Kino

KOMMENTAR: Keine Zeit zu sterben?

Die Hiobsbotschaften für die Kinos häufen sich. Wie vom Winde verweht sind Hollywoods Blockbuster in diesem Herbst. Selbst James Bond gibt Fersengeld und verdrückt sich lieber ins nächste Kinojahr. Bei uns muss es jetzt der deutsche Film richten: Mein Name ist Eberhofer, Franz Eberhofer!

08.10.2020 06:35 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Die Hiobsbotschaften für die Kinos häufen sich. Wie vom Winde verweht sind Hollywoods Blockbuster in diesem Herbst. Selbst James Bond gibt Fersengeld und verdrückt sich lieber ins nächste Kinojahr. Bei uns muss es jetzt der deutsche Film richten: Mein Name ist Eberhofer, Franz Eberhofer! Das Beispiel von Tenet" hat leider keine Schule gemacht. Über 300 Mio. Dollar weltweites Einspiel bis dato bringen selbst Warner, den US-Major, der sich so loyal gegenüber den Kinos zeigt, dazu, sein SF-Spektakel Dune" weit ins nächste Jahr zu verschieben. Das liegt vor allem am überschaubaren Boxoffice, das "Tenet" in den USA generierte. Ausgerechnet die (noch) führende Nation der Welt managt die Coronakrise am jämmerlichsten. Mit Clown Pennywise im Oval Office, der sich bei über 200.000 Covid19-Toten noch als Superspreader im Rosengarten des Weißen Hauses gerieren muss, ist das kein Wunder. Auch wenn weltweit keine Infektion mit Covid19 in einem Kino belegt ist, bleiben die Kinos in wichtigen Bundesstaaten im Lockdown. Mit verhängnisvollen Folgen: So macht die zweitgrößte Kinokette der Welt nun bis auf Weiteres dicht und entlässt Tausende von Mitarbeitern. Während die US-Majors Film um Film um Monate oder Jahre verschieben, können sie nicht sicher sein, ob die Kinolandschaft diese Auszehrung an Major-Produkt überstehen kann. Auch wenn andere große Kinoketten in den USA ihre Häuser offenhalten wollen, darf man sich begründete Sorgen machen, dass die Verschiebung von Keine Zeit zu sterben" und weiteren Blockbustern ausgerechnet in ihrem Heimatmarkt ein Kinosterben einläuten könnte. Die Lage der Kinos ist jedenfalls verzweifelt.

Das ist sie im übrigen auch hierzulande, wenn nicht die Politik ein Einsehen hat und die Betriebsbeschränkungen für die Kinos zumindest teilweise aufhebt. Immer dringlicher formulierte Bittschreiben in den Bundesländern, die dem guten Beispiel von Sachsen und NRW nicht gefolgt sind, bleiben in Zeiten steigender Infektionszahlen unbeantwortet und unerhört. Obwohl Filme wie "Tenet" oder auch After Truth" bei uns hervorragende Zahlen in der Krise schreiben, schlägt nun in diesem Herbst die Stunde des deutschen und europäischen Films und die des amerikanischen Independentfilms. Momentan kämpft schon Jim Knopf und die wilde 13" erfolgreich um die Gunst des Kinopublikums, aber Warner startet mit Wunderschön" und "Lauras Stern" weitere große deutsche Filme und plant als Blockbuster-Ausnahme noch mit Wonder Woman 1984" vor Jahresende. Leonine schickt Bully Herbig als "Boandlkramer" an die Corona-Front. Und Constantin zieht nicht nur seine internationale Produktion Monster Hunter" und Sönke Wortmanns Contra" vor, sondern schickt am Bond-Termin den Eberhofer, das bayerische Äquivalent zu 007, bundesweit mit Kaiserschmarrndrama" ins Rennen. Noch ist also nichts verloren.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur