Kino

KOMMENTAR: Viel besser als sein Ruf

Oskar Roehlers "Enfant Terrible" in der offiziellen Auswahl für Cannes, Julia von Heinz' neuer Film im Wettbewerb von Venedig und jetzt ein Emmy für Maria Schrader und ihre Miniserie "Unorthodox": Der deutsche Film und seine Macher sind viel besser als ihr Ruf. Und gleichzeitig steigen die Erwartungen an sie in der Coronakrise.

24.09.2020 07:34 • von Jochen Müller
Ulrich Höcherl, Chefredakteur (Bild: Blickpunkt:Film)

Oskar Roehlers Enfant Terrible" in der offiziellen Auswahl für Cannes, Julia von Heinz' neuer Film im Wettbewerb von Venedig und jetzt ein Emmy für Maria Schrader und ihre Miniserie Unorthodox": Der deutsche Film und seine Macher sind viel besser als ihr Ruf. Und gleichzeitig steigen die Erwartungen an sie in der Coronakrise. Ausgerechnet im Corona-Jahr erfährt der deutsche Film Anerkennung wie lange nicht. Nur alle paar Jahre kann sich Cannes-Festivalchef Thierry Frémaux für einen deutschen Film erwärmen. Roehlers Fassbinder-Film ist die Gnade widerfahren, und Cannes ist nicht das letzte Festival, das ihn auswählen wird. Gerade eröffnet er das Filmfest Hamburg. Auch Julia von Heinz' klug und rasant erzählter Film Und morgen die ganze Welt" über den Widerstand gegen die aufkommende Rechte ist nicht nur bestes politisches Kino, sondern war auch im Wettbewerb von Venedig willkommen. Gänzlich einzigartig ist es, dass eine deutsche Regisseurin mit einem Emmy (für die beste Regie bei einer Miniserie) ausgezeichnet wird. Die mitreißend und bis ins Detail glaubhaft erzählte Geschichte von der Bewusstwerdung einer jungen jüdischen Frau ist für Netflix entstanden und ganz großes Kino. Überhaupt beweisen viele deutsche Produzent*innnen und Regisseur*innen gerade bei den Streamern, was für ein Erzähltalent in ihnen steckt und wie gut ihre Geschichten weltweit ankommen, von Dark" bis "How to Sell Drugs Online (Fast)". Im deutschen Fernsehen behaupten sich die heimischen Geschichten längst im Wettbewerb mit den Serien Hollywoods. Wenn jetzt die dritte Staffel von Babylon Berlin" startet, zeigt sich auch wieder eindrucksvoll, auf welchem Niveau Serien und Mehrteiler entstehen, und wie sehr sie bei größter Ambition auch die Erwartungen des Publikums erfüllen.

Nur in heimischen Kinos tut sich der deutsche Film - mit illustren Ausnahmen natürlich! - immer noch oder wieder schwer, auch die Anerkennung des großen Publikums zu finden. Natürlich haben in der Krise gerade deutsche Filme bewiesen, dass sie die Filmfans trotz aller Einschränkungen begeistern können. Das perfekte Geheimnis", Nightlife" und Die Känguru-Chroniken" haben Stehvermögen bewiesen und in der größten Not Autokinos gefüllt. Trotzdem gibt es gerade beim jüngeren Publikum wieder tief sitzende Vorbehalte gegen den deutschen Förderfilm. Aber in dem Maße, in dem Hollywoodfilme nach Tenet" oder After Truth" eher spärlich und vorsichtig gestartet werden, steigen die Erwartungen an den deutschen Film. Der kann nun unbeirrt und unbeeindruckt von der Konkurrenz Hollywoods zeigen, was in ihm steckt. Die Kinos hungern nach neuen großen Publikumsfilmen, gerne auch deutscher Provenienz. Hoffen wir, dass die vielen guten deutschen Filme, die jetzt am Start sind und die, die noch gefördert werden, ihre historische Chance nutzen können.

Ulrich Höcherl, Chefredakteur