Kino

PVoD-Umsatz für "Mulan": Es ist kompliziert

Erste Hinweise auf das US-PVoD-Einspiel von "Mulan" auf Disney+ deuteten an, dass der Titel innerhalb weniger Tage ein irrwitzig hohes Umsatz-Ergebnis eingefahren hat. Inzwischen haben die Urheber ihre Zahlen relativiert.

24.09.2020 10:04 • von Jörg Rumbucher
Prognosen, Schätzungen, Fakten: In der Berichterstttattung über "Mulan" ist einiges durcheinander geraten (Bild: Disney)

Bekanntlich steht "Mulan" in vielen Ländern seit 4. September auf Disney+ zur Verfügung. In den USA für rund 30 Dollar. Anfang August hatte Disney-Chef Bob Chapek die Premium Video on Demand-Vermarktung als "einmalig" bezeichnet. Im Unterschied zu einer normalen PVoD-Transaktion, bei der Usern ein Inhalt für den begrenzten Zeitraum von 48 Stunden zur Verfügung steht, entsperrt Disney "Mulan" für unbegrenzte Zeit. Jedenfalls solange Käufer Disney+-Kunden sind. Und wie viele haben ihn bisher gekauft? "Yahoo! Finance" berichtete am 15. September unter Berufung auf Daten des Analyseunternehmens 7Park Data, dass annähernd 29 Prozent aller US-Haushalte mit einem Disney+-App-Zugang auf "Mulan" zugegriffen hätten. Demnach hätten um die neun Mio. Kunden für den Film bezahlt, was Einnahmen von mehr als 260 Mio. Dollar entsprechen würde. Was als gigantischer Erfolg zu bezeichnen wäre und von US-Nachrichtendiensten flugs als "financial homerun" deklariert wurde. Weil offenbar Zweifel an dem Einspielergebnis entstanden, überarbeitete "Yahoo! Finance" seinen Originalartikel und schrieb von einem "top scenario", blieb aber dabei, dass allein das US-Einspiel 261 Mio. Dollar betragen könne. Davon wiederum war in den nachgelieferten Erläuterungen eines 7Park Data-Mitarbeiters überhaupt nicht die Rede, der offenbar der Missverständlichkeit der ersten "Yahoo! Finance"-Meldung entgegen wirken wollte. Allein dadurch, dass es sich um eine "revenue estimate", also eine Schätzung, handele. Ein wichtiger Hinweis, denn andernorts wurde der "Mulan"-Umsatz quasi als Fakt gedeutet. Was 7Park Data gemacht hat, ist nicht unseriös, aber einigermaßen erklärungsbedürftig. Denn die Umsatzschätzung basiert auf zwei Kennziffern. In aller Kürze: Die erste betrifft den Anteil der Disney+-Zuschauer, die "Mulan" in den ersten zwölf Tagen im September gestreamt haben. Dafür berechneten die Marktforscher den Faktor 10,32. Ein Prozentwert, der auch für jeden anderen Disney+-Titel erstellt werden kann. Der Zuschauer-Anteil ergibt zur Umsatzberechnung nur dann Sinn, wenn man die absolute Zahl der Disney+-Kunden kennt. Das Problem: 7Park Data weiß sie nicht und auch sonst niemand. Disney selbst hat mit Stand Anfang August die Zahl 60,5 Mio. Abonnenten kommuniziert - weltweit. Eine Umsatzhöhe von 260 Mio. Dollar kann nur dann zustande kommen, wenn man annimmt, dass 50 Prozent der User in den USA beheimatet sind, und weiterhin annimmt, dass 29 Prozent von 30 Mio. für "Mulan" bezahlt haben. 7Park Data wiederum berechnet die potenzielle Umsatzhöhe jedoch auf Basis des Zuschaueranteils-Faktors 10,32. Daraus ergibt sich plötzlich nur noch ein Umsatz von 93 Mio. Dollar (10,32 Prozent X 30 Dollar X 30 Mio. Kunden). Und falls der Abobestand nur 20 Mio. betragen sollte, sinkt die Umsatzprognose auf 62 Mio. Dollar. Ein gewaltiger Unterschied zur Ursprungsmeldung von "Yahoo! Finance", das wohl einen New-Coup landen wollte, der aufgrund komplexer Berechnungsgrundlagen fehlschlug. Erspart geblieben wären dann vielleicht gewagte Vergleiche zu aktuellen Boxoffice-Zahlen, etwa zu "Tenet". Man kann es sich auch einfach machen: Hätte die Annahme von 260 oder 270 Mio. Dollar Umsatz auch nur annähernd gestimmt, hätte Disney dies als Aktiengesellschaft umgehend kommuniziert. Vielleicht.