Produktion

Dennis Gansel und Christian Becker über fünf Schlüsselszenen in "Jim Knopf und die Wilde 13"

Heute startet mit "Jim Knopf und die Wilde 13" der aufwändigste deutsche Film in diesem Jahr. Exklusiv für Blickpunkt:Film erklären Regisseur Dennis Gansel und Produzent Christian Becker die wichtigsten Szenen ihres Kino-Blockbusters.

01.10.2020 09:02 • von Barbara Schuster
Ahoi: Christian Becker und Dennis Gansel beim Dreh in Südafrika (Bild: Rat Pack / JM Filmproduktion / Warner Bros. & Joe Alblas)

Heute startet mit Jim Knopf und die Wilde 13" der aufwändigste deutsche Film in diesem Jahr. Exklusiv für Blickpunkt:Film erklären Regisseur Dennis Gansel und Produzent Christian Becker die wichtigsten Szenen ihres Kino-Blockbusters.

FAHRT IN DEN STURM

Dennis Gansel:

Als Kind fand ich diese Episode bei der Lektüre des Romans aufregend und toll! Bei der Verfilmung war das Besondere, mit vielen Unwägbarkeiten konfrontiert zu werden. Wir hatten zwar ein Piraten- schiff, das aber nicht im Wasser lag sondern an Land war, zudem wurde viel mit CGI und VFX ergänzt, auch wenn unser Budget niedriger war als bei Teil eins. Deshalb war es von essenzieller Bedeutung, diesmal noch genauer mit Storyboards zu arbeiten. Bis auf wenige Szenen war der komplette Film gestoryboarded. Alle Teile, bei denen VFX eine Rolle spielt, wurden am Set genauso wie im Storyboard festgehalten auch umgesetzt. Es war keine einzige Einstellung darin zu finden, die es nicht wirklich gebraucht hätte. Damit legt man sich als Filmemacher zwar sehr früh fest und an die Leine, aber es macht für die Vorbereitung total Sinn und gibt der Produktion Planungssicherheit. Es macht die Sache für alle einfacher. Ich habe es lieben gelernt.

Früher war ich kein Fan von VFX. Aber bei dieser Szene wurde mir wieder bewusst, wie gut das funktioniert, wenn man es als kreatives Tool, als Werkzeug, bewusst verwendet. Zudem ist man da- bei nicht mehr auf Partner aus dem Ausland angewiesen. In Deutschland ist das technische Know-how so hoch, dass man die perfekten Ansprechpartner in Stuttgart, München und Berlin findet.

Für die Szene haben wir zusammen mit der Berliner VFX-Firma Rise, die auch bei Teil eins schon geholfen hat und tolle Arbeit leistet, versucht, die Fahrt in den Sturm so echt wie möglich aussehen zu lassen, den besten Effekt an Realismus innerhalb dieser Fantasygeschichte herauszukitzeln. Die Herausforderung war, dass unser Jim Knopf Solomon Gordon mittlerweile ein halber Teenager ist und er sich das, was auf ihn zurollte, sehr viel weniger vorstellen konnte als die erfahre- nen deutschen Schauspieler an seiner Seite. Am Set in Südafrika war es mega- heiß, Solomon Gordon wurde mit Wasser bespritzt, um seine Fahrt in den Taifun für das Close up zu erzählen.

Christian Becker:

Da der Anteil an Digitaleffekten sehr umfangreich war, haben wir bei "Jim Knopf und die Wilde 13" erneut mit verschiedenen VFX-Firmen zusammengearbeitet. Neben Rise waren Mackevision, Trixter und Scanline als Partner an Bord, denen jeweils verschiedene Aufgaben zugeteilt wurden: Mackevision war für Dinge wie das Fabelland Mandala zuständig, Rise hat unter anderem die Fahrt in den Sturm gemacht, Scanline zeichnete für Lummerland zuständig und Trixter hat Frau Mahlzahn und Nepomuk gestaltet. Es hat sehr gut geklappt, diese Firmen zusammenzubringen. Der Austausch untereinander war hervorragend. Bereits in der ersten Einstellung, beim ersten Shot in der Drachenvulkanwelt mit dem Schiff, den Piraten und dem Drachen, haben mehrere Firmen gemeinsam Hand angelegt.

Ein Problem ist oft, dass das Herz für den Film lauter schlägt als für das Budget. Wir hatten zwar weniger Geld als bei Jim Knopf & Lukas der Lokomotivführer". Aber gemeinsam mit Warner Bros und unseren tollen Koproduzenten Jänsch & Meyers Filmproduktion hatten wir im- merhin 20 Millionen Euro zur Verfügung - der zweitteuerste deutschsprachige Film überhaupt. Ich finde, dass man dem Film nicht ansieht, dass wir mit weniger Geld hantieren mussten, er wirkt fast auf- wendiger und reicher als der erste Ausflug von Jim & Lukas. Das ist der genauen Planung zu verdanken, die bereits ein Jahr vor Drehstart begann. Hilfreich war auch, dass wir das gleiche Produktionsteam an Bord hatten, die beiden Herstellungsleiter Uli Fauth und Oliver Nommsen und die Producerin Tina Kringer, die die ganze Zeit vor Ort waren in Südafrika.

SEESCHLACHT

Dennis Gansel:

Sicherlich hat man beim Stichwort "Seeschlacht" gleich "Master and Commander" oder Fluch der Karibik" vor Augen. Diese Filme kann man nicht toppen. Das wollten wir auch nicht. Wir sind beim Family-Entertainment, das neben dem Action-Element auch einen komödiantischen Aspekt haben muss. Vorbilder waren für uns eher Bud Spencerund Abenteuerfilme aus unserer Kindheit. Wir sind mit Charme herangegangen und haben trotz-dem versucht, die Abenteueraspekte so groß wie möglich zu machen. Die Schiffe, die wir benutzten, standen in Südafrika bereits am Set. Wir wussten, dass sie das Meer nicht mal im Ansatz sehen würden. Deshalb war es wichtig, die Einstellungen gut zu designen und uns sehr genau zu überlegen, was wir zeigen wollen, wenn wir die Kamera bewegen. Ein "Pirates of the Carribean" kann sich da viel mehr Zeit lassen. Interessant war, dass mich diese Szene gezwungen hat, monatelang im Voraus sehr klar zu werden und viele Entscheidungen schon treffen zu müssen. Aber die genaue Planung hat auch dazu geführt, dass wir dann am Drehtag doch mehr Shots geschafft haben. Diese standen auf einer "nice to have" Liste, die wir an der Videocombo hängen hatten und die wir dann noch abarbeiten konnten. Erst haben wir mit den Kindern gedreht, anschließend ging es weiter mit den Kampfszenen, in denen die Piraten gegen Stuntmänner oder einfach mit der Luft gekämpft haben, da die Kinder das Set schon längst verlassen hatten. Rick Kavanian hat alle seine Kämpfe allein gemacht mit der Kamera. Für mich war es die Erfüllung eines Kindheitstraums: Wer er- hält in Deutschland schon die Gelegenheit, einen Piratenfilm zu drehen?

Christian Becker:

Die alten Schiffe stammen übrigens aus der Starz-Serie Black Sails". Zwei von ihnen standen auf dem Parkplatz der Cape Town Studios herum, die wir dann an unsere Anforderungen anpassen konnten. Die Entscheidung, in die Cape Town Studios zu gehen, hing zum einen an diesen Schiffen, zum anderen an dem Fakt, dass wir viele Wasseraufnahmen für die See-schlachten benötigten, die wir auch in deren Außenbecken drehen konnten. Das Team hatte Riesenlust auf diese Szene. Ob das Kameramann Philip Peschlow war, unser Ausstatter Matthias Müsse oder die VFX-Firmen: Alle haben sich monatelang Gedanken dazu gemacht.

Dennis Gansel:

Wir wussten exakt, was wir wollten. Manchmal wurden wir auch überrascht, weil im Hintergrund plötzlich die von Bruce Lees Aufzeichnungen inspirierte Cinemax-Serie Warrior" gedreht wurde, und wir gar nicht mehr in einem bestimmten Winkel schießen konnten. Da Rotoskopie aufgrund der Kosten nicht in Frage kam, hatte Kameramann Philip Peschlow immer die richtigen Ideen, wie wir die Schlacht super aussehen lassen konnten, ohne das Studio im Hintergrund zu sehen.

NAMENSGEBUNG

Dennis Gansel:

Die Szene gehört mittlerweile zu meinen Lieblingen. Es war zudem eine Superidee von Christian, Rick Kavanian als Die Wilde 13 zu besetzen. Wie Rick das macht, ist wirklich sensationell. Als besonderen Trick hat er für die zwölf Figuren jeweils ein anderes Gebiss benutzt, um zu wissen und zu spüren, welche Figur er gerade verkörpern musste. Wie ein Handschuh, den er sich übergezogen hat. Eine tolle Technik. Auch in dieser Szene wurden wir mit bestimmten Beschränkungen konfrontiert, weil wir uns eine Motion-Control-Kamera nicht leisten konnten, mit der man die Szene beliebig oft mit den exakt selben Bewegungen hätte wiederholen können. Aus dieser Beschränkung erwuchs dann aber die Idee, dass wir immer die entsprechende Figur von Rick spielen ließen, alle anderen aber von Statisten mit Masken über dem Kopf dargestellt werden. Das war von unserem Kameramann Philip wieder so gut geleuchtet und im Schnitt von Ueli Christen auch so toll geschnitten, dass man es nur dann merkt, wenn man wirklich ganz genau hinsieht. Zu dem Gesamteffekt trägt auch die Musik von Ralf Wengenmayr erheblich bei. Ich hätte nicht gedacht, dass mich die Szene so berühren würde, weil ich sie für mich als sehr technisch abgespeichert hatte. Als ich sie dann im Schnitt mit der Musik gesehen habe, war ich baff, wie ergreifend sie geworden ist.

Christian Becker:

Die Höhle haben wir in einer ehemaligen Veranstaltungshalle gebaut, in dem 3 Arts Theatre in Cape Town. Das war einst die größte Konzerthalle dort, in der alle großen Musiker und Bands - lokal wie international - aufgetreten sind. Unser afrikanisches Filmteam hat uns immer erzählt, wie ihre Eltern, Großeltern oder sie als Kinder dort Bands wie Queen, Bruce Springsteen oder die Rolling Stones gesehen haben. Jetzt steht diese Halle leer. Aber man spürt immer noch, was für eine unglaubliche Location das mal war. Das hat mir gefallen. Das Ganze hatte etwas sehr Geschichtsträchtiges. Ich habe stets die interessante Historie dieses Ortes dem Team gegenüber betont. Aber die meisten haben einfach nur eine alte Baracke darin gesehen ;-)

Dennis Gansel:

Einer unserer Setkonstrukteure hat mir erzählt, dass viele Leute damals bei Konzerten aufs Dach der Halle geklettert seien, um sich den Eintritt zu sparen. Bei einem Konzert von Led Zeppelin, dem unser Setkonstrukteur auch beigewohnt war, sei dann tatsächlich ein Mann von oben aufs Schlagzeug gestürzt und habe sich den Arm gebrochen. Und genau dort haben wir unsere Piratenhöhle gebaut.

JIM-UND-LUKAS-GESPRÄCH, WAS PASSIERT, WENN ER LUMMERLAND VERLASSEN WÜRDE

Dennis Gansel:

Als ich Solomon vor Drehbeginn gesehen habe, bin ich schon erschrocken, weil er so groß geworden war. Aber das ist eben der Lauf der Dinge. Wir haben versucht, seinen Look durch Kostüm, Haarschnitt und Make-up etwas kindlicher zu halten. Die Fans des Romans wissen, dass zwischen Teil eins und Teil zwei nur ein Jahr vergeht. Wir behaupten das zwar auch, aber man hat schon das Gefühl, dass ein wenig mehr Zeit vergangen ist. Was uns geholfen hat, war die Tatsache, dass sich Solomon und Henning Baum so gut kannten. Beim ersten Film war Solomon zehn oder elf Jahre alt, er hat ein halbes Jahr mit Henning Baum verbracht, und ich würde schon sagen, dass da eine Freundschaft entstanden ist. Die kann man sich zunutze machen - gerade bei einer sehr gefühlvollen Szene wie dieser hier. Die hatten wir in nur einer Stunde im Kasten. Es ist eine der schönsten Szenen des Films, und sie ging so schnell und leicht von der Hand. Ich habe es sehr genossen, in all diesem Family-Entertainment-Action-Abenteuer-Wahnsinn eben auch klassische Dramaszenen mit Zwischentönen zu haben, in denen es ein bisschen erwachsener zugeht. Das tut dem Film gut, aber auch mir als Regisseur, wenn ich sagen kann: "Ach wie schön, hier spielen nicht die Spezialeffekte die Hauptrolle, sondern zwei tolle Schauspieler." Diesen Mix liebe ich auch an den Abenteuerfilmen von Steven Spielberg, mit denen Christian und ich aufgewachsen sind. Das sind Filme, die ich toll finde. Im Family- Entertainment-Bereich sind sie, außer von "Harry Potter", auch kaum getoppt worden.

Christian Becker:

Am Anfang hatten wir schon Angst, weil Solomon voll in der Pubertät angekommen war. Aber wir haben das toll hingekriegt! Ich denke, für die allermeisten Zuschauer, die da nicht so genau hinsehen und sich auch nicht mehr ganz exakt an Teil eins erinnern, sind zur jetzigen Geschichte einfach nur ein bis zwei Jahre vergangen. Er wirkt immer noch erstaunlich niedlich im Film.

Dennis Gansel:

Dass Teil zwei gemacht wurde, war keine Selbstverständlichkeit. Aber Christian stand voll dahinter und hatte den Mut. "Entweder machen wir das jetzt oder wir machen das niemals. Solomon wird sonst zu alt!", hat er gesagt und uns in die Vorbereitung geschickt, obwohl die Finanzierung zu diesem Zeitpunkt überhaupt noch nicht stand! Davor ziehe ich wirklich meinen Hut - das machen nur wenige Produzenten!

Christian Becker:

Auch mit Henning Baum war es wieder toll. Er ist so unglaublich, vor dem Drehtag, nach dem Drehtag, was er alles absolviert hat. Er ging Surfen und machte pro Tag zwischendurch immer mindestens 200 Liegestütze, um sich fit zu halten. Dann gab es seine Instagram-Videos, in denen er riesige Reifen durch die Gegend zog. Henning Baum ist ein Tier. Da kann man Willi Geike gar nicht genug gratulieren, der die Idee gehabt hatte, Henning Baum in der Rolle des Lukas zu besetzen. Ich muss auch unbedingt betonen, dass der Film ohne Warner Bros. und ohne Willi Geike nie zustande gekommen wäre. Als es auf der Zielgeraden noch mal richtig eng aussah, konnten wir aufatmen, als wir mit Jänsch & Meyers Filmproduktion (Peter Jänsch & Olaf Meyers) aus meiner Heimat NRW einen weiteren Koproduktionspartner gewinnen konnten, der von der Geschichte begeistert war. Nur mit deren Unterstützung gelang es uns, den Film zu realisieren.

LAGERFEUERSZENE

Dennis Gansel:

Die Szene gefällt mir erst einmal vom dramaturgischen Aufbau her als die klassische Lagerfeuerszene inmitten der Heldenreise. Das Besondere daran ist, dass beim Dreh eine Hauptfigur, unser animierter Nepomuk, gar nicht da war und die beiden anderen Hauptdarsteller nur einen Tennisball zum Anspielen hatten. Interessant ist die Szene, weil sie humor- voll ist, aber auch zwischenmenschliche Aspekte aufweist. Es ist die unverkennbare humanistische Mischung, die man häufig bei Michael Ende findet. Ich liebe die Konzentriertheit, die wir bei dieser Szene hatten. Es herrschte die schönste Stimmung, die ich bei einem Nachtdreh je erleben durfte. Gleichzeitig versucht man beim Dreh zu antizipieren, wie sich Nepomuk wohl verhalten wird. Wenn man Bully Herbig, der Nepomuk spricht, gut kennt, hat man im Vorfeld bereits Ideen, wie er was sprechen könnte, wie Nepomuk hier schauen könnte etc. Man dreht mehrere Varianten, schneidet sie und legt sie Bully vor. Daraus zieht er wiederum viel Inspiration, wie er Nepomuk mit seiner Stimme zu Leben erwecken könnte. Daran orientiert sich wiederum Trixter. Es ist ein unglaublich technischer Prozess, aber gleichzeitig sehr reichhaltig. Die VFX-Arbeit ist hier meiner Meinung nach auch extrem gut gelungen.

Christian Becker:

Ich finde beeindruckend, dass unsere Wüste, in die wir nun schon zweimal unsere Oase gebaut haben, in Realität eine einfache Sanddüne am Strand ist. Resident Evil" mit Milla Jovovich wurde dort auch schon gedreht! In Sichtweite befindet sich ein Atomkraftwerk. Eigentlich ist der Ort also wenig idyllisch. Man kann nur einen kleinen Ausschnitt benutzen. Aber das Tolle an Südafrika und in unserem Fall Kapstadt ist eben die große Vielfalt an Motiven auf engstem Raum, die zur Verfügung steht - steinige Berge, exotische Wälder, ausgetrocknete Steppe, Wüste oder das Meer mit seinen Klippen.