Kino

"Wir haben ein strukturelles Problem"

Die Ankündigung der Berlinale, genderneutrale Schauspielpreise zu vergeben, ist auf viel Kritik gestoßen. In einem exklusiven Debattenbeitrag für Blickpunkt:Film hofft QMS-Initiator Kai S. Pieck auf eine tiefer gehende Diskussion über Teilhabe und Chancengerechtigkeit in der Filmbranche.

24.09.2020 12:12 • von Jochen Müller
Kai S. Pieck (Bild: Andreas Schlieter)

Die Ankündigung der Berlinale, genderneutrale Schauspielpreise zu vergeben, ist auf viel Kritik gestoßen. In einem exklusiven Debattenbeitrag für Blickpunkt:Film hofft QMS-Initiator Kai S. Pieck auf eine tiefer gehende Diskussion über Teilhabe und Chancengerechtigkeit in der Filmbranche.

"Die Berlinale kündigte unlängst an, ab 2021 "genderneutrale Schauspielpreise" zu vergeben und löste damit eine aufgeregte Diskussion aus. Sowohl BFFS als auch Pro Quote Film reagierten, dieser Vorstoß führe nicht zu "gendergerechtem Bewusstsein in der Branche", sondern sei kontraproduktiv. Zum einen ginge die Streichung der weiblichen und männlichen Schauspielpreise "zu Lasten der Gleichberechtigung der Frauen" und zum anderen mache man Gendervielfalt nicht sichtbarer, in dem man sie untereinander in Konkurrenz setze. Gleichzeitig betonte der BFFS, man müsse sich "natürlich auch für die Sichtbarkeit der Kolleg*innen" einsetzen, denen man "mit der Verengung auf zwei Geschlechter nicht gerecht" werde. Und ergänzt, diese seien derzeit in den Geschichten nicht genügend präsent. Pro Quote Film regt deshalb an, neben den beiden binären Schauspielpreisen einen dritten für "gendersensible Darstellung" zu vergeben. Doch dieses Bestreben geht teilweise am Thema vorbei.

Es ist richtig, dass es zu wenige Frauen-Rollen gibt. Vor allem kaum gute. Rollen für nicht-binäre Genderidentitäten kommen praktisch nicht vor. Bei der Würdigung einer schauspielenden Person sollte es im besten Falle aber weder um deren Genderidentität gehen, noch um die des dargestellten Charakters. Und erst Recht nicht um die sexuelle Orientierung beider, sondern ausschließlich um die schauspielerische Leistung der Person. Die Vermischung dieser verschiedenen Ebenen offenbart sich immer wieder, wenn z.B. Preise an heterosexuelle Schauspielende für homosexuelle Rollen oder gar an cis-gender Personen für transgender Charaktere vergeben werden. (Darüber wie viele ungeoutete, homosexuelle Schauspieler*innen tagtäglich unbemerkt heterosexuelle Rollen verkörpern, spricht sowieso niemand) "Gendersensible Darstellung" kann alles sein. Auch das hat nicht zwingend mit der Genderidentität oder der sexuellen Orientierung der darstellenden Person zu tun.

Gender ist ein Spektrum mit vielen Möglichkeiten zwischen den beiden binären Polen männlich und weiblich. Mit dem genderneutralen Preis versucht die Berlinale, der internationalen, nicht-binären Gender-Bewegung Rechnung zu tragen und niemanden zu diskriminieren. Natürlich ist der Schritt gewagt und vielleicht zu früh. Auf jeden Fall werden zunächst mal die Jurys der Prellbock für etwaige Vergabe-Kritiken sein. In diesem Kontext ist die Angst der Schauspielerinnen, noch unsichtbarer gemacht zu werden, natürlich nachvollziehbar. Dass dieses Problem generationenunabhängig zu sein scheint, bewies gerade die Verleihung des eigentlich schon genderneutralen Götz George Nachwuchspreises beim First Steps Award. Denn dafür waren diesmal nur Männer nominiert, weil sie "einfach die besseren Rollen geschrieben bekommen" hätten. Sämtliche anderen Preise der Branche sind genderneutral und je nach Kategorie i.d.R. von Männern dominiert. Und damit entlarvt sich auch das Dilemma, das beim Schauspiel zum Ausdruck kommt: Wir haben das strukturelle Problem, dass generell zu wenige Frauen teilhaben an unseren Produktionen. Dasselbe gilt für alle anderen Filmschaffenden aus den marginalisierten Gruppen des Diversitätsspektrums.

Die Berlinale hat jetzt ein mutiges Zeichen gesetzt, durch das hoffentlich auch national eine konstruktive Diskussion über Teilhabe, Chancengerechtigkeit und Intersektionalität nicht nur im Genderbereich angestoßen wurde. Für die Schauspielenden geht es vor allem darum, alles spielen zu können. Deshalb ist es in meinen Augen langfristig ein erstrebenswertes Ziel, diskriminierungsfrei und ohne Schubladendenken großartige, schauspielerische Leistungen von 'Menschen' zu würdigen. Dazu braucht es wahrscheinlich eine Phase des Übergangs mit einem diskriminierungsfreien Konzept. Die Queer Media Society steht bereit, sich zu beteiligen. Erste Gespräche haben stattgefunden."

Über unseren Autor:

Kai S. Pieck ist Autor, Regisseur und Initiator der Queer Media Society, einem ehrenamtlich organisierten Netzwerk queerer Medienschaffender, das sich für gesellschaftliche Offenheit und Akzeptanz engagiert und gegen die Diskriminerung von LGBTQI-Menschen einsetzt. Mehr Informationen unter www.queermediasociety.org.