Produktion

Josef Aichholzer: "Eine Lose-Lose-Situation"

Auch nach Abschluss der hochgelobten Krimireihe "Spuren des Bösen" hat Produzent Josef Aichholzer alle Hände voll zu tun. Obwohl er seine neuen Filmprojekte durch die Coronazeit brachte, sei die Branche von einer Entspannung der Lage noch weit entfernt.

02.10.2020 10:48 • von Barbara Schuster
Josef Aichholzer steckt hinter "Spuren des Bösen" und hat gerade "Broll - Für immer tot" abgedreht (Bild: Aichholzer Filmproduktion)

Auch nach Abschluss der hochgelobten Krimireihe "Spuren des Bösen" hat Produzent Josef Aichholzer alle Hände voll zu tun. Obwohl er seine neuen Filmprojekte durch die Coronazeit brachte, sei die Branche von einer Entspannung der Lage noch weit entfernt.

Josef Aichholzer zählt zu den meist respektierten Filmproduzenten Österreichs, mit dem größten Erfahrungsschatz auf dem Buckel und einem Oscar in der Tasche. Ein alter Hase im Geschäft, wenn man so will. Seine Ursprünge liegen im Dokumentarfilmbereich, inszenierte gemeinsam mit Ruth Beckermann, mit der - und Franz Grafl - er auch den renommierten Filmverleih Filmladen aus der Taufe hob. Auch Drehbuchautor war er und Kinobetreiber mit dem mittlerweile vom Filmladen betriebenen Votivkino im Wiener Studentenviertel. Zudem ist er einer der Gründerväter der Österreichischen Filmakademie. Ab Ende der Neunziger richtete Aichholzer sein Augenmerk voll und ganz auf die Filmproduktion. Seither liefert er mit Aichholzer Filmproduktion, ansässig in einem Altbau im historischen 4. Wiener Bezirk gleich in Nähe des Naschmarkts, Content für Film und Fernsehen.

Das Jahr 2020 markiert auch für ihn eine Zäsur. Wie alle anderen Kollegen sah er sich aufgrund der Corona-Pandemie mit einer nie dagewesenen Situation konfrontiert. Drehverschiebungen und das Jonglieren von vier Filmen in der Postproduktion galt es zu meistern. Das hat Aichholzer auch geschafft. Sehr froh ist er, dass Teil neun von "Spuren des Bösen" mit Untertitel "Schuld" rechtzeitig abgeschlossen und abgenommen werden konnte. Die TV-Reihe für ORF und ZDF mit Heino Ferch in der Hauptrolle als Kriminalpsychologe kann getrost als Juwel in Aichholzers Filmschatzkiste bezeichnet werden. Der Erfolgslauf, der 2011 begann und seither jährlich fortgesetzt wurde, reißt nicht ab. Es gibt wenige deutsch- sprachige Fernsehkrimis, die so hochgelobt werden, die nicht nur mit eindrucks- vollen Quoten, sondern auch mit positiven Besprechungen, positivem Zuschauerfeedback und immer wieder Preisen glänzen können. Langjährige Partnerschaften mit den Besten der Besten der österreichischen Filmbranche gehören zu Aichholzers Stil: An erster Stelle sind hier Martin Ambrosch und Andreas Prochaska zu nennen, die "Masterminds" hinter "Spuren des Bösen" (Bücher & Regie), die mit Teil neun nun zu ihrem krönen- den Finale kommt. Die Ausstrahlung ist für den Spätherbst geplant. "Ein genauer Termin steht noch nicht fest. Für den Teil davor, 'Sehnsucht', habe ich - interessanterweise während der Coronakrise - die Romy in der Kategorie bester TV-Film gewonnen. Insgesamt meine dritte für diese Reihe. Darauf bin ich sehr stolz", erzählt Aichholzer.

Aber auch Wolfgang Murnberger, Stefan Ruzowitzky - für dessen "Die Fälscher" gewann Aichholzer 2007 den Oscar als bester nicht-englischsprachiger Film - oder Harald Sicheritz gehören zu Aichholzers kreativen Kollaborateuren. Mit Sicheritz feierte Aichholzer unlängst Drehschluss für den Auftakt zu einer potenziellen neuen Krimireihe für die bewährte Sender-Kombi ORF/ZDF: Die Arbeiten an "Broll - Für immer tot" mit Jürgen Vogel und Laurence Rupp in den Hauptrollen mussten Corona-bedingt vom Frühjahr in den Sommer geschoben werden. Glücklicherweise sei nun alles über die Bühne gegangen, die letzte Klappe gefallen, so Aichholzer. Obwohl sich beide Senderpartner und Aichholzer darüber verständigt hatten, Spuren des Bösen zu einem Ende zu bringen, sei auf Senderseite der Wunsch nach einer Fortsetzung dieser fruchtbaren Zusammenarbeit dagewesen, ebenso auf hohem Niveau was Stoff, Stab und Cast betrifft. Der Pilot, der nun abgedreht wurde, basiert auf einem Krimi von Bernhard Aichners erfolgreicher "Broll"-Reihe. "Bernhard Aichner ist ein Star-Krimischreiber im deutschsprachigen Raum. Stoff für weitere Teile wäre genügend da", so Aichholzer, der sich die Rechte an allen Büchern gesichert hat. Das für diese "hochwertige Produktion" dementsprechend hohe Budget sei in dem Moment, als Corona dazwischenfunkte, durch die beim Dreh anfallenden Mehrkosten zur Einhaltung aller vorgeschriebener Sicherheits- und Hygienemaßnahmen weiter gestiegen. "Der ORF hat sich sehr seriös mit seinem Anteil beteiligt sowie sogar die Anteile der Förderungen partiell mitgetragen", unterstreicht Aichholzer. "Wovon sollte der Produzent diese Mehrkosten tragen? Es ist ja eh schon fast nichts da. Es ist eine Frage der Zeit, wie lange man in dieser Situation durchhält."

Während des Lockdowns hatte Aichholzer nicht nur mit der Drehverschiebung von "Broll" alle Hände voll zu tun. In der Postproduktion befand sich der Low-Budget-Dokumentarfilm "Austria2Australia" über zwei junge Männer, die von Österreich mit dem Radl nach Australien fahren und der am 9. Oktober in den österreichischen Kinos anläuft. Überdies galt es, die Komödie "Hals über Kopf" von Andreas Schmied fertigzustellen. "Andreas Schmied lieferte letztes Jahr mit 'Love Machine' den erfolgreichsten österreichischen Kinofilm. Die Zusammenarbeit mit ihm bahnte sich vor drei, vier Jahren an, als wir nach gemeinsamen Projekten suchten. Verständigt haben wir uns auf einen Kino- und ein TV-Stoff. Dieser Kinostoff ist Hals über Kopf, den wir im Sommer 2019 gedreht und im Frühjahr postproduziert haben. Durch Corona kam hier einiges ins Stottern, aber glücklicherweise ist er nun fertig. Der vorgesehene Kinostart wäre im September gewesen. Wäre, wohlgemerkt..." Unter den gegebenen Bedingungen mit der beschränkten Auslastung der Kinos können und wollen Aichholzer und Verleihpartner Filmladen den für das ganz breite Publikum angelegten Film nicht starten. "Bei einem Film wie 'Austria2Australia' macht das Sinn. Bei 'Hals über Kopf' nicht. Die Komödie wäre das Highlight im diesjährigen Line-up von Filmladen gewesen. Wir sehen auf alle Fälle das Potenzial von über 100.000 Besuchern. Unter den jetzigen Umständen wäre das eine Vergeudung von Ressourcen. Der Start erfolgt nun erst 2021", so Aichholzer. "Hals über Kopf" beschreibt er als Gangster-Märchen, bei dem ein Kleinganove auf die Tochter eines korrupten Bankiers trifft und schließlich gemeinsame Sache mit ihr macht, indem sie ihre Entführung vortäuschen, um ihren Vater ans Messer zu lie- fern. "Der Film hat einen Touch von Simon Verhoevens 'Nightlife'", so Aichholzer. Zum Cast gehören Kino-Newcomer Otto Jaus, Miriam Fussenegger sowie August Zirner.

Zu guter Letzt blieb Josef Aichholzer nicht erspart, auch noch seinen bis dato aufwändigsten Film seiner Produzentenlaufbahn im Corona-Jahr 2020 fertigzustellen: Österreichs ersten Animationsfilm, "Rotzbub". Der Film basiert auf den berühmten Zeichnungen von Manfred Deix, dem bekannten österreichischen Karikaturisten und Cartoonisten, der aber auch international ein Star war. "Von acht Millionen Österreichern kennen ihn acht Millionen", so Aichholzer. "Sogar Billy Wilder war ein Fan von ihm. Leider ist Deix vor vier Jahren verstorben. Mit dem Münchner Produzentenkollegen Ernst Geyer vom Filmbüro Münchner Freiheit bin ich vor etlichen Jahren noch zu ihm gepilgert, um ihn zu diesem Projekt zu bewegen. Wir haben an diesem Film viele Jahre gearbeitet. Ich musste, da es der erste Animationsfilm Österreichs für die große Leinwand ist, erst einmal die passende Struktur aufbauen." Regie führten Marcus H Rosenmüller und Santiago Lopez Jover. Einem großen Branchenpublikum wurde "Rotzbub", der in Deutschland von Pandora verliehen wird, jüngst im Rahmen der Filmkunstmesse Leipzig präsentiert. "Mit dem Verleih in Österreich haben wir einen Start zu Weihnachten angepeilt. Aber durch die Verzögerung in der Postproduktion haben wir nicht mehr wirklich eine langfristige Perspektive fürs Marketing. Im September haben wir hierzu eine Crowdfunding-Kampagne (www.start- next.com/DHS) gestartet, weil wir viel mehr brauchen als wir haben. Ob wir dann den Start zu Weihnachten halten können, wird sich zeigen."

Die Frage, wie sehr Aichholzer Film von Corona gebeutelt wurde, stellt der Produzent in einen größeren Kontext: "Es gibt viele Diskussionen, ob die Welt heute besser oder schlechter ist. Corona hat in allen Nationen die Ärmsten am meisten getroffen. Die Ärmsten sterben und leiden und unser Leben ist nicht mehr so bequem. Europa ist einer der meistbehüteten Flecken der Erde. Glücklicherweise haben hier viele Länder Regierungen, die klug, wach und zeitgerecht reagiert haben. An Europa verwundert mich dennoch immer wieder, dass die Sachpolitik unter einer sehr narzisstischen Ausprägung leidet." Nach einer ersten Schockstarre im März sei schnell klar gewesen, "dass unsere Situation immer noch eine luxuriöse ist im Vergleich zu anderen Ländern. Ja, wir verlieren zwar auch Geld, ja, wir haben es nicht mehr so bequem. Aber wir sehen doch ringsherum Menschen, die nicht mehr wissen, wie sie ihre Miete zahlen sollen", so Aichholzer. "Die Frage ist jetzt nicht, wie ein Projekt wirtschaftlich zur Substanz beitragen kann, wie man gewisse Gewinne erwirtschaftet. Die Frage momentan ist, um das noch einmal zu unterstreichen: Wie lange hat man Luft, von der Substanz zu leben?"

Gerade bei Kinoproduktionen sei die Eigenmittelsituation noch prekärer. "Die Kinoprojekte, die ich während Corona in der Postproduktion hatte, waren schwieriger fertigzustellen, weil man ja nicht mehr mit mehreren im Studio sitzen konnte. Dadurch ist die Herstellung automatisch teurer geworden." Die Zusatzkosten finanziert der Produzent vorerst mit Eigenmitteln. "Ich glaube, dass es für uns Produzenten in nächster Zeit noch schwieriger werden wird, von der Vermarktung, dem Verkauf der Kinoprojekte zu leben. Es ist ein bisschen so, als müsste man sich zwischen Pest und Cholera entscheiden: Man hat entweder die Möglichkeit, seine Filme jetzt unter Corona-Bedingungen ins Kino zu bringen. Oder man wartet und bringt seine Filme in einem Jahr auf die große Leinwand, in dem sich noch mehr Titel als sonst gegenseitig im Weg stehen werden. Nüchtern betrachtet ist das natürlich keine Win-Win-, sondern eine Lose-Lose-Situation. Wir müssen mit mehr Kosten und weniger Einnahmen rechnen. Bis sich die Branche stabilisiert hat, vergeht noch ein ganzes Weilchen." Dass Corona das Ende des Kinos bedeuten könnte, glaubt Aichholzer indes nicht. "Da muss ich doch nur auf das angekündigte Kinosterben wegen des Aufkommens des Fernsehens in den Fünfzigerjahren verweisen. Die Kraft des Kinos besitzt kein Fernseher. Wenn der Sitznachbar im Kino lacht, lacht man selbst ganz anders, als wenn man allein Zuhause auf dem Sofa lacht. Es bewegt sich nichts. Kino ist ein soziales Phänomen." Keinerlei Diskussion bedarf es hin- gegen, dass Netflix & Co. den Markt verändert haben, sowohl in der Produktion als auch in der Sehgewohnheit. "Es ist kein Geheimnis, dass insbesondere die jüngere Generation Bewegtbild anders konsumiert. Sie wartet nicht, bis die Nachrichten um 20 Uhr beginnen. Zugreifen nach Lust und Laune ist angesagt. In diese Richtung werden wir uns auch fortentwickeln. Das heißt aber nicht, dass das Kino in seiner Substanz zum Museum wird", führt Aichholzer seine Gedanken aus und fährt fort: "Wahrscheinlich wird einigen Unternehmen aus der Film- und Kinowirtschaft, die wenig Rücklagen haben, bald die Luft ausgehen. Andere, die ein dickeres Polster haben und dadurch länger in der Lage sind, ihre Kosten zu decken, werden überleben. Wenn es dann auch denen zu eng wird, muss die öffentliche Hand reagieren damit wir keine Schäden davontragen, die verantwortungslos wären."

Trotz der schwierigen Zeit, die die Branche bewältigen muss, bleibt sich Josef Aichholzer in seinem Verständnis als Produzent treu: "Ich habe eine gewisse Grundhaltung. Mir geht eine gemeinsame Vision bei der Zusammenarbeit über alles. Als Beispiel kann ich dies bei Andreas Prochaska schildern, den ich vor über zehn Jahren kennenlernte und feststellte, dass uns etwas verbindet, nämlich derselbe hohe Anspruch in die Erzählung, was die Ästhetik wie auch die Substanz der Story betrifft." Seine Produktionen folgen keinem gewissen Genre, lassen sich nicht in eine Schublade stecken. "Ich will dem Publikum immer etwas Nachhaltiges bieten, in welchem Genre auch immer. Dieser Ansatz ist automatisch mit einem hohen Qualitätsanspruch verbunden. Ich will nicht epigonenhaft einen Film machen, nur damit die Kasse wieder stimmt. Das kann ich nicht, das bin ich nicht."

Barbara Schuster