leid"

Auch bei einem gestrigen Webinar von Celluloidjunkie wurde kein Blatt vor den Mund genommen, was den Ernst der Lage im Kinomarkt anbelangt. Und vielleicht beschrieb niemand den Frust so treffend wie Vue-CEO Tim Richards, der auf eine "unglaublich starke Slate" verwies - und darauf, dass man kaum wisse, wie man es bis zu ihrem tatsächlichen Kinoeinsatz schaffen solle. Gleichzeitig erklärte er, beim Thema Auswertungsfenster künftig Flexibilität zeigen zu wollen.

09.10.2020 13:58 • von Marc Mensch
Vue-CEO Tim Richards war einer der hochkarätigen Gäste eines Webinars von Celluloidjunkie (Bild: Vue)

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Man habe über viele Jahre geglaubt, sich um existenzielle Fragen für die Branche zu kümmern. Was das wirklich bedeute, wisse man aber erst seit diesem Jahr. Soweit NATO-Präsident John Fithian auf die gestern in einem von "Celluloidjunkie" veranstalteten Webinar gestellte Frage, welche Auswirkungen die Aufhebung der sogenannten "Paramount Consent Decrees" haben könnte. Konkret stand im Raum, ob Studios massenhaft Kinos übernehmen könnten - was ihnen ohne die vor vielen Jahrzehnten eingegangenen Selbstverpflichtungen erheblich erleichtert würde. Nun, Studios sieht Fithian derzeit eher nicht als potenzielle Käufer - wobei unter den derzeitigen Bedingungen durchaus eine "massive Restrukturierung" drohe. Man wisse schlicht nicht, wer angesichts der momentanen Aussichten überleben könne, wer verkaufen müsse - und wer kaufen würde. Fithian sieht hier eher ein Szenario, in dem potenzielle Investoren jenseits der Studios auf den Plan treten könnten, denen klar sei, dass die Menschen in Scharen wiederkommen würden, wenn die Krise denn vorbei sei. Wann immer das auch sein möge.

Wie angespannt die Stimmung in der Branche ist, illustrierte der begleitende Chat übrigens geradezu mustergültig. Denn von der Theorie, die Studios würden die Kinos absichtlich sturmreif schießen, um sie dann günstig übernehmen zu können, bis hin zur Behauptung, Andrew Cuomo würde gezielt Netflix zuarbeiten, indem er die Kinos sehenden Auges zerstöre, waren dort Ansichten zu lesen, die vor allem für die Verzweiflung sprechen, mit der große Teile der Branche kämpfen. Auch die Presse bekam ihr Fett weg - und das durchaus nicht immer unverdient, denn das Lied vom Tod des Kinos anzustimmen, hat im Feuilleton ja schon seit vielen Jahrzehnten Tradition. Dennoch ist derartige Kritik natürlich viel zu kurz gegriffen - als Beispiel sei nur die Süddeutsche Zeitung genannt, die sich dieser Tage sehr viel Zeit und Platz nahm, um das Kino und seine Chancen in der Krise ins rechte Licht zu rücken. Und vielleicht darf sich der eine oder andere Branchenangehörige, der unkritisch Links von Clickbait-Seiten teilt, auch an der eigenen Nase fassen. Dazu nur kurz die Bemerkung: Regisseurin Patty Jenkins hat u.a. von Slashfilm verbreiteten Gerüchten, Wonder Woman 1984" würde direkt digital verwertet werden, eine klare Absage erteilt.

Wie Fitihian ausführte, habe man in den USA ein ganz besonderes Problem, wenn es um staatliche Unterstützung gehe - denn wo man in Europa verstanden habe, wie wichtig Kultur ist (man könnte sich aber vielleicht darüber streiten, ob das Verständnis des Kulturbegriffs hierzulande weit genug geht, Anm.d.Red.), pflege Washington einen etwas anderen Blick auf das Thema. Zwar sei es in der Frühphase der Krise gelungen, dem Kongress das Ausmaß der Folgen für die Beschäftigten der Kinobranche so begreiflich zu machen, dass vor allem für kleinere Unternehmen Hilfen aufgesetzt wurden. Allerdings sei der Unterstützungsbedarf größer. Viel größer - und derzeit sei die Hoffnung, dass man sich - wenn schon das große Hilfspaket von Trump auf die Lange Bank geschoben werde - Sektorenhilfe ähnlich wie jener für Fluglinien erkämpfen könne.

An anderer Front hat die NATO jedenfalls bereits eine weitere Niederlage einstecken müssen: "Wir arbeiten sehr hart daran, die Thanksgiving-Titel nicht zu verlieren", erklärte Greg Marcus, CEO von Marcus Theatres und neuer Vorsitzender der NATO. Explizit nannte er in diesem Kontext Soul" und Die Croods - Alles auf Anfang". Ersterer wird, wie nur wenige Stunden später bekannt wurde, nun zur Disney+-Premiere, letzterer wird (wie auch der Universal-Titel Freaky") mit einem sehr kurzen Fenster vor Start der PVoD-Auswertung in die Kinos kommen. Bislang ist nur von AMC bekannt, dass man eine entsprechende Vereinbarung mit Universal im Rücken hat, die auch PVoD-Erlöse umfasst.

Zuvor hatten die Analysten von Omdia übrigens eine interessante Statistik ins Spiel gebracht: So hatte man per Umfrage die Zahlungsbereitschaft für "Mulan" in verschiedenen großen Märkten ermittelt - unter der Prämisse, dass ein Kinobesuch auch dort eine Option gewesen wäre, wo der Film direkt auf Disney+ ausgewertet wurde. Demnach hätten 70 Prozent der Befragten, die grundsätzlich Bereitschaft gezeigt hätten, für diesen Film einzeln zu bezahlen, erklärt, dies für einen Kinobesuch tun zu wollen. Die Zahlungsbereitschaft für ein Kinoticket habe jene für einen PVoD-Abruf im Verhältnis 3:1 überstiegen. Was natürlich ebenfalls ein Hinweis darauf ist, dass sich das "Mulan"-Experiment nicht ausgezahlt hat.

Was den Kinos vergleichsweise wenig hilft, solange sie nicht in der Lage sind, ihre Stärke mit hochkarätigen Neustarts nachhaltig unter Beweis zu stellen: "Wir wissen, dass es eine unglaublich starke Slate gibt", formulierte es Vue-CEO Tim Richards. "Sie ist da, sie ist real. Aber wir müssen einen Weg finden, dorthin gelangen zu können. Was man vor allem benötige, sei Verlässlichkeit, Planbarkeit, seien Verleihstaffeln auf die man sich und die Besucher einstellen könne. "Wir alle sind die Fehlstarts leid", so Richards.

Was auf diesem Weg womöglich helfen könnte? Nun, es mag ein sehr vorsichtiger Vorstoß gewesen sein, aber Richards erklärte, dass man in der Vergangenheit unter Umständen etwas zu strikt gewesen sei, was das Kinofenster anbelangt habe. Man wolle künftig ein "gewisses Maß an Flexibilität" zeigen - und es sei zu begrüßen, dass darüber Diskussionen geführt würden. NATO-Vertreter Marcus schränkte auf diesen Punkt angesprochen zwar ein, dass derzeit die denkbar ungünstigste Zeit sei, um herauszufinden, wie sich Fensterstrategien auswirken würden (schließlich seien die Kinos derzeit nicht in der Lage, ihre Rolle wirklich spielen zu können), aber dass man durchaus Diskussionen über diesen Punkt führen sollte. Gleichzeitig zeigte er sich aber überzeugt, dass sich der Großteil der Studios der Bedeutung eines Kinofensters bewusst sei. Per se sind diese Bemerkungen noch keine Revolution - sie weichen aber doch stark von der Haltiung ab, die Phil Clapp als Vertreter der Global Cinema Federation noch wenige Tage zuvor vertreten hatte, wonach dieses Thema aus seiner Sicht auch jetzt nicht zur Debatte stehe.

In den USA hat die NATO die Öffentlichkeit unterdessen erneut dazu aufgerufen, sich an der Initiative #SAVEYOURCINEMA zu beteiligen und sich direkt an Kongressabgeordnete mit der Bitte um Unterstützung für die Kinos zu wenden - denn die Zeit laufe ab, wie es in der Erklärung heißt. Bislang seien über 300.000 dieser Aufrufe an den Kongress gegangen, das Ziel sei eine halbe Million. Der Verband selbst hatte unlängst - unterstützt von fast 100 Filmemacher*innen - mit einem Brief an führende US-Politiker*innen appelliert und den Ernst der Lage dabei überdeutlich gemacht.

"Tatsache ist, dass viele Kinos nicht wieder werden eröffnen können, wenn sie keine staatliche Hilfe erhalten", erklärte NATO-Vertreterin Esther Baruh anlässlich des erneuten Aufrufes. "Diese Angelegenheit ist so dringend, wie sie nur irgendwie sein kann. Kinos waren vor der Pandemie eine florierende Branche und werden das auch wieder sein - aber sie und ihre Beschäftigten brauchen diese (finanzielle) Brücke, um an den Punkt gelangen zu können."