Kino

"Genug lamentiert!"

Das Kino ist zwar im Prinzip wieder da, aber an positiven Botschaften mangelt es nach wie vor. Dies will ein neu gegründeter Kinoverbund Schleswig-Holstein nun ändern - und er sieht die Politik an seiner Seite.

25.09.2020 15:31 • von Marc Mensch
Der neue Kinoverbund tritt mit einem "Dreiklang" an die Politik heran - und an das Publikum mit Kampagne und baldigem Kino-Aktionstag (Bild: Kinoverbund Schleswig-Holstein)

Dass vielen Betreibern nach Monaten des Lockdowns und weiteren Monaten eines Spielbetriebs unter extrem schwierigen Rahmenbedingungen das Wasser bis zum Halse steht - das ist traurige Realität. Dass die Flut an Hilferufen nicht abebbt, nur konsequent. Und doch könne das nicht alles sein, müsse das Kino endlich auch wieder positiv auftreten, selbstbewusst, zukunftsgewandt. So sehen es Martin Turowski (Burgtheater Ratzeburg) und Ralf Thomsen (LichtBlick-Kinos auf Amrum, Büsum, Heide) - und mit ihnen die Gemeinschaft der schleswig-holsteinischen Kinobetreiber. Wobei "Gemeinschaft" nun noch ein wenig buchstäblicher zu verstehen ist, denn mit der Gründung des Kinoverbunds Schleswig-Holstein ist die Branche im nördlichsten Bundesland noch einmal enger zusammengerückt. Nicht nur die Mitgliedschaft steht allen dortigen Kinos offen - sondern unabhängig davon auch die Beteiligung an deren Ideen und Initiativen.

Denn genau darum soll es gehen - Initiativen entwickeln, die Ärmel hochkrempeln, das Beste aus einer herausfordernden Situation machen. Und wie Turowski und Thomsen verraten, soll der erste große öffentliche Aufschlag nicht lange auf sich warten lassen: ein Kino-Aktionstag am 16. Oktober. Eine Idee, die natürlich naheliegend ist - zumal es abgesehen von einer Förderung durch die FFA vom eigentlich geplanten bundesweiten Aktionstag bislang nichts Substanzielles zu erfahren gab. Nun also will man auf Länderebene vorangehen, was nicht nur vor dem Hintergrund der regional teils sehr unterschiedlichen Regelungen Sinn mache, sondern explizit zur Nachahmung empfohlen wird. "Unser enormer Vorteil ist, dass wir in einem sehr kleinen Kreis entscheiden und damit auch sehr schnell, sehr entschlossen agieren können", schildern es Turowski und Thomsen, die an dieser Stelle gemeinsam federführend mit Dennis T Jahnke (Studio-Filmtheater am Dreiecksplatz in Kiel) und Meike Peemöller (Kleines Theater Geesthacht) agieren. Ausgeschlossen fühle sich von diesem Prozedere niemand, man erfahre vielmehr enormen Zuspruch dafür, die "Dinge einfach mal in die Hand genommen zu haben". Tatsächlich sei man selbst geradezu überwältigt, welche Resonanz man erfahren habe, nachdem man sich mit der Idee des Kinoverbundes und Aktionstages an die Betreiber im Land gewandt habe. Engere inhaltliche Vorgaben, wie an diesem Aktionstag zu verfahren ist, soll es dabei nicht geben. "Jedes einzelne Kino ist etwas Besonderes - und darum geht es. Das Besondere des Kinobesuchs zu vermitteln. Ganz gleich mit welchen Filmen, ganz gleich mit welchem Rahmenprogramm. Ganz gleich, ob im Multiplex oder im Ein-Saal-Haus".

Worum man sich intensiv kümmere, sei eine Kampagne, die über diesen Kinotag hinaus wirken solle. Eine Kampagne, die gezielt das Lebensgefühl der Region im Herzen tragen und auch etwas vom norddeutschen Pragmatismus vermitteln werde, mit dem man gewohnt sei, Krisen anzugehen. "Wir hier oben wissen: Auf jede Ebbe folgt auch wieder eine Flut", sagt Thomsen. Wie wichtig es sei, sich gegenseitig Mut zu machen, Perspektiven zu entwickeln, gemeinsam nach vorne zu blicken - das habe gerade erst die Filmkunstmesse gezeigt. Wo sich aber dort die Branche untereinander traf, sei es das Ziel, nun auch dem Publikum den sprichwörtlichen Silberstreif am Horizont zu zeigen. "Wenn Kino anhaltend mit Negativschlagzeilen belegt ist, dann setzt sich das doch irgendwann in den Köpfen fest - das hat man doch schon über Jahre anhand der Mär vom Kinosterben gesehen", stellt Turowski fest. Oder kurz: "Genug gejammert!" Natürlich könne selbst die positivste Einstellung nicht über massive Probleme hinwegtäuschen - sei aber doch ein enorm wichtiger Schritt auf dem Weg zu ihrer Bewältigung. Bei der Umsetzung der Kampagne wiederum half das Glück in Form einer Bekanntschaft - so ist Ralf Thomsens Sohn mit dem renommierten Art Director Robert Westphal befreundet, der nicht nur bereits für Weltmarken wie Apple oder Mercedes-Benz gearbeitet hat, sondern der privat für das Kino brennt und der mit seinem Können nun zum wichtigen Unterstützer wurde.

Denn ganz zentral ist die Botschaft, die auch über Social-Media-Spots vermittelt werden soll: "Läuft. Im Kino." Denn das Kino sei da. Für die Region, für seine Besucher, für alle Menschen. Auch in stürmischen Zeiten. Die Botschaft ist laut Turowski und Thomsen nicht zuletzt deshalb so wichtig, weil sie einen neuen Ansatz liefert, mit der Politik ins Gespräch zu kommen. Natürlich müsse es dabei um weitere Unterstützung gehen, aber eben um die sprichwörtliche "Hilfe zur Selbsthilfe". Dazu gehöre eben nicht nur, die Situation schonungslos und klar offenzulegen - sondern auch, ebenso klare Perspektiven aufzuzeigen, was man unter welchen Umständen erreichen könne; einen Weg zu skizzieren, der trotz aller Unwägbarkeiten beschritten werden kann.

Wie ausschlaggebend es sei, hier in persönlichen Kontakt mit den Entscheidungsträgern treten zu können - ein enormer Vorteil des regionalen Ansatzes - habe nicht zuletzt die Debatte um die Zulässigkeit von Autokinos während des Lockdowns gezeigt. Diese blieben in Schleswig-Holstein nämlich zunächst untersagt, woraufhin Martin Turowski unter anderem einen Fraktionsvorsitzenden zu einem Pressetermin einlud, bei dem er demonstrierte, wie sicheres Kinovergnügen unter freiem Himmel auch bei strengen Kontaktbeschränkungen aussehen könne. Dass dieser Politiker sich nun "Mister Autokino" nennen dürfe, erzählt Turowski ebenso augenzwinkernd wie stolz.

Nun also wende man sich mit einer Art "Dreiklang" an die Politik: Auf der einen Seite steht der Appell, Rahmenbedingungen mit Augenmaß (Stichwort: Mindestabstände) zu schaffen, die es den Kinos zumindest erleichtern würden, wenigstens wieder in die Nähe eines wirtschaftlichen Betriebs zu gelangen. Auf der anderen Seite geht es natürlich auch um weitere finanzielle Unterstützung, konkret um ein Landesprogramm für wirklich alle Kinos. Die Crux sei, diese Appelle mit einer Perspektive zu verbinden, mit dem Versprechen, den Kopf nicht in den Sand zu stecken, sondern den Rückenwind zu nutzen - so wolle man die Förderung auch als "Überbrückungshilfe" verstanden wissen. Bei der Politik sei genau diese positive, proaktive Haltung bestens aufgenommen worden - auch weil es gelungen sei, begreiflicher zu machen, wie wichtig die Rolle sei, die Kinos für die Kommunen zukomme. Als kultureller Ort, als Anziehungspunkt, als Angebot, das ganze Stadtteile beleben kann. Besonderer Dank gelte in diesem Zusammenhang Ratzeburgs Bürgermeister, der in Anwesenheit des Wirtschaftsministers ein "flammendes Plädoyer" für das Kino gehalten habe. Was an konkreten Hilfen tatsächlich erfolgen kann, wird sich zeigen - die Aussichten seien jedenfalls "nicht schlecht" zeigen sich die Kinomacher nach zahllosen Gesprächen überzeugt. Ein gutes Zeichen ist jedenfalls schon einmal, wer die Schirmherrschaft für den Aktionstag übernommen hat: Ministerpräsident Daniel Günther.