Produktion

Matthias Schweighöfer: "Wir leben in einer extremen Zeit"

Matthias Schweighöfer ist Schauspieler, Regisseur, Produzent, Musiker und Autor. Mit Blickpunkt:Film sprach das Multitalent über seine Arbeit an "Resistance - Widerstand" und seine Ambitionen als Schauspieler und Produzent.

08.10.2020 06:48 • von Jochen Müller
Matthias Schweighöfer (Bild: David Daub)

Matthias Schweighöfer ist Schauspieler, Regisseur, Produzent, Musiker und Autor. Mit Blickpunkt:Film sprach das Multitalent über seine Arbeit an Resistance - Widerstand" und seine Ambitionen als Schauspieler und Produzent.

"Resistance" ist eine französisch-amerikanische Coproduktion - wie kam das Projekt zu Pantaleon?

Matthias Schweighöfer: Jonathan Jakubowicz, der Regisseur, hat zunächst meine Agentur angeschrieben, weil er mir die Rolle anbieten wollte. Gleichzeitig haben sie eine europäische ausführende Coproduktionsfirma gesucht und sich an Pantaleon gewandt. Er wusste nicht, dass ich Teil dieser Firma bin. Ab dann ging's los. Wir wollten den Stoff unbedingt und haben eine schnelle Finanzierung hingelegt.

Sie sind auch Produzent. Wie wichtig ist Ihnen das Thema?

Matthias Schweighöfer: Ich habe mich sehr gefreut, dass uns der Stoff angeboten wurde. Er muss immer wieder erzählt werden, damit man Geschichte nicht vergisst und sie auch begreift für heute. Wir leben in einer extremen Zeit, in der die Länder wieder nationaler werden. Menschen, die in schwierigen Zeiten viel Macht bekommen und sie zerstörerisch einsetzen, gibt es immer wieder. Deswegen ist dieses Thema aus Produzentensicht Pflicht - damit man nicht vergisst.

Sind es solche Stoffe, die Pantaleon in Zukunft auch vermehrt realisieren will?

Matthias Schweighöfer: Wir wollen viel mehr in solch relevante Themen einsteigen. Das war immer das Ziel der Company - Genrekino, in Deutschland und international.

Subtil inszeniert ist "Resistance" nicht. Immer wieder erfolgt die Emotionalisierung durch mit Musik unterlegte Blicke in weit aufgerissene Kinderaugen. Der Regisseur spricht damit nicht unbedingt die Kritiker an, wohl aber die Zuschauer...

Matthias Schweighöfer: Barbie hat Waisenhäuser ausgebrannt, mit Kindern drin, knallhart, ohne mit der Wimper zu zucken. Menschen, die sogar Kinder vernichten, gibt es immer noch, das ist nicht vorbei, die Aktualität ist da. In den Nachrichten sieht man Kinder mit diesen durch Krieg entstellten Gesichtern. Der Film muss damit spielen. Kinder sind unsicher, sie brauchen besonderen Schutz. Vor allem diese Kinder, die Waisen sind, ihre Eltern verloren haben und in den Wahnsinn geschickt werden. Jakubowicz wollte die größte Masse erreichen für diese Thematik, so hat er das auch inszeniert, es war seine Vision.

Als Klaus Barbie gelingt Ihnen ein erschreckender Auftritt ... Dämonisch und zugleich freundlich lächelnd. Schon die Szene im Schwulen-Kabarett zeigt, wo es langgeht. Wie bereitet man sich darauf vor, eine der schrecklichsten Figuren der deutschen Geschichte zu spielen?

Matthias Schweighöfer: Ich habe viel gelesen über ihn, wie er war als Kind. Auch alles gesehen, was es gab, "Hotel Terminus" und viele Nazi-Hunter-Dokus ... Eine historische Figur braucht richtig Vorbereitung, da interessiert mich der Background. Barbie wäre vielleicht ein guter Pfarrer geworden, wollte aber nicht in die Kirche. Er hätte eine andere Richtung einschlagen können, wenn nicht seine Familienverhältnisse so gewesen wären.

Wo war der Bruch in der Biografie, haben Sie den entdeckt?

Matthias Schweighöfer: Der war in seiner Kindheit. Er hatte einen behinderten Bruder, um den er sich kümmern musste, der Vater war berüchtigt als schwerer Schläger und Alkoholiker, die Familie war verrucht im Dorf - ein vollkommen allein gelassenes Kind, mit dem Krieg drumherum. Dann gab es einen wie Hitler, der in der Not die Hand reicht, wie einst Gott. Wenn so jemand plötzlich Macht bekommt, ist die Entscheidung klar. Den menschlichen Aspekt dahinter verstehe ich. Das war auch ein Grund, warum ich ihn spielen wollte - sein ganzes Leben war unglaublich. Die Stärke des Films bzw. der Figur ist, dass sie so real ist, er kommt nicht von einem anderen Planeten. Sie haben sich geduzt in den Foltersequenzen, er war höflich, nett und charmant. Ich habe in der Vorbereitung nach etwas gesucht, was ich verstehe, was menschlich ist. Der Typ war auch mal nur Kind, hat als Kind wahrscheinlich sehr viel abbekommen.

In letzter Zeit schienen eher Erwachsenwerden-Komödien Ihr Spezialgebiet zu sein. Ein Wechsel im Rollenspektrum?

Matthias Schweighöfer: Na ja, ich komme ja aus dem "ernsten Fach". An der Komödie hat mich immer der technische Aspekt interessiert. Das Timing, die Choreografien mit den Kollegen. Aber ich will nicht, dass die Aufmerksamkeit auf mich gelenkt ist, sich alles um mein Ego dreht - es gibt Wichtigeres zu erzählen als nur über mich! Ich will Filme mit relevanter Thematik erzählen, auch historische Stoffe. Barbie war ein ganz extremer Mensch. Fast interessanter finde ich die Zeit nach dem zweiten Weltkrieg, sein weiterer Werdegang in Südamerika, er war CIA- und BND-Agent, wurde in der Kohl-Ära gedeckt...

Wäre das ein neuer, nächster Film?

Matthias Schweighöfer: Absolut, ich habe auch überlegt, ob wir den machen. Das war eigentlich auch der Grund, warum ich ihn spielen wollte. Unglaublich, was der durchgezogen hat.

Sie machen auch Musik, Ihr neues Album "Hobby" erschien Anfang September. Fehlen Ihnen die Live-Auftritte?

Matthias Schweighöfer: Ja. Bei Konzerten ist man den Zuschauern unmittelbar nah. Das Gefühl von drei bis vier Tausend tanzenden Menschen, die sich mit deinen Texten beschäftigen - das ist eine andere Emotionalität, das fehlt mir wirklich.

Worauf könnten Sie am ehesten verzichten - aufs Schreiben, Musikmachen, Regieführen, Schauspielen?

Matthias Schweighöfer: Schauspielen auf gar keinen Fall - auf alles andere ja. Schauspielen ist das Muss - die Glut halt.

Gibt es einen Film, der das, was Sie als Schauspieler wollen, besonders gut rüberbringt?

Matthias Schweighöfer: Auf die Zug-Szene in "Resistance" bin ich stolz. Da ist es mir gelungen.

Welche Auswirkungen hatte die Pandemie auf Sie bzw. Ihre Firma?

Matthias Schweighöfer: Wir mussten uns etwas verkleinern, haben aber weitergemacht. Es stellt sich auch die Frage, welche Chancen sich daraus ergeben. Es blieb uns in der Firma wie auch mir persönlich nichts anderes übrig, als das zu akzeptieren und neue Wege zu suchen. Ich hatte Glück, dass ich nicht drehen musste und ich mir Zeit nehmen konnte, um Stoffe zu entwickeln und zu schreiben. Damit wir auch in Zukunft gute Bücher haben.

Wie sehen Sie die Zukunft der Branche?

Matthias Schweighöfer: Ich habe keine Ahnung. Was da passiert, ist furchtbar für die ganze Unterhaltungsindustrie. Meine Mutmaßungen gehen in keine schöne Richtung. Leider ist es relativ real, dass es nie wieder so sein wird, wie es einmal war.

Das Gespräch führte Marga Boehle