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Dagmar Rosenbauer: "Wir hatten nicht so viel Mitspracherecht erwartet"

CineCentrum-CEO Dagmar Rosenbauer ist das Kunststück gelungen, mit internationalen Partnern die herrlich leichte Comedy-Serie "Parlament" zu produzieren, die heute in der ARD-Mediathek startet. Eine zweite Staffel kommt - dann eventuell mit einer noch wichtigeren Rolle für Christiane Paul.

29.09.2020 07:41 • von Michael Müller
Christiane Paul (l.) mit ihren Schauspielkollegen in der Serie "Parlament" (Bild: Jo Voets)

CineCentrum-CEO Dagmar Rosenbauer ist das Kunststück gelungen, mit internationalen Partnern die herrlich leichte Comedy-Serie "Parlament" zu produzieren, die heute in der ARD-Mediathek startet und ab 6. Oktober auf dem Sender One läuft. Eine zweite Staffel kommt - dann eventuell mit einer noch wichtigeren Rolle für Christiane Paul.

Wie wurden Sie Juniorpartner bei der Serie "Parlament"?

DAGMAR ROSENBAUER: Durch meinen Kollegen Emmo Lempert, den Geschäftsführer der Serienwerft, der die Telenovela "Rote Rosen" produzierte. Er ist international sehr gut vernetzt und hatte das ein oder andere Projekt auf dem Tisch liegen. Da er mit seinem täglichen Format sehr beschäftigt ist, hat er mich angesprochen. Ich habe dann von den Projekten "Parlament" gelesen und sofort gedacht: Das ist genau die Idee, die mich interessiert. Die Franzosen wollten "Parlament" auf jeden Fall international produzieren. Wenn man etwas über Brüssel und die Europäische Union macht, ist es wenig sinnvoll, dies als rein nationale Produktion zu tun. Nicht nur weil es schließlich auch finanziert werden muss. Zusammen mit Belgien und Deutschland hat das dann funktioniert. Wir haben auch Media-Förderung bekommen, wofür man auf jeden Fall drei Länder braucht. Es war also eine Mischung aus inhaltlichem Interesse und ökonomischen Notwendigkeiten beim durchführenden Produzenten Cinétévé.

Wie lief die europäische Zusammenarbeit?

DAGMAR ROSENBAUER: Super. Mit den belgischen Co-Produzenten hatten wir weniger Kontakt, weil die belgische Firma Artémis Productions im Wesentlichen die Produktionsdurchführung vor Ort in Brüssel und Straßburg gemacht hat. Aber wir waren inhaltlich in die Buchentwicklung und das Casting der Hauptdarsteller und der beiden Regisseure involviert. Das war überraschend, weil der finanzielle Beitrag aus Deutschland nicht so groß ist, dass man viel Mitspracherecht erwartet hätte. Das lief partnerschaftlich ab. Wir sprechen immer noch miteinander - auch nach Drehende. (lacht) Das finde ich immer schon ein gutes Zeichen.

Dass Sie sich gerade dieses Projekt zusammen mit Emmo Lempert ausgesucht haben, ist spannend, weil das Thema Europäisches Parlament auf den ersten Blick doch eher trocken klingt.

DAGMAR ROSENBAUER: Ja, aber auf der anderen Seite: Wer hätte gedacht, dass eine Serie, die im Weißen Haus spielt wie "The West Wing" oder eine Serie wie "Homeland" so gut funktioniert? Auch wenn ich uns auf einer anderen Ebene sehe, man muss eben auch Felder beackern, die nicht auf den ersten Blick populär erscheinen. Mich hat schon vor Jahren überrascht, dass es in Berlin Demonstrationen von jungen Menschen für Europa gab - gerade in einem Moment, als Länder wie Polen und Ungarn die europäische Balance durcheinander gebracht haben. Oder die Frage der Finanzierung in der Griechenland-Krise, die vor allem im konservativen Lager umstritten war: Da gab es auch viele junge Leute, die sich für Europa und die EU stark gemacht haben. Bei allem, was da scheinbar langweilig ist, finde ich es toll in einem Europa mit dem Schengen-Abkommen zu leben - einfach nach Frankreich oder Italien fahren zu können und den Euro als gemeinsame Währung zu haben. Ich kenne das noch gut, als die Grenzbäume alle unten waren und ich überlegen musste, ob ich genug Franc oder Kronen dabei habe. Als während des Corona-Lockdown plötzlich die Grenzen zu Polen, Österreich oder Frankreich zugemacht wurden, fand ich das schon einschneidend. Die Erfahrungen der vergangenen Monate könnten auch bei denen, die bei diesem Thema indifferent waren, ein bisschen mehr Emotionalität für Europa geweckt haben. Allerdings muss sich das Europäische Parlament dann auch gefallen lassen, Gegenstand einer Comedy zu sein.

War der in Wien geborene Hauptdarsteller Lucas Englander ein Vorschlag von Ihnen?

DAGMAR ROSENBAUER: Das war ein Vorschlag unserer französischen Partner, weil Lucas Englander bisher vor allem im Ausland gedreht hat. Für mich ist er eine wirkliche Neuentdeckung. Er ist deutschsprachig, lebt aber im Ausland und hat bislang ganz wenig deutsches Fernsehen gemacht.

Ich kannte sein Gesicht vor allem aus der Netflix-Serie "The Witcher".

DAGMAR ROSENBAUER: Ja, und Christiane Paul hat mitgemacht, weil sie die Drehbücher und das Projekt so überzeugend fand. Sie mochte auch ihre Rolle der strengen und durchsetzungsfähigen Ingeborg sehr.

Deren Figur ja auch politisches Potenzial für mehr hätte.

DAGMAR ROSENBAUER: Die Kollegen in Paris denken auf jeden Fall über eine Weiterentwicklung nach, da es jetzt mit Ursula von der Leyen eine deutsche Kommissionspräsidentin gibt und wir mit Christiane Paul eine prominente deutsche Darstellerin haben, die Interesse an einer zweiten Staffel signalisiert. Wieso sollte unsere Ingeborg nicht auch ein paar weitere politische Stufen aufsteigen?

Die Serie sieht, was die Schauplätze angeht, sehr authentisch aus. Wo wurde gedreht?

DAGMAR ROSENBAUER: Wir haben an Original-Schauplätzen in Brüssel gedreht, aber nicht im eigentlichen Sitz des Europäischen Parlaments, sondern im Comité des Régions, in dem früher das Parlament untergebracht war. In Straßburg haben wir dann tatsächlich im Parlamentsgebäude gedreht. Das war nur deshalb möglich, weil es dem französischen Produzenten Thomas Saignes gelungen ist, das einige MEPs ein gutes Wort für uns eingelegt haben. Es herrschte insgesamt eine uns wohl gesonnene Stimmung im Europäischen Parlament. Die ist auch nicht umgeschlagen, als die Serie in Frankreich herauskam. Sie ist Anfang April gestartet und war das Eröffnungsprojekt für den neuen Streaming-Kanal von France Télévision.

Wie ist denn das gelaufen?

DAGMAR ROSENBAUER: Genaue Zahlen kenne ich leider noch nicht. Aber "Parlament" ist so gut gelaufen, dass France Télévision schon die Drehbücher für die zweite Staffel in Auftrag gegeben hat. Es gab ein großes Medienecho in Frankreich. Klar, gab es auch die eine oder andere kritische Bewertung, aber insgesamt ist die Serie dort sehr positiv aufgenommen worden. Der Preis der französischen Filmkritik hat "Parlament" viermal nominiert.

"Parlament" wird in Deutschland ab dem 6. Oktober auf dem öffentlich-rechtlichen Spartensender One laufen. Wäre das Format auch etwas für das Hauptprogramm gewesen?

DAGMAR ROSENBAUER: One hat die Rechte für die gesamte ARD. Von daher her könnte man "Parlament" auch in der ARD senden. Unser Ansatz war von Anbeginn, dass wir mehrsprachig drehen und senden. Der Witz des Formats liegt unter anderem auch darin, dass die Menschen Kommunikations- und Sprachprobleme untereinander haben. So wie es im Europäischen Parlament auch vorkommt. Der Head-Writer Noé Debré, der auch ein bekannter französischer Kino-Drehbuchschreiber ist und selbst schon Regie geführt hat, kennt sich, weil er in Straßburg geboren und aufgewachsen ist, mit den Vorgängen und Umgangsformen unter den europäischen Parlamentariern sehr gut aus. Er hatte in seinem Writers' Room neben dem Briten Daran Johnson auch zwei junge Autoren, die beide selbst ein Praktikum in Brüssel gemacht hatten. In Brüssel ist es schon so, dass die Abgeordneten sich teils in unterschiedlichen Sprachen miteinander unterhalten. Das ist übrigens auch in der Realität in Deutschland häufiger der Fall. Wir erzählen im deutschen Fernsehen normalerweise nicht in dieser Form. Es muss immer alles in Deutsch gedreht oder zumindest synchronisiert sein. Ich finde es wirklich bemerkenswert, dass One und der WDR den Mut haben und die Serie im Original mit Untertiteln senden. Das gibt dem Format seine Authentizität. Ob das im Hauptprogramm angenommen würde, weiß ich nicht.

Dann ist es wahrscheinlich als Format auch eher in der Mediathek begünstigt, weil die Zuschauer im Internet deutlich mehr an Originalsprachen gewöhnt sind.

DAGMAR ROSENBAUER: In der ARD wird "Parlament" Teil der sogenannten Mediatheken-Offensive sein. Der etwas nach hinten geschobene Ausstrahlungstermin hat damit zu tun, das die Serie am 4. Oktober mit allen zehn Episoden auf dem Cologne Filmfestival gezeigt werden wird. Aber klar, das Projekt ist etwas Besonderes und birgt auch ein gewisses Risiko, weil das Thema erst einmal sperrig wirkt, was das Format aber überhaupt nicht ist. Die Serie hat eine herrliche Leichtigkeit und Ironie. Eine gelungene Comedy, die bei allem Humor aber auch die kafkaeske Situation in solch einem riesigen Politik-Betrieb erzählt. Ich bin mit dem Ergebnis sehr glücklich und auch unsere Kölner Redakteur*innen Silke Holgersson, Götz Bolten und Frank Tönsmann von One und WDR sind sehr zufrieden.

Sind Sie denn auch bei der Produktion der zweiten Staffel wieder dabei?

DAGMAR ROSENBAUER: CineCentrum und Cinétévé arbeiten auf jeden Fall wieder zusammen. Wir müssen schauen, ob ONE und der WDR auch wieder dabei sein wollen.

Woran arbeitet CineCentrum aktuell denn noch?

DAGMAR ROSENBAUER: Wir drehen gerade den Bundespolizei-Tatort "Familienbande (AT)" für den NDR mit Wotan Wilke Möhring und Franziska Weisz in Hamburg. Niki Stein hat das Drehbuch geschrieben und führt auch Regie. Wir drehen für unsere ZDF-Vorabendserie "SOKO Wismar" seit dem 21. Juli. Da gab es einen Drehabbruch Mitte März. Im Mai konnten wir ein paar Tage nachdrehen und fingen dann wieder voll an. In diesen Zeiten kann man nur sagen: hoffentlich bekommen wir jetzt die Staffel unter Dach und Fach. Ebenfalls für das ZDF drehen wir in Berlin unter der Regie von Elmar Fischer einen Fernsehfilm der Woche mit dem Arbeitstitel "Wer rettet Emily?", ein Drama zum Thema Medikamentenentwicklung, für das Jörg Tensing das Drehbuch geschrieben hat. Für ein Dokudrama über Rudi Dutschke im Auftrag des NDR und des rbb hatten wir schon den letzten Drehtag. Das Buch haben der Journalist Cordt Schnibben und der Dokumentarfilmer Peter Dörfler geschrieben, der auch die Regie führt.

Das Interview führte Michael Müller