Festival

Michael Harbauer: "Mehr tun für Filme"

Dieses Jahr feiert das SCHLINGEL-Festival 25-jähriges Jubiläum. Sich über Hürden hinwegsetzen und etwas trotzdem machen: Das Motto des SCHLINGELgilt auch für das Festival und sein motiviertes Team. Ein Gespräch mit Gründer Michael Harbauer über Entwicklung und Internationalisierung der einstigen Filmschau.

09.10.2020 07:33 • von Barbara Schuster
Michael Harbauer (Bild: Schlingel)

Dieses Jahr feiert das SCHLINGEL-Festival 25-jähriges Jubiläum. Sich über Hürden hinwegsetzen und etwas trotzdem machen: Das Motto des SCHLINGEL gilt auch für das Festival und sein motiviertes Team. Ein Gespräch mit Gründer Michael Harbauer über Entwicklung und Internationalisierung der einstigen Filmschau.

In diesem Jahr sind es besondere, schwierige Bedingungen, unter denen Sie das Festival stattfinden lassen wollen ... müssen ... werden - was ist Ihnen dabei besonders wichtig?

MICHAEL HARBAUER: Die lokale Verankerung darf nicht verloren gehen, das ist vor allem beim Kinderfilm ausschlaggebend und das haben wir bei der Programmierung vorangestellt. Im Nirwana des Internets ist das schwierig, aber der SCHLINGEL gehört zu Chemnitz. Wobei wir uns zwar auf das Festival fokussieren, aber nicht beschränken. Wir tun mehr für die Filme, begleiten sie über das Festival hinaus. Wir konzentrieren uns darauf, deutsche Filme ins Ausland und internationale Filme zu uns zu bringen.

Wäre es nicht eine Chance, das Festival auch digital abzuhalten, damit auch Kinder aus München oder Hamburg die Filme sehen können?

MICHAEL HARBAUER: Das ist zweischneidig. Bisher haben das Filmfest München oder andere Festivals den einen oder anderen Film von uns nachgespielt. Denen würde ich die Möglichkeit einer örtlichen Verankerung nehmen, und den Filmen die Chance, ins Kino zu kommen. Das ist gerade für die junge Generation ein zentrales Element, um sich mit dem Medium Spielfilm auseinanderzusetzen. Die Konzentration auf eine Sache über einen längeren Zeitraum ist in unserer schnellen mobilen Handy-Welt etwas elementar Wichtiges. In einer Gruppe kommunizieren zu können, gemeinsam zu lernen, was Diskurs bedeutet, ist entscheidend.

Sie haben den SCHLINGEL vor 25 Jahren aus der Taufe gehoben - wie kam die Idee zustande?

MICHAEL HARBAUER: Mitte der 1990er-Jahre gab es in Chemnitz, in der Stadt, in der ich wohnte und arbeitete, keine Filmvorführungen in Kinos mehr. Es gab noch eine einzige Leinwand, die Platz 1 - 3 der Charts spielte, das wars. Kinderfilm fand gar nicht mehr statt. Ich habe damals die Filmothek des Landesfilmdienstes geleitet und gemerkt, wie viel Nachfrage besteht. Wir waren in einem soziokulturellen Zentrum untergekommen, mit einem riesigen Saal, und haben irgendwann angefangen, mit ausrangierten Vorführgeräten dort Filme zu zeigen. Es war ein ganz normales Programm, und das Interesse war groß, die Leute kamen. Man braucht nicht unbedingt immer den Kinosessel, aber ein globales Angebot. Das hat mich ein paar Monate später zur Idee eines Kinderfilmfestivals ermutigt. In den ersten zwei Jahren war es eine Kinderfilmwoche mit dem Titel "Chemnitzer Kinderfilmschau Schlingel".

Der Name war gleich da?

MICHAEL HARBAUER: Ja, er ist ja im Süden der Republik eigentlich geläufiger als im Norden: Jemand, der sich mit einem positiven Lächeln auch mal über kleine Hürden hinwegsetzt, etwas trotzdem macht und versucht, dabei die positive Stimmung zu erhalten und sein Ziel zu erreichen. Genauso haben wir es im Prinzip auch gemacht. Der Saal war nicht immer frei, nach einem abendlichen Rockkonzert - vor der allerersten Filmvorführung des SCHLINGEL überhaupt übrigens von den Ärzten - mussten die Toiletten in der Früh, und das hieß 2 Uhr nachts, geputzt werden, damit um 8 Uhr die Kinder reinkonnten. Alles war abhängig von den Menschen, die sich da engagiert haben.

Woher rührte Ihr Interesse am Kinderfilm?

MICHAEL HARBAUER: Ich war Regionalleiter für den Landesfilmdienst in Sachsen, wir hatten damals eine Bildungseinrichtung, einen Filmverleih mit Filmen vom Arbeitsamt als Videokassetten. Und auch kleine Spielfilme, mit denen man mit mobilen 16mm-Vorführgeräten in diversen Einrichtungen touren konnte. Das hatte riesigen Erfolg, ich habe mit drei Mitarbeitern täglich Filmveranstaltungen in der Chemnitzer Region durchgeführt, morgens in Kindergärten, nachmittags an anderen Orten. Mein Bedürfnis, mehr für den Kinderfilm zu tun, hing vielleicht auch mit der Geburt meines ältesten Sohns zusammen. Ich wollte, dass er, so wie ich auch, die Möglichkeit hat, Filme im Kino zu sehen. Ich bin als Kind jeden Sonntag ins Kino gegangen - das müsste man gewährleisten, fand ich. Wir haben Förder-Anträge gestellt, nicht immer erfolgreich. Die erste originär für SCHLINGEL gedachte Unterstützung kam in Höhe 4000 Mark vom Deutschen Kinderhilfswerk ... Nach zwei Jahren in dem soziokulturellen Zentrum wurde in Chemnitz ein Multiplex gebaut und der Kinoleiter bot mir an, unsere kleine Filmwoche in sein Kino zu verlegen. Dort konnten wir, zunächst ohne Vertrag, eine Woche lang tun, was wir wollten, und so entwickelte sich das Festival. Ein paar Jahre später habe ich dann mit Marlies Kieft einen Vertrag über fünf Jahre geschlossen. Innerhalb dieser Frist wurde das CineStar dann australisch, aber durch den Vertrag gelang es mir, den SCHLINGEL im einzigen in der Stadt verbleibenden Kino mit mehreren Sälen weiterhin anbieten zu können. Sonst wäre die Geschichte des SCHLINGEL damals mit seiner 14. Ausgabe zu Ende gewesen.

Wie würden Sie die Entwicklung des Festivals beschreiben?

MICHAEL HARBAUER: Natürlich hat es sich immer weiter vergrößert, in den letzten drei Jahren hatten wir jeweils 24.000 - 25.000 Besucher. Sie honorieren, dass wir immer wieder Neues ausprobiert haben. So haben wir früh, schon vor der Berlinale, einen eigenständigen Jugendwettbewerb eingeführt und zusätzlich für die Altersstufe 11 - 13 Jahre eine Sektion "Junior" eingeschoben. Da gibt es feine Unterschiede: Kinderfilme handeln oft von der Familie, vom Zusammenhalten und Behütetsein. Meist fehlt ein Element, und daraus entwickelt sich dann die Geschichte. Bei den Juniorfilmen geht es ums Gegenteil, um Abnabelung und Unabhängigkeit. Da will jeder eigene Entdeckungen machen und über sich hinauswachsen.

Warum haben Sie das Kinderprogramm um die Jugendsektion erweitert?

MICHAEL HARBAUER: Weil Eltern sagten, die Kinder wachsen aus eurem Programm heraus, was machen wir dann? Sie wollten ein weiterführendes Angebot haben. Das war der Grund, warum wir jetzt innerhalb des Panoramas durchaus auch Filme zeigen, die nicht unbedingt für, sondern über Kinder sind. Wir greifen dort Themen auf, die die junge Generation interessieren. Daher auch der Name des Festivals - Kinder und junges Publikum, jeder fühlt sich angesprochen, der sich für jung hält und offen durch die Welt geht.

Welches Publikum erreichen Sie damit?

MICHAEL HARBAUER: Ein breites. Am Vormittag überwiegend die Schulen. Am Nachmittag kommen Kinder mit Eltern und Großeltern, am Abend Jugendliche. Ein großer Studentenerfolg ist z.B. unsere Lange Nacht der Kurzen Filme. Viele Studenten der Uni arbeiten bei uns mit, die Vernetzung ist gut und im Lauf der Zeit immer größer geworden.

Wo würden Sie den SCHLINGEL im Festivalmarkt verorten?

MICHAEL HARBAUER: Ich würde den SCHLINGEL inzwischen als eines von vier oder fünf großen originären Kinderfilmfestivals in der Welt bezeichnen. Deutsche Kinderfilme sind mittlerweile auch international gefragt und wir haben eine Struktur geschaffen, die es internationalen Kinderfilmen ermöglicht, nach Deutschland hereinzukommen, und deutschen Kinder- und Jugendfilmen die Möglichkeit gibt, sich im Ausland zu präsentieren. So haben wir neben dem internationalen Wettbewerb den "Blickpunkt Deutschland" schon sehr früh eingeführt und zeigen dort jährlich zwischen 12 - 15 Filme. Das nationale Programm ist es doch, wo ich am dichtesten dran bin, am meisten über das Land erfahre, vielleicht kleine Filmpflänzchen entdecke, die Filmemacher treffe ... Wir haben immer Regisseure, Darsteller und Produzenten aus der deutschen Landschaft zu Gast, und diese Vernetzung schätzen die rund 20 - 25 internationalen Festivaldirektoren und Programmer, die uns jedes Jahr besuchen. Hinzu kommen jährlich noch weitere 100 - 150 Fachbesucher aus aller Welt. Für dieses Klientel ist der Kontakt zum heimischen - deutschsprachigen - Kinder- und Jugendfilm ein wichtiges Argument für die Anreise. Daher laufen alle deutschen Filme beim SCHLINGEL auch mit englischen Untertiteln.

Wie ging die Internationalisierung, einer der Meilensteine in der Entwicklung des Festivals, vonstatten?

MICHAEL HARBAUER: So etwas baut sich langsam und nur mit Unterstützung zahlreicher langjähriger Kooperationspartner auf. Wir arbeiten seit 2006 zunehmend mit den Goethe-Instituten rund um die Welt zusammen, um deutsche Kinderfilme ins Ausland zu bringen, sei es nach Mexiko, Tokio, Korea, Vietnam. Auch mit dem russischen Goethe-Institut und dem in Taschkent, wo es, wie auch in Vietnam, eigenständige SCHLINGEL-Kinderfilmfestivals gibt. Daher geht es immer um Austausch über die Grenzen hinweg mit Produzenten, Regisseuren und auch Darstellern - all das ist eine Ganzjahresbeschäftigung.

Welche Bedeutung hat der SCHLINGEL in der Festivallandschaft?

MICHAEL HARBAUER: Es gibt kein breiteres Kinofilm-Angebot für junge Leute in Deutschland als beim SCHLINGEL. Auch in diesem Jahr zeigen wir wieder über 250 Filme. Die meisten Kinderfilme, die nicht Mainstream waren, sondern als kleine eigenständige Filme nach Deutschland kamen, kamen entweder durch die Berlinale-Sektion "Generation" oder über uns in die deutschen Lichtspielhäuser.

Braucht der Kinder- und Jugendfilm besondere Aufmerksamkeit?

MICHAEL HARBAUER: Diese Sektion hat es im deutschen Arthouse-Kino besonders schwer. Unser Ansatz hört nicht mit dem Festivalauftritt auf. Dort stellen wir die Filme vor, lassen Juroren darüber entscheiden, welche von uns vorausgewählten Produktionen des Jahres die besten sind und bieten Hilfe bei der Substitution in Deutschland an. Wir haben den europäischen Kinderfilmpreis mit 12.500 Euro für Distribution oder Synchronisation eines Films, 10.000 Euro stellt die sächsische Landesmedienanstalt ebenfalls zu diesem Zweck zur Verfügung und die Stadt Chemnitz für eine ähnliche Initiative die Summe von 5000 Euro. Die drei ausgewählten Filme begleiten wir, mit Synchronisation und / oder Untertitelung und der Suche nach Verleihern und TV-Sendern. Die genannten Organisationen werden auch eingebunden in unsere Arbeit, MDR und KiKA sind in der Jury vertreten. In der Vergangenheit fanden so auch viele scheinbar vielleicht etwas sperrige Geschichten ein breiteres Publikum.

Hat sich das Festival zu einer Art Markt entwickelt?

MICHAEL HARBAUER: Der Kinderfilmmarkt ist, verglichen mit dem Gesamtmarkt in Deutschland, personell doch recht überschaubar - leider. Ja, Verleiher, auch Fernsehsender kommen regelmäßig. Die meisten der von uns in den verschiedenen Reihen ausgezeichneten Filme im Kinder- und Junior-Bereich haben es ins Kino geschafft - ein großer Erfolg, auf den wir stolz sind. In einer wunderbaren Kooperation mit dem KiKA hatten wir die Chance, ein "KiKA-Kino-Festival" programmlich beraten zu können. Am Ende wurden 17 der 20 ausgewählten Filme vorher auf der großen Leinwand bei SCHLINGEL gezeigt.

Hat der SCHLINGEL einen besonderen Anspruch ans Programm?

MICHAEL HARBAUER: Wir suchen - das ist vielleicht eine Floskel, aber manchmal hilft die bei der Beschreibung - den Kontakt auf Augenhöhe, die Erzählung aus Sicht der jungen Akteure im Film, um die Identifikationsebene zu erhöhen. Das lässt Kinder schneller in andere Welten eintauchen und sich leichter in die Rolle von Kindern in anderen Ländern hineinversetzen.

Sie holen das Publikum von morgen in die Kinos. Wie wichtig ist der Umgang mit Medien, das Einordnen in die Kontexte von Lebensumständen weltweit?

MICHAEL HARBAUER: Eigentlich ist es ja das Publikum von heute, es ist schon da. Wir müssen es uns im Kino erhalten und nicht, wie vielleicht das ein oder andere Theater, die junge Generation verlieren. Das ist leichter, denn der Zugang zur Kultur ist viel kindaffiner als im Theater. Ich bin als Kind ins Kino gegangen und konnte am Abendbrottisch erzählen, wo ich war, welche filmische Reise ich gemacht habe. Ich konnte aus meiner Lebenswelt etwas berichten so wie meine Eltern aus ihrem Berufsalltag. Sie haben zugehört und Fragen gestellt. Das kann Kino auch für Kinder bewegen: Diesen ersten Prozess der selbständigen Entwicklung und der eigenständigen Teilnahme an der Gesellschaft.

Ihr Fazit aus 25 Jahren Festivaltätigkeit?

MICHAEL HARBAUER: Vertrauen ist zentral, und der persönliche Kontakt unersetzlich.

Das Gespräch führte Marga Boehle