Produktion

André Erkau zu "Gott, du kannst ein Arsch sein": "Dieser Film muss raus!"

Nach drei Arbeiten in Folge fürs Fernsehen kehrt André Erkau mit der UFA-Fiction-Produktion "Gott, du kannst ein Arsch sein" ins Kino zurück. Der Regisseur freut sich riesig darauf: Morgen geht das Roadmovie im Verleih von Leonine an den Start.

30.09.2020 10:39 • von Thomas Schultze
André Erkau ist begeistert von seinem hochkarätigen Cast (Bild: Leonine)

Nach drei Arbeiten in Folge fürs Fernsehen kehrt André Erkau mit der UFA-Fiction-Produktion "Gott, du kannst ein Arsch sein!" ins Kino zurück. Der Regisseur freut sich riesig darauf: Morgen geht das Roadmovie im Verleih von Leonine an den Start.

Ihr Film ist einer der ersten großen deutschen Filme, die seit Wiedereröffnung der Kinos an den Start gehen. Hat der Lockdown die Produktion von "Gott, du kannst ein Arsch sein!" noch betroffen?

ANDRÉ ERKAU: Wir konnten den Schnitt abschließen, direkt bevor der Lockdown kam. Wir fühlten uns wie in einem "Indiana Jones"-Film, wenn der Held sich in letzter Sekunde den Goldenen Kelch sichern und unter einer sich senkenden Falltür in die Freiheit retten kann, bevor die Höhle einstürzt. Wir haben es wirklich in allerletzter Sekunde geschafft. Danach gab es unter Corona-Bedingungen noch einige Synchronarbeiten, bei denen ich nur mit Hilfe von Skype dabei sein konnte. Da merkte man schon, dass Dinge verändert hatten: Ich war per Monitor dabei, aber eben nicht anwesend. Mir fiel auf, dass ich dabei noch etwas wacher an die Sache ranging, ich war alerter. Überhaupt habe ich die letzten Monate sehr intensiv so erlebt: als ein Wachrütteln. Gar nicht unbedingt für die Gesellschaft, sondern für mich selbst.

Das entspricht auch dem, was Sie in "Gott, du kannst ein Arsch sein!" erzählen.

ANDRÉ ERKAU: Es geht darum, sich seiner eigenen Endlichkeit bewusst zu werden und dadurch das Leben noch mehr zu schätzen zu lernen. Wir sind nicht unsterblich, wir sind nicht unverwundbar. Es war nie eine bewusste Entscheidung, aber in vielen meiner Filme geht es um den Tod, um den Umgang mit der Erkenntnis, dass alles ganz schnell vorbei sein kann. An einem Punkt stellen sich die Figuren in meinen Filmen immer die Frage: Was mache ich hier eigentlich im Leben? Wie soll es weitergehen? Was will ich mit dem Rest meines Lebens anfangen? Das ist eine ganz zentrale Fragestellung, die mich in meinem eigenen Leben beschäftigt, aber eben auch als Filmemacher. Deshalb wollte ich "Gott, du kannst ein Arsch sein" gleich machen, als ich das Drehbuch in die Hände bekam. All das, was mich in meinen Filmen immer schon beschäftigt hat, wird hier auf den Punkt gebracht: Wir haben überschaubar viel Zeit und sollten sie nutzen, so gut wir können.

Die letzten sechs Monate waren eine Ausnahmesituation, die jeden betroffen hat. Hat sich für Sie in dieser Zeit Ihr Blick auf Ihren Film geändert?

ANDRÉ ERKAU: Letztendlich hat sich in dieser Zeit, während der Fertigstellung des Films bis hin zum jetzigen Moment, wo der Film in die Kinos kommt, in mir ein Gefühl immer weiter verstärkt, das mich von Anfang an angetrieben hat: Dieser Film muss raus! Er muss jetzt gesehen werden! Die zentrale Botschaft hat sich in den letzten Monaten zusätzlich amplifiziert: Hallo Welt, wir gehen durch schwere Zeiten, es ist nicht leicht, aber lassen wir uns jetzt nicht hängen: Es gibt Hoffnung, da ist eine Kraft. Das Leben ist bei allem Scheiß, bei allen Ärgernissen und allem Ballast, vor allem ein großes Geschenk. Das war mir schon vor Corona ein Anliegen. Aber jetzt ist es noch stärker. Wenn ich kann, möchte ich das weitergeben: Wir haben die Kraft, dieser Situation zu begegnen und sie zu meistern.

Wie haben Sie diese komplette Abnabelung von unmittelbar erlebter Kultur empfunden?

ANDRÉ ERKAU: Das Kino und alles, was damit zu tun hat - Zusammensein, gemeinschaftliches Erleben, Austausch, Kommunikation -, habe ich wahnsinnig vermisst. Aber ich habe andere Dinge genauso wahnsinnig vermisst: Freunde einzuladen, in Restaurants zu gehen, Verwandte zu besuchen. Das Kino ist ja nicht losgelöst vom Rest des Lebens. Es ist ein wichtiger Bestandteil, der unmittelbar verbunden ist mit den anderen Dingen, die man am Leben schätzt und die einen zu dem machen, der man ist. Dass all das von heute auf Morgen nicht mehr in der gewohnten Weise möglich war, dass man wie abgenabelt war vom eigenen Leben, das war die eigentliche Härte. Es hat mir noch einmal vor Augen geführt, ein welch privilegiertes, glückliches Leben ich doch eigentlich habe. Das ist etwas, das ich gerne in meinen Filmen behandle. Auch "Gott, du kannst ein Arsch sein!" legt den Finger genau in diese Wunde. Mich hat die Power dieser jungen Frau einfach umgehauen, die sich nicht von ihrem Schicksal unterkriegen lässt, die all das, was sie noch zu leben hat, auskosten will.

Vor "Gott, du kannst ein Arsch sein!" haben Sie drei Fernsehfilme gemacht. Wie entscheiden Sie, für welches Medium Sie einen Stoff realisieren wollen?

ANDRÉ ERKAU: Mein letzter Fernsehfilm, Auf einmal war es Liebe", ist beispielsweise ein Projekt, an dem ich vor einigen Jahren angefangen hatte zu arbeiten und das ich ursprünglich unter dem Titel "Flachgelegt gehör' ich zum Altpapier" fürs Kino geschrieben hatte. Es entstand schließlich fürs Fernsehen, nachdem ich eine sehr positive Rückmeldung einer Redakteurin erhielt, die den Film unbedingt machen wollte. Ich habe dann eine TV-Version geschrieben und war froh, dass ich ein Buch, das mir sehr wichtig war, schließlich realisieren konnte. Natürlich stelle ich mir diese Frage oft: Was ist Kino? Das kann ein "Star Wars" ebenso sein wie ein "Victoria" - unterschiedlicher geht kaum, und doch würde jeder zustimmen: Beides ist unbedingt Kino.

Und warum ist "Gott, du kannst ein Arsch sein!" prädestiniert für die große Leinwand.

ANDRÉ ERKAU: Weil die Emotionen und der Blick aufs Leben so groß sind, dass der Bildschirm nicht dafür ausgereicht hätte. Es geht um große Themen, für die mein Kameramann Torsten Breuer entsprechend große Bilder gefunden hat. Wir haben einen tollen Cast. Der Schwere der Geschichte zum Trotz haben wir versucht, ganz leicht zu erzählen - der Film ist auch sehr lustig geworden. Für mich ist das Kino.

Das Drehbuch stammt von Produzent Tommy Wosch, der es gemeinsam mit Katja Kittendorf verfasst hat. Eine ungewöhnliche Situation?

ANDRÉ ERKAU: Ich habe das Buch etwa ein dreiviertel Jahr vor dem Dreh erstmals gelesen. Es war also noch viel Zeit, mich selbst einzubringen. Quasi im Pingpong-Verfahren haben wir gemeinsam weiter am Drehbuch gefeilt. Ich will mich aber nicht mit fremden Federn schmücken. Mein Part war eher der des Gesprächspartners, der Fragen gestellt und den einen oder anderen Vorschlag gemacht hat. Sogar während des Drehs hat sich die Zusammenarbeit noch fortgesetzt. Wir befanden uns fortwährend im Arbeitsmodus, weil uns allen das Projekt wahnsinnig am Herzen lag.

Mit Sinje Irslinger haben Sie eine tolle Entdeckung gemacht. Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit einer jungen Schauspielerin, die noch nicht so viel Erfahrung hat, die aber den ganzen Film auf ihren Schultern trägt?

ANDRÉ ERKAU: Man vertraut ihr. Und unterstützt sie, so gut man kann. Wir waren von Sinje begeistert von dem Moment an, an dem sie erstmals beim Casting erschien. Endgültig überzeugt waren wir, als sie erstmals gemeinsam mit Max Hubacher pielte. Von ihrer gemeinsamen Chemie hing alles ab: Man kann keine Liebesgeschichte erzählen, in der es nicht knistert zwischen den Hauptfiguren. Es hat auch geholfen, dass wir weitgehend chronologisch gedreht haben. Die Reise, die die beiden Hauptfiguren machen, haben wir auch als Produktion gemacht: So konnten sie sich auch richtig kennenlernen, das spiegelt sich im Film wieder. Wenn ich den Film noch einmal drehen müsste, dann würde ich nichts anders machen.

Wie findet man dann die richtige Balance, wenn man als Elternpaar mit Til Schweiger und Heike Makatsch zwei der bekanntesten deutschen Schauspieler vor der Kamera hat?

ANDRÉ ERKAU: Jeder Film ist eine Herausforderung. Es gibt kein Geheimrezept, wie man's richtig macht. Viel hat damit zu tun, dass man ein Gefühl haben muss: Das wird funktionieren. Ich wusste, dass ich ein starkes, junges Darstellerpaar im Zentrum hatte. Darauf kam's an. Sie hatten eine ganz große Kraft vor der Kamera, dass ich eigentlich nie den Eindruck hatte, sie könnten sich von den anderen Schauspielern unter Druck gesetzt fühlen, beziehungsweise sich von den Stars an ihrer Seite einschüchtern lassen. Die Besetzung war ein bisschen wie bei "Wünsch dir was": Ich konnte mir die Schauspieler im Grunde aussuchen, die für mich die Richtigen für die Rollen waren. Wenn ich einen Namen nannte, sagten die Produzenten: Jau, prima Idee. Wir haben dann die jeweiligen Personen angefragt und die Darsteller haben - Dank des tollen Drehbuchs - sofort zugesagt. Am Ende hatten wir einen Traumcast.

Der Film ist eine Produktion der UFA Fiction. Als Verleih war von Anfang an Universum an Bord, die während Ihrer Arbeit an dem Film in Leonine aufging. Spürten Sie etwas davon, dass eine neue Firma an Bord kam?

ANDRÉ ERKAU: Ich habe von Anfang bis Ende mit denselben Ansprechpartnern zu tun gehabt. Geändert hat sich nur die E-Mail-Adresse. Sogar die Telefonnummern blieben gleich. Meine Arbeit war völlig unberührt davon. Ich konnte immer mit voller Konzentration an dem Film arbeiten, ohne dass ich abgelenkt gewesen wäre. Und bin wahnsinnig stolz auf das Ergebnis. Wie gesagt: Ich bin froh, dass er jetzt endlich sein Publikum finden kann.

Das Gespräch führte Thomas Schultze.