Kino

"Unsere Politik bleibt unverändert"

Nach dem ersten Halbjahr musste Cineworld erstmals einen Verlust verbuchen - in Milliardenhöhe. Die zweitgrößte Kinokette der Welt sieht sich operativ dennoch gut auf alle Eventualitäten vorbereitet - am Kinofenster sei jedenfalls nicht zu rütteln.

24.09.2020 13:28 • von Marc Mensch
Cineworld musste erstmals einen Verlust verkraften (Bild: Cineworld)

"Was wir wirklich brauchen sind die Märkte, die in den USA noch fehlen, New York und Kalifornien - denn sie sind sehr wichtig für unsere Industrie." So hatte sich Cineworld-CEO Mooky Greidinger schon im August gegenüber dem US-Branchendienst Deadline geäußert - und wie richtig seine Einschätzung ist, zeigt sich in der bitteren Entwicklung, die der US-Kinomarkt eben ohne diese Märkte (respektive ohne den mit Abstand wichtigsten Teil Kaliforniens) weiterhin durchmacht... So stand bei Vorstellung der vorläufigen Halbjahresbilanz von Cineworld denn auch vor allem der Blick auf die kommenden Monate im Fokus des Interesses. Aber von vorne:

Dass die Bilanz miserabel ausfällt, versteht sich von selbst, schließlich waren die Kinos von Cineworld ebenso seit dem Frühjahr geschlossen wie (nahezu) alle anderen weltweit, zudem gab es in den wichtigsten Märkten, in denen die zweitgrößte Kinokette der Welt operiert, im zweiten Quartal keine Wiedereröffnungen. Selbst zum jetzigen Stand sind noch 217 der insgesamt 778 Standorte - oder nahezu 30 Prozent - geschlossen, der Löwenanteil davon (200) natürlich in den USA und dort wiederum vor allem in Kalifornien und New York.

Gegenüber dem Vorjahreshalbjahr sanken die Umsätze zum Stichtag 30. Juni von rund 2,1 Mrd. Dollar auf 712,4 Mio. Dollar, das EBITDA fiel von 758,6 Mio. Dollar auf 53 Mio. und bei den Besuchern ging es von 136 Mio. auf nur noch 47,5 Mio. zurück. Gegenüber einem Gewinn von 389,2 Mio. Dollar musste Cineworld im ersten Halbjahr 2020 nun einen Verlust von rund 1,34 Milliarden Dollar hinnehmen - den ersten Verlust, den die Gruppe laut ihres Finanzberichtes jemals zu verzeichnen gehabt habe. Dem Bericht zufolge konnte sich Cineworld im Berichtszeitraum zusätzliche Liquidität in Höhe von 360,8 Mio. Dollar verschaffen. Mitte Juni hatte Cineworld die Übernahme des kanadischen Marktführers Cineplex abgeblasen, hierüber setzen sich die Ketten - die sich gegenseitig vorwerfen, vertragsbrüchig geworden zu sein - nun vor Gericht auseinander.

Zwar sieht Cineworld aktuell durchaus positive Signale, vor allem in einer stabilen Performance der wiedereröffneten Kinos außerhalb der USA und Großbritanniens, warnte aber gleichzeitig vor neuen Herausforderungen: "Es gibt keine Sicherheit dahingehend, wie sich Covid-19 weiter auf dir Gruppe auswirkt. Sollten Regierungen neue Einschränkungen für Versammlungen beschließen, die uns zu neuerlichen Schließungen zwingen würden oder weitere Terminverschiebungen für Neustarts mit sich brächten, hätte dies negative Auswirkungen auf unsere Finanzsituation und würde wahrscheinlich die Notwendigkeit schaffen, sich zusätzliche Liquidität zu verschaffen." Grundsätzlich, so das Unternehmen, sehe man sich operativ aber für sämtliche Eventualitäten gut vorbereitet.

Tatsächlich laufen Verhandlungen mit den Banken hinsichtlich der Kreditklauseln auch auf Basis eines "ernsten aber plausiblen" Modellszenarios zu einer zweiten Covid-Welle in 2021, das Modell sieht demnach eine im Januar beginnende fünfmonatige Schließung wichtiger US-Märkte (die für 45 Prozent des Besucheraufkommens eines normalen Jahres stünden), der Hälfte der britischen Standorte und eines kompletten weiteren Marktes vor.

"Trotz der schwerwiegenden Ereignisse der vergangenen Monate konnten wir uns schon gegen Ende des ersten Halbjahres über die Rückkehr des Publikums in unsere Kinos freuen - wie auch über das positive Feedback, das wir von jenen erhalten haben, die geduldig darauf gewartet haben, Filme wieder auf der großen Leinwand sehen zu können", kommentiert Cineworld-CEO Mooky Greidinger, der nicht zuletzt darauf unterstreicht, dass die Krise aus Sicht von Cineworld keinen Anlass gibt, bewährte Auswertungspraktiken zu ändern. Konkret heißt es dazu in der Cineworld-Mitteilung: "Die aktuellen Geschäftsverläufe machen unter den gegebenen Umständen Mut und unterstreichen unsere Überzeugung, dass es weiterhin einen erheblichen Unterschied macht, ob man einen Film nun im Kino (...) oder zuhause sieht. Dazu gehört, dass unsere Politik hinsichtlich der Auswertungsfenster, die einen wesentlichen Teil unseres Geschäftsmodells darstellt, unverändert bleibt und wir auch weiterhin nur Filme zeigen werden, die dieses Fenster einhalten."

Wermutstropfen bei den positiven Aspekten der Halbjahresbilanz: Von den Filmen, die man dort noch als verbleibende Hoffnungsträger für 2020 aufführt, starten einige schon nach jetzigem Stand doch erst 2021.

Den ausführlichen Geschäftsbericht finden Sie hier in englischer Sprache.