Kino

KOMMENTAR: Lernen von den Neuen

Wem es nicht gut geht, der hat Grund zu Klagen. Nun haben wir gelernt, mit der anhaltenden Corona-Pandemie zumindest zu leben.

01.10.2020 07:40 • von Jochen Müller
Thomas Schultze, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Wem es nicht gut geht, der hat Grund zu Klagen. Nun haben wir gelernt, mit der anhaltenden Corona-Pandemie zumindest zu leben. Auch weil wir längst wissen, dass, anders als Mitte März aus bloßer Naivität gehofft, nach drei Monaten oder gar nunmehr sechseinhalb Monaten nicht wieder alles so ist, wie es einmal war, vor dem Virus. Es hat nicht gereicht, einfach einmal lang die Luft anzuhalten, und wenn man dann wieder ausatmen darf, ist alles wie vorher. Wir befinden uns weiter mitten in der Krise, ein Ende ist nicht in Sicht.

Und ja, wenn es in den Kinos so weitergeht wie zuletzt, dann kann es für viele eng werden. Weil Tenet und After Truth zwar gezeigt haben, dass man auch unter den alles andere als optimalen Umständen Filme erfolgreich auswerten kann.

Zwei Überflieger in dreieinhalb Monaten reichen aber nicht aus: Die wiedereröffneten Kinos zappeln am ausgestreckten Arm, weil die Unterstützung der Hollywoodstudios fehlt: Jede neue Startverschiebung großer Hollywoodware ist ein weiterer Tiefschlag.

Das Klagen der Kinos hat guten Grund. Es ist wichtig, weiter Druck zu machen bei der Politik. Genauso wichtig ist es aber, die Tonalität zu ändern: In der Öffentlichkeit als Opfer wahrgenommen zu werden, ist nie gut. In der aktuellen Situation ist es tödlich. Die Message muss positiv werden. Die Menschen sollen nicht aus Mitleid für einen kränkelnden Patienten wieder in die Kinos kommen.

Sie sollen in die Kinos gehen, weil sie sichere Orte sind, an denen man einen Film so erleben kann, wie er von den Machern konzipiert wurde. Über Netflix redet die Welt, weil der Streamer es versteht, sich im Gespräch zu halten. Netflix macht Lust. Jeder noch so mediokre Actionfilm mit Starbeteiligung, der womöglich aus gutem Grund nicht fürs Kino gemacht wurde, wird als Event präsentiert - und auch so rezipiert. Jetzt ist die Zeit, auf die Streamer zu blicken und von ihnen zu lernen. Was gefällt den Menschen an Netflix, was lässt sich davon auf die Kino-Experience übertragen? Wie kann man das Erlebnis für die Kunden gerade während Corona verbessern?

Jugendliche gaben in einem "Nostradamus Report" vor zwei Jahren zu Protokoll, dass sie es zwar lieben, im Kinosaal zu sitzen und dort einen Film zu sehen, aber alles andere hassen, die Ankunft und das Verlassen des Kinos. Was also lässt sich tun, das Erlebnis Kino zu verbessern? Sicher, man kann auch jetzt noch einmal versuchen, kräftig die Luft anzuhalten und zu hoffen, dass alles von alleine wieder prima wird. Es ist besser, in die Offensive zu gehen. Mit Jim Knopf und die Wilde 13" startet jetzt wieder ein Blockbuster, aus heimischer Produktionen, für das Familienpublikum. Ein guter Zeitpunkt, gleich umzusetzen, was man von den Neuen lernen kann.

Thomas Schultze, Chefredakteur