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Manuel Meimberg: "Vollquarantäne war die einzige Möglichkeit"

Am morgigen 1. Oktober startet die Serie "Sunny - Wer bist Du wirklich?" zeitgleich auf TV Now und bei RTL. Blickpunkt:Film sprach mit Showrunner Manuel Meimberg von der UFA über die Hintergründe des Formats, dessen Hauptfigur aus der Daily "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" stammt.

30.09.2020 14:46 • von Frank Heine

Am morgigen 1. Oktober startet die Serie "Sunny - Wer bist Du wirklich?" zeitgleich auf TV Now und bei RTL. Blickpunkt:Film sprach mit Showrunner Manuel Meimberg von der UFA über die Hintergründe des Formats, dessen Hauptfigur aus der Daily "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" stammt.

Wie kam es zu "Sunny"? Eine neue Serie um eine Figur aus "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" zu erschaffen, ist das eine Idee, die schon länger bei der UFA oder bei RTL schwelte?

Manuel Meimberg: Am Anfang stand tatsächlich die strategische Idee, eine Figur aus der vielleicht erfolgreichsten Marke von RTL herauszulösen und damit auf eine bereits bestehende große Fanbase zurückzugreifen. Gleichzeitig laden wir durch diese Figur und durch die Plattform TV Now die Marke "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" noch einmal neu auf. Das war der strategische Gedanke, bevor es um irgendwelche Inhalte ging.

TV Now spielt also eine entscheidende Rolle, oder wäre "Sunny" auch allein fürs lineare Fernsehen zustande gekommen?

Manuel Meimberg: Nein. Da würde "Sunny" auch nicht hinpassen. Diese Idee, dass die ersten beiden Folgen jetzt auch auf RTL laufen, kam erst später auf. Der erste Gedanke war: Wie schaffen wir es für TV Now eine ganz neue Serie aus dem Boden zu stampfen, ohne bei Null anfangen zu müssen.

Wie viel "GZSZ" steckt letztlich in "Sunny" drin?

Manuel Meimberg: Es steckt die Figur Sunny drin, aber das war es. Das war mir aber auch von Anfang an sehr wichtig. Ich wollte keine neue Serie für TV Now machen und gleichzeitig Erzählstränge von "GZSZ" übernehmen.

Wahrscheinlich ist dafür auch die beste Voraussetzung, dass Sie nicht aus dem "GZSZ"-Kosmos kommen und den Blick von außen haben?

Manuel Meimberg: Genau. Ich habe zwar einen Serien-Background und habe in meinen Anfängen Bücher für tägliche Serien geschrieben, aber für "Gute Zeiten, schlechte Zeiten" habe ich nie gearbeitet.

Mussten Sie sich, um die Figur Sunny kennenzulernen, nicht trotzdem "GZSZ" aneignen?

Manuel Meimberg: Natürlich habe ich das gemacht. Um die Figur Sunny erzählen zu können, musste ich wissen, was sie erlebt hat. Es gibt bei "GZSZ" zu jeder Szene jeder Folge einen Oneliner, und ich habe eine Zusammenstellung aller Oneliner von Szenen, in denen Sunny vorkam, bekommen. Nach zwei, drei Stunden Lektüre - quasi ein Text-Binging - kannte ich jedes Trauma von Sunny und jeden Plotpoint ihres Lebens.

Zu sehen gibt es im Vorfeld leider noch nichts von "Sunny", aber Sie beschreiben es als "Genre-Mix aus Guilty Pleasure, Mystery und Young Adult". Können Sie etwas konkreter werden?

Manuel Meimberg: Young Adult ist in diesem Kontext schon sehr wichtig. Es geht um eine Lebenswelt von Anfang-Zwanzigjährigen, die aus reichem Hause kommen. Alles Schüler einer Fotografie-Masterclass, aber zwischendurch haben sie viel Freizeit, die sie füllen müssen. Etwa indem sie mit Papas Kreditkarte in der Tasche koksend in der Stretch-Limo durch München tingeln und viele Adrenalin-Geschichten erleben. In diese Rich-Kids-Welt tauchen wir zusammen mit Sunny ein, für die das alles ziemlich krass ist. Sie steht dann recht schnell vor der Entscheidung, ob sie das mitmachen will oder nicht. Der Untertitel der Serie lautet ja "Wer bist du wirklich". Das trifft natürlich auf Sunny zu und ist gleichzeitig die Prämisse der Serie. Wir erzählen Geschichten über Identität. Mit einem sehr diversen Cast. Das machen wir aber nicht die ganze Zeit zum Thema, auch das ist für mich diverses Erzählen - eine Abbildung der Lebenswirklichkeit, ohne es die ganze Zeit zu thematisieren. Hier hat das Deutsche Fernsehen noch viel zu lernen. Mit "Sunny" will ich einen kleinen Beitrag dazu leisten. All das macht "Sunny" zu einer Streaming-Serie, weil wir im Laufe der 20 Folgen nicht an der Oberfläche bleiben und sehr tief in die Figuren einsteigen.

Dass sich die Serie an Young Adults richten soll, lässt sich vermutlich auch am Cast festmachen. Als nicht mehr so junger Adult kennt man gerade mal Valentina Pahde und Wilson Gonzalez Ochsenknecht.

Manuel Meimberg: Das ist absolut gewollt und liegt nicht am Alter der Schauspieler. Ich wollte keine "names" und habe gezielt nach Leuten gesucht, die man nicht kennt. Das ist auch Teil der Strategie. Mit Valentina haben wir jemanden, der viel Aufmerksamkeit mitbringt, beim Rest des Casts kann man sich trauen, neue Namen zu entdecken. Ich bin mir sicher, dass einige aus unserem Cast nach "Sunny" viele weitere Anfragen bekommen werden.

Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen, aber wie bekommt man es als Fortysomething hin, die Sprache der Young Adults zu sprechen, den richtigen Ton zu treffen?

Manuel Meimberg: Berechtigte Frage. Zum einen interessiere ich mich beruflich schon immer für diese Themen- und Alltagswelten. Ich habe ja auch "Familie Braun" gemacht und hatte in diesem Kontext sehr viel mit der Welt der YouTuber zu tun. Mir ist also vieles vertraut, und ich behaupte auch zu wissen, wie die Zuschauer ticken, die wir im Visier haben. Und dann kommt hinzu, dass ich mit unseren Schauspielern drei Monate lang zusammengelebt habe - unter Quarantänebedingungen, um die Sicherheitsanforderungen zu erfüllen. Dadurch kam es zu vielen Gesprächen, denn die Schauspieler haben ja auch eine klare Haltung zu den Themen, um die es geht. Vieles davon ist noch in die Drehbücher eingeflossen, auch noch während des Drehs. Ich bin kein Autor, der das Geschriebene als in Stein gemeißelt erachtet. Im Gegenteil: Das Drehbuch ist für mich dann fertig, wenn wir im Schneideraum den letzten Schnitt machen.

Wie sehr mussten Sie durch den Dreh mitten in der Corona-Zeit von Ihrem ursprünglichen Konzept abrücken?

Manuel Meimberg: Corona kam, als wir mitten im Castingprozess waren. Alles war schon durchgeplant. Als dann die Richtlinien der Berufsgenossenschaft und produktionsspezifische Hygienekonzepte vorlagen, war klar, dass ich die Serie, wie ich sie im Kopf hatte, nicht drehen konnte. 1,5 Meter Abstand zwischen den Schauspielern war unvorstellbar. Um die sexy, relevante, moderne Serie hinzubekommen, wie ich sie mir vorstellte, mussten sich die Schauspieler vor der Kamera auch nahe kommen dürfen. Eine Verschiebung der Dreharbeiten wollte jedoch keiner. Die einzige Möglichkeit, die blieb, war eine Vollquarantäne mit den Schauspielern. Und unglaublicherweise hat jeder einzelne Schauspieler sich dazu bereit erklärt, während der dreimonatigen Drehzeit mit allen anderen aus dem Hauptcast und mir unter Quarantänebedingungen in einer Villa zusammenzuleben. Letztlich habe ich das als Riesenchance begriffen, und das war es auch. Wir haben uns die absurde Situation zum Vorteil gemacht. Und während meine großartige Producerin Vanessa Richter die Produktion im Hintergrund am Laufen gehalten hat, wurde die Quarantäne-Villa zum kreativen Mittelpunkt der Serie.

Wie lässt sich die "glitzernde Münchner VIP-Welt" mit ihren "ausschweifenden Partys" unter Corona-Bedingungen herstellen?

Manuel Meimberg: Wir haben das inhaltlich aufgegriffen. Die große Party, die in Folge 5 alles verändern wird, eine Clubszene mit 150 Komparsen, wurde zu einer Maskenparty - was auch wunderbar zu dieser Prämisse "Wer bist Du wirklich?" passte. Unsere Komparsen hatten dann glitzernde Gesichtsmasken auf, die optisch viel hergaben, aber auch die Schutzmaßnahmen erfüllten. Probleme sind Herausforderungen, die ich gerade produktionell als Chance zu verstehen versuche. Unterm Strich lässt sich sagen: wenn ich mit den Schauspielern nicht drei Monate lang zusammengelebt hätte, wäre die Serie eine andere geworden.

Wie viel teurer wurde "Sunny" durch die Sicherheitsmaßnahmen?

Manuel Meimberg: Natürlich kostet das Drehen durch Corona etwas mehr. Aber Zahlen nenne ich ungern. Ich finde es auch zweitrangig. Wir haben es hinbekommen, ohne dass das Budget explodiert ist.

Wie stark war dabei die Unterstützung der RTL-Gruppe?

Manuel Meimberg: Wir sitzen alle im selben Boot, wir wollten alle dasselbe: eine großartige Serie. Die Zusammenarbeit mit RTL und TV Now war wirklich richtig gut, sehr angenehm und professionell. Alle haben sich geholfen. Ich hätte es mir nicht besser wünschen können.

Nochmal zur Ausstrahlung: Kann man sagen, es ist alles auf den großen Aufschlag bei TV Now ausgelegt und das lineare Fernsehen dient als zusätzlicher Köder?

Manuel Meimberg: Natürlich. Das ist alles Strategie. TV Now nennt sich selbst ja auch "Der Main-Streamer". Einerseits will man als Streamingdienst nischiger sein als der Sender, gleichzeitig aber nicht so nischig, wie sich das vielleicht Amazon Prime oder Netflix herausnehmen. Diese Zwischenwelt zu bedienen, war eine Herausforderung, die Spaß gemacht hat. Immer wieder auszuloten, wie nischig können oder dürfen wir sein und wie mainstreamig müssen wir trotzdem bleiben. Ich bin sehr gespannt, was passiert, aber eigentlich bin ich mir sicher, dass das Publikum "Sunny" lieben wird.

Wie soll es mit "Sunny" weiter gehen? ist es auf eine Fortsetzung angelegt?

Manuel Meimberg: Die Möglichkeit einer Fortsetzung gibt es immer. Ich habe mal den Satz gesagt: Keine Geschichte ist jemals vorbei. Momentan liegt der Fokus auf der ersten Staffel. Jetzt geht es darum, dass "Sunny" gut läuft. Darüber, ob es dann weiter geht oder nicht, wird man mittelfristig nachdenken.

Wie sehr muss man dabei aufpassen, dass sich die Figur Sunny nicht zu sehr verselbständigt und nach wie vor in das große Ganze, also die "GZSZ"-Welt, passt?

Manuel Meimberg: Das war eine der allerersten Fragen, die ich gestellt habe, als das Thema aufkam. Natürlich ist der Plan, dass Sunny zu "GZSZ" zurückkehrt. Auch das ist eine spannende Herausforderung. Denn natürlich wird sich die Figur im Verlauf der 20 Folgen verändern und viel erlebt haben. Aber das ist ja etwas Gutes. Die "GZSZ"-Verantwortlichen bekommen ihre Figur neu aufgeladen zurück, wie ich das immer nenne. Aus den Erfahrungen, die die Figur bei uns gemacht hat, können die Kollegen jetzt schöpfen. Inzwischen finde ich das strategisch schlau, das sollte man öfter machen.

Wie geht es für Sie jenseits von "Sunny" weiter?

Manuel Meimberg: Ich bin als Showrunner und Produzent bei der UFA fest angestellt. Es stehen einige spannende Dinge für mich an, aber die sind alle einen Schritt zu früh, um jetzt schon konkreter werden zu können. Nur so viel: Es ist etwas komplett Neues, sehr Großes in der Planung.

Sie waren auch für die sehr sehenswerte ZDF-Neo-Serie "Tempel" verantwortlich, der leider kein Quotenerfolg beschieden war. Die Serie endete völlig offen. Ist es vorstellbar, dass "Tempel" irgendwann doch noch fortgeführt wird - womöglich in einer anderen Konstellation?

Manuel Meimberg: Es gibt so Sachen, von denen man denkt, sie seien vom Tisch und dann ploppen sie doch wieder auf. Momentan ist es für mich kein Thema. Das ist sehr schade, denn ich fand die Serie super. Aber wer weiß,,,

Das Interview führte Frank Heine