Kino

UPDATE: Cineworld zieht die Notbremse

Einem Bericht der Times zufolge hat Cineworld angekündigt, den Spielbetrieb in sämtlichen Kinos im Vereinigten Königreich und Irland wieder einzustellen. Spekulationen von US-Medien zufolge soll dies auch für die US-Kinos der weltweit zweitgrößten Kette gelten. Mittlerweile hat Cineworld zwar bestätigt, dass man über die erneute zweitweise Schließung der Kinos nachdenke, eine endgültige Entscheidung aber noch nicht getroffen sei.

04.10.2020 12:08 • von Marc Mensch
Ohne große Neustarts soll Cineworld davor stehen, seine Kinos im Vereinigten Königreich und den USA wieder zu schließen (Bild: Cineworld)

UPDATE: Mittlerweile hat sich Cineworld zu Wort gemeldet. Demnach könne man bestätigen, dass man über die erneute zeitweise Schließung der Kinos im Vereinigten Königreich und den USA nachdenke. Eine endgültige Entscheidung sei allerdings noch nicht getroffen worden. Der US-Branchendienst Deadline berichtet unterdessen unter Berufung auf Studioquellen, dass es nach einer nur teilweisen Schließung von Regal-Standorten in den USA aussehe. Demnach würden knapp 70 Kinos den Betrieb wieder einstellen (offenbar hauptsächlich solche Locations, die sich im Einzugsgebiet besser performender Regal-Standorte befinden), 50 weitere ihre Spielzeiten auf das Wochenende begrenzen.

Cineworld war zuvor von Arbeitnehmervertretern scharf dafür kritisiert worden, dass Angestellte aus der Times von den anstehenden Schließungen hätten erfahren müssen.

URSPRÜNGLICHE MELDUNG: Nur etwas mehr als einen Tag, nachdem bekannt wurde, dass Keine Zeit zu sterben" als einer der wenigen verbliebenen Blockbuster ebenfalls aus dem Katastrophenjahr 2020 abgezogen wurde (wir berichteten), kommt es seitens des weltweit zweitgrößten Kinobetreibers offenbar zu einer Reaktion, die vor dem Hintergrund eines eklatanten Mangels an hochkarätigen Starts (und darüber hinaus spürbarer Zurückhaltung der Bevölkerung in den von der Pandemie besonders hart getroffenen Märkten) befürchtet worden war: Einem Bericht der Times zufolge steht Cineworld davor, den Spielbetrieb in sämtlichen Kinos im Vereinigten Königreich und Irland wieder einzustellen - und das bereits Anfang der Woche. Kinos in anderen Märkten, in denen Cineworld aktiv ist (darunter Polen, Rumänien, Ungarn, Tschechien und Bulgarien), sind davon anch derzeitigem Stand offenbar nicht betroffen.

Laut der Times habe das Unternehmen den Schritt in einem Brief an Premierminister Boris Johnson und Kulturminister Oliver Dowden angekündigt, in dem man (zweifelsohne in der Hoffnung auf weitere finanzielle Unterstützung) ausführte, dass ein rentabler Kinobetrieb unter den aktuellen Umständen schlicht nicht möglich sei. Angemerkt sei, dass die dortigen Kinos mit erheblich weniger restriktiven Abstandsregelungen arbeiten können, als dies in den meisten deutschen Bundesländern der Fall ist. Allerdings stehen in Großbritannien Verschärfungen der Maßnahmen im Raum, nachdem die Zahl der Neuinfektionen dort zuletzt wieder massiv angestiegen war; erst am vergangenen Freitag hatte die Bundesregierung Schottland und Teile Englands (sowie übrigens auch weite Teile der Niederlande) zu Risikogebieten erklärt. Ohnehin gilt in England seit Anfang August eine Maskenpflicht auch im Kinosaal, wobei der Verzehr am Platz gestattet ist.

Einem Bericht von Variety zufolge soll sich die Entscheidung, erst einmal wieder das Handtuch zu werfen, auch auf die Kinos der von Cineworld 2017 für rund 3,6 Milliarden Dollar übernommenen Nummer 2 des US-Marktes, Regal, erstrecken. Deadline wiederum konnte diese Information nach eigenen Angaben bislang nicht verifizieren, hält sie aber offensichtlich für plausibel genug, um sie auch in die Headline aufzunehmen. Ohnehin wäre die Entscheidung naheliegend, konnte sich der US-Kinomarkt seit der ersten Wiedereröffnungen doch kaum mit positiven Schlagzeilen hervortun - eher im Gegenteil.

Bei der Vorstellung seiner Halbjahresbilanz (wir berichteten) hatte Cineworld bereits darauf verwiesen, dass eine Situation, wie sie jetzt eingetreten ist, "wahrscheinlich die Notwendigkeit schaffen" würde, sich zusätzliche Liquidität zu verschaffen. Tatsächlich waren schon zum Zeitpunkt der Veröffentlichung der Bilanz einige der darin als Hoffnungsträger für 2020 benannten Filme (darunter Black Widow") bereits wieder verschoben worden. Eigenen Angaben nach sah sich Cineworld "operativ für sämtliche Eventualitäten gut vorbereitet" - wozu nicht zuletzt zählte, Verhandlungen mit den Banken auch auf Basis eines "ernsten aber plausiblen" Modellszenarios zu einer zweiten Covid-Welle in 2021 zu führen. Dieses Modell sieht demnach eine im Januar beginnende fünfmonatige Schließung wichtiger US-Märkte (die für 45 Prozent des Besucheraufkommens eines normalen Jahres stünden), der Hälfte der britischen Standorte und eines kompletten weiteren Marktes vor.

Eine (anhaltende) Schließung insbesondere der Regal-Kinos in den USA würde das Umfeld für den Start neuer Filme selbstverständlich alles andere als verbessern und könnte im schlimmsten Fall zu einem Dominoeffekt führen. Die aus Sicht der Verbraucher ohnehin nicht ausreichend klare Lage hinsichtlich der Wiedereröffnung von Kinos würde sich mit diesem Rückzug ebenfalls nicht verbessern. Unklar ist aktuell auch, für welchen Zeitraum die erneute Schließung angestrebt ist. Während Variety unter Berufung auf unbestimmte Quellen spekuliert, dass eine Wiedereröffnung erst 2021 erfolgen könnte, darf man doch bezweifeln, dass sich Cineworld das Weihnachtsgeschäft komplett entgehen lassen würde - so es denn zumindest in ähnlicher Form wie aktuell geplant tatsächlich stattfindet. Zweifel hinsichtlich der aktuellen Terminierungen werden mit einer unsicheren Lage bei der zweitgrößten US-Kette jedenfalls nicht kleiner.

Anmerken muss man in diesem Kontext noch, dass sich Cineworld wie kaum eine andere Kette gegen eine Flexibilisierung der Auswertung stemmt. CEO Mooky Greidinger hatte seine diesbezügliche Haltung während der Pandemie mehrfach klar gemacht, zuletzt bei Vorstellung der Halbjahresbilanz: "Die aktuellen Geschäftsverläufe machen unter den gegebenen Umständen Mut und unterstreichen unsere Überzeugung, dass es weiterhin einen erheblichen Unterschied macht, ob man einen Film nun im Kino (...) oder zuhause sieht. Dazu gehört, dass unsere Politik hinsichtlich der Auswertungsfenster, die einen wesentlichen Teil unseres Geschäftsmodells darstellt, unverändert bleibt und wir auch weiterhin nur Filme zeigen werden, die dieses Fenster einhalten", hieß es dort.

US-Brancheninsidern zufolge sollen mehrere Studios (nicht nur Universal, die einen von Cineworld deutlich kritisierten Deal mit AMC geschlossen hatten) auf Cineworld und andere Ketten zugegangen sein, um Filmstarts unter anderen als den üblichen Bedingungen (sprich: mit erheblich verkürzten Fenstern) zu ermöglichen, seien dabei aber erfolglos geblieben. Bereits vor Monaten hatten Analysten ausgeführt, dass eine Versorgung wiedereröffneter Kinos mit hochkarätigem Programm davon abhängen könne, abweichende Modelle in Märkten zu fahren, in denen Kinos geschlossen bleiben müssen oder nur mit massiven Restriktionen arbeiten können.

Warner hatte mit "Tenet" den ersten weltweiten Blockbuster-Release in Corona-Zeiten gewagt und war dafür in zahlreichen Märkten mit guten Zahlen (und dem Dank der Branche) belohnt worden - leider aber nicht in den USA, wo vor allem die wichtigsten Standorte nicht wie erhofft geöffnet werden konnten. Auf den Heimatmarkt (inklusive Kanada) entfielen bislang nur etwa 15 Prozent des weltweiten Boxoffice für "Tenet", erfolgreichster internationaler Markt nach China war für den Film das Vereinigte Königreich.