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Alexander Wrabetz: "Wir müssen Schritte nach vorne gehen"

Die digitale Weiterentwicklung des ORF hat oberste Priorität für Alexander Wrabetz. Der Generaldirektor des Senders setzt auf schnelles Handeln der Regierung, um die ausbremsenden Stolpersteine ein für allemal zu beseitigen.

24.09.2020 08:09 • von Barbara Schuster
Alexander Wrabetz steht seit 2007 als General­direktor an der Spitze des ORF (Bild: ORF)

Die digitale Weiterentwicklung des ORF hat oberste Priorität für Alexander Wrabetz. Der Generaldirektor des Senders setzt auf schnelles Handeln der Regierung, um die ausbremsenden Stolpersteine ein für allemal zu beseitigen.

Wir kommen nicht umhin beim aktuellsten Thema zu beginnen: Welche Spuren hat die Corona-Pandemie beim ORF hinterlassen?

Es war für uns, wie für alle Branchen, eine große Herausforderung. Insgesamt haben wir sie jedoch gut gemeistert: Wir haben den Sendebetrieb ohne größere Probleme aufrechterhalten, umfassende Sicherheitskonzepte implementiert, die auch funktioniert haben - bis heute. Zudem haben wir unsere Stärke, nämlich die Österreicherinnen und Österreicher über das zu informieren, was Corona-bedingt in der Welt geschieht, voll ausspielen können mit gesamt über 700 Sondersendungen in Fernsehen und Radio. Dieses Angebot wurde in einem unglaublichen Ausmaß genutzt, was an einem extrem starken Quotenzuwachs in den Monaten März/April/Mai ablesbar ist. Auch wenn sich diese Spitzenquoten mittlerweile etwas verflacht haben, hat das Quotenniveau beim ORF durch Corona insgesamt eine deutliche Anhebung erfahren. Eine glasklare Spiegelung des Vertrauens der Menschen in das Fernsehen als verlässliche Informationsquelle. Aber es ist nicht nur um Information gegangen - auch alle anderen Angebote aus den Bereichen Unterhaltung und Kultur des ORF sind verstärkt konsumiert worden.

Gab es denn auch eine Negativseite?

Anders als die öffentlich-rechtlichen Sender in Deutschland ist der ORF zu etwa einem Drittel werbefinanziert. Auf dieser Ebene haben wir natürlich massive Einbrüche hinnehmen müssen. Zwar zeichnet sich mittlerweile eine gewisse Stabilisierung ab, trotzdem: Die Coronakrise wird uns auf der Werbeseite viel Geld kosten. Dazu werden Einschnitte auch auf Gebührenseite kommen, wenn die Arbeitslosigkeit in Österreich hoch bleiben sollte. Denn unter einer gewissen Einkommensgrenze sind Menschen hierzulande den GIS-Gebühren befreit. Sollte die Arbeitslosigkeit in Österreich hoch bleiben, drohen uns auch von dieser Seite Einnahmenverluste.

Muss der ORF den Gürtel also enger schnallen?

Die oberste Priorität ist und bleibt die Aufrechterhaltung des Programms. Aber ums Sparen werden wir nicht herumkommen.

Noch einmal zurück zu Corona: Welches Sicherheitskonzept haben Sie für einen so großen Apparat wie den ORF aufgesetzt?

In der Coronazeit haben wir ein ganz anderes Arbeiten als gewohnt eingeführt und auch gelernt. Nach wie vor sind 50 Prozent der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter alternierend im Home Office. Wir arbeiten in getrennten Teams, so dass man einander so wenig wie möglich begegnet. Im Quarantänefall muss man ­somit nicht größere Bereiche stilllegen. Darüber hinaus haben wir verstärkt auf mobile Produktion umgestellt und zusätzliche digitale Arbeits- und Produktionsmethoden umgesetzt. Unsere Reporter arbeiten beispielsweise jetzt mehr von extern und müssen für die Bearbeitung ihrer Beiträge oft gar nicht mehr ins Büro kommen. So reduzieren wir die Kontakthäufigkeit.

Nun zum Stichwort Sparen: Welche Aufgabe rollt auf Sie zu? Gibt es Bereiche, die besonders betroffen sind?

Der ORF muss im nächsten Jahr 75 Millionen Euro einsparen beziehungsweise umschichten. Umschichten, weil sich bekanntermaßen große Sportereignisse wie die Olympischen Sommerspiele oder die Fußball-Europameisterschaft von 2020 auf 2021 verschoben haben. Das entlastet uns zwar dieses Jahr, bringt aber im kommenden Jahr doppelte Kosten. Zudem schlägt das angesprochene Werbeminus zu Buche. Die damit erzwungenen Sparmaßnahmen quer durch alle Bereiche werden, das gestehe ich, in der Geschichte des ORF sehr drastisch sein. Mir ist wichtig, dass alle Leistungsbereiche des ORF fürs Publikum erhalten bleiben - und ich bin überzeugt, dass uns das gelingt.

Droht der Rotstift auch dem Filmproduktionsvolumen?

Da kann ich Entwarnung geben: Am Filmproduktionsvolumen wird nichts geändert werden. Wir haben ein mit der österreichischen Filmwirtschaft vereinbartes Vergabevolumen von circa 100 Millionen Euro pro Jahr. Das werden wir sowohl dieses Jahr einhalten, trotz Corona, als auch im nächsten Jahr - ungeachtet der Sparmaßnahmen.

Das ist ein positives Commitment an die Produzenten, die Corona-bedingt nicht nur vor einem Versicherungsproblem standen, sondern auch durch die Sicherheitsmaßnahmen mit Mehrkosten beim Dreh konfrontiert werden. Wie unterstützt der ORF die österreichischen Produzenten?

Ein großes Augenmerk haben wir von Anfang an auf die Fortführung der laufenden Produktionen gelegt: Unter welchen Bedingungen können sie wie durchgeführt bzw. wieder aufgenommen werden? Unsere Überlegungen sind kein reiner Altruismus bzw. ein Rettungsring für die Produzenten - wir brauchen schlicht und ergreifend das Programm! Wäre es uns nicht gelungen, ab Ende Juni/Anfang Juli die Produktionen wieder ins Laufen zu bringen, hätten wir ab Januar nur noch Wiederholungen zeigen können. Und das ist sicher nicht im Sinne des Publikums. Darum haben wir gemeinsam mit den Produzenten einen Plan für sicheres Produzieren in Coronazeiten ausgearbeitet. Der Knackpunkt war der fehlende Versicherungsschutz im Falle eines erneuten Drehabbruchs durch einen Infektionsfall am Set. Oder noch schlimmer - der Fall eines zweiten Lockdowns. Hier hat sich der ORF - gemeinsam mit der gesamten Branche - bei der Bundesregierung stark gemacht für die Realisierung des nun geltenden Ausfallhaftungsmodells. Da waren dicke Bretter zu bohren, weil es diese Art von Ausfallfonds sowohl in Österreich als auch weltweit noch nie gegeben hat.

Die wichtigste Absicherung für die Gewährleistung von Content...

Absolut. Wir sind sogar selbst schon sehr nah dran gewesen, diesen Fonds in Anspruch zu nehmen. Kurz vor Drehstart der zweiten Staffel unserer historischen Krimireihe "Vienna Blood" ist Regisseur Robert Dornhelm an Corona erkrankt und somit ausgefallen. Keiner hat gewusst, ob vielleicht auch andere Mitglieder des Teams betroffen sind. Glücklicherweise können wir trotzdem mit der Produktion starten (Marvin Kren ist für Dornhelm einstweilen eingesprungen, Anm. d. Red.). Ein Stopp der Dreharbeiten hätte sicher ein paar Millionen gekostet. Das hätten weder die Produktionsfirma noch der ORF angesichts unserer wirtschaftlichen Situation stemmen können.

Wie sieht das Engagement des ORF hinsichtlich anfallender, Corona-bedingter Mehrkosten bei Dreharbeiten aus?

Da in Österreich das Ausfallrisiko nun komplett über die Regierung abgedeckt werden konnte, übernimmt der ORF bei Auftragsproduktionen einen relativ hohen Teil der für ein sicheres Produzieren anfallenden Mehrkosten. Diese sind vom Produzenten nachzuweisen und variieren je nach Projekt.

Blicken wir auf das in der jüngsten Vergangenheit hohe Wellen schlagende österreichische Regierungsgebilde. In Ihrer langen Laufbahn an der ORF-Spitze haben Sie schon einiges miterlebt. Neuer Koalitionspartner der ÖVP sind die Grünen. Das Anfang des Jahres veröffentlichte Medienkapitel im Regierungsprogramm bezieht auch Stellung zum ORF. Welche Bedeutung hat das für Sie?

Die jetzige Regierung steht dem ORF, dem öffentlich-rechtlichen Gedanken und Auftrag positiver gegenüber, als das bei der Regierung davor mit der FPÖ der Fall war. Da wurde eine sehr radikale ­Anti-ORF-Politik betrieben. Es ist als Fortschritt zu werten, wenn sich ein Regierungsprogramm zum öffentlich-rechtlichen Rundfunk bekennt samt staatsunabhängige Finanzierung über ein Gebührensystem. Und nicht, wie es die FPÖ anstrebte, über ein von der Politik bestimmtes Budget. Das ist der wichtigste Punkt für mich. Der zweite positive Aspekt im Medienkapitel ist, dass der Weiterentwicklung des ORF im digitalen Bereich der Weg geebnet werden soll. Das ist vor allem für unsere Vorhaben im Streamingbereich bzw. für unseren ORF-Player extrem wichtig. Aber natürlich beinhaltet das Regierungspro­gramm auch Punkte, bei denen es auf die Art und Weise ihrer Umsetzung ankommen wird. Etwa die Andeutung, dass die österreichischen Privatsender Zugriff auf das ORF-Archiv bekommen sollen. Das fordern die österreichischen Privaten ja schon seit längerem sehr lautstark. Die Regierung möchte die Entwicklung des österreichischen Medienmarkts durch eine intensive Zusammenarbeit des ORF mit den privaten Sendern, mit Online- und Printmedien forcieren. Ein grundsätzlich positiver Gedanke, zu dem wir uns immer offen bekannt haben. Allerdings kommt es am Ende darauf an, wie ein solches Gesetz ausgestaltet ist. Sind das Modelle, die eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe gewährleisten und dem hiesigen Medienmarkt tatsächlich dienen, bin ich sehr dafür.

Es wird an einem neuen ORF-Gesetz gearbeitet. Nach letztem Stand der Dinge soll es im zweiten Halbjahr des laufenden Jahres vorliegen. Sollen darin bereits genau die von Ihnen angesprochenen Themenfelder festgehalten sein?

Ein komplett neues ORF-Gesetz wird nicht angestrebt. Es wird wohl eine Novelle werden, die an den kritischen Punkten ansetzt, vor allem mit Blick auf den Digitalisierungsbereich. Dieser Aspekt ist auch zeitkritisch, weil sich der ORF sonst nicht weiterentwickeln kann. Aufgrund der Coronakrise ist der genaue Zeitablauf nicht ganz klar, Prioritäten und Termine verschieben sich immer wieder. Aber ich gehe davon aus, dass die neue Gesetzesnovelle Ende des ersten Halbjahres 2021 in Kraft treten könnte. Wann der erste Entwurf auf dem Tisch liegen wird, ist noch unsicher. Denn die politische Austarierung ist hier nicht einfach: Was wir im Digitalisierungsbereich wollen und brauchen, ist eigentlich klar. Schwieriger und kritischer ist die Frage nach den Begleitmaßnahmen, weil die Privatsender, Zeitungen oder Onlineportale Angst haben, dass der ORF zu stark werden könnte und nach Eingrenzungen und Beschränkungen rufen.

Die Wünsche im Digitalbereich seien klar. Was genau wünscht sich der ORF denn?

In Österreich haben wir die Sondersituation, dass unser orf.at bereits die größte österreichische Onlineplattform ist. Und unsere TVthek zur größten Videoplattform Österreichs gewachsen ist. Wir haben also unsere digitalen Hausaufgaben gemacht. Trotzdem müssen wir Schritte nach vorne gehen. Ich bin der festen Überzeugung, dass sich das Verhältnis von linearen Flow-Programmen, von klassischen Fernseh- und Radioprogrammen, drastisch hin zu plattformähnlichen Angeboten verschieben wird. Die möglichst rasche Realisierung unseres sogenannten ORF-Player ist mir deshalb ein großes Anliegen. Nur so können wir es schaffen, auf Augenhöhe mit den großen Streamern wie Netflix & Co zu funktionieren. Früher konnte man die Wichtigkeit eines Senders anhand der Reihung auf der klassischen Fernbedienung ablesen. Heute ist diese Fernbedienung der täglich zur Hand genommene Spiegel der neuen Realität. Kauft man sich heute ein Fernsehgerät, ist bereits ein eigener Knopf für Netflix oder Amazon vorinstalliert. Die klassische Broadcast-Welt kommt gar nicht mehr vor bzw. ist eben nur eine Nummer unter vielen. Am Homescreen der Smart-TVs tummeln sich eine Fülle vorinstallierter Apps, meist von internationalen Plattformen. Und da will ich hinein! Mein Ziel ist es, dass unsere ORF-Player-App automatisch bei allen Smart-TVs der österreichischen Haushalte voreingestellt ist und, wie unser ORF-Fernsehprogramm auch, auf Platz eins rangiert.

Was brauchen Sie dazu?

Für mich gibt es zwei wichtige Prinzipien. Zum ersten muss es ganz klar heißen: Online first! Momentan sind uns da noch die Hände gebunden. Laut Gesetz dürfen wir online nur etwas spielen, wenn es vorher schon im Fernsehen ausgestrahlt wurde. Anschließend ist die Verwendung in der Mediathek erlaubt, aber auch dann nur sieben Tage lang. Aber sowohl im Newsbereich wie auch im Fictionbereich sind die Menschen heute schon eine ganz andere Nutzung gewohnt, das Verhalten hat sich massiv verändert! Sie möchten ein wichtiges Statement des Kanzlers, wie sie es in Corona-Zeiten oft gab, sofort auch online sehen und nicht erst warten, bis wir es nach der TV-Ausstrahlung bringen dürfen. Das gilt auch für die Programmierung neuer eigenproduzierter Serien: Viele Zuschauer wollen nun einmal bingewatchen und nicht warten, bis sie es häppchenweise serviert bekommen. Darum führt an online first kein Weg vorbei. Unser zweites großes Ziel lautet: Online only. Was Video und Audio betrifft, dürfen wir nämlich nur Inhalte online ausspielen, die auch irgendwo im Fernsehen bzw. Radio gesendet wurden. Wenn wir aber die Vielfalt im Newsbereich, vor allem jedoch in neu zu entwickelnder Fiction betrachten, muss es uns erlaubt sein, eigene und zeitgemäße Erzählwege zu gehen, die dann wiederum vielleicht gar nicht mehr fürs Fernsehen unbedingt geeignet sind. Unser Archiv ist voll von Eigenproduktionen. Nur werden wir aufgrund der Sieben-Tage-Regel im Konkurrenzfeld mit Netflix & Co. nie einen riesigen Long Tail haben. Unsere Vielfalt und Reichhaltigkeit können wir nur zeigen, wenn diese Sieben-Tage-Beschränkung endlich fällt und wir im Wesentlichen frei sind, daraus unseren ORF-Player programmieren zu können.

Interessant ist, dass in Österreich für gestreamte ORF-Inhalte keine GIS-Gebühr fällig ist. Wollen Sie dieses Thema im Zuge des Aufbaus Ihres ORF-Players ebenfalls angehen?

Wir nennen diesen Fakt die Streaming-Lücke. Sie hat sich damals durch ein Urteil der höchsten Gerichtsinstanz in Österreich ergeben. Mit und ohne Player wird diese Lücke nach und nach ein immer deutlich spürbares Problem für uns. Wie gesagt - unsere Gebührenzahlerquote ist nach wie vor hoch, aber durch Corona ist nichts in Stein gemeißelt. Und je mehr wir streamen, nämlich 24 Stunden, rund um die Uhr, desto weniger Sinn macht dieses Urteil für uns. Wir arbeiten daran, diese Streaming-Lücke zu schließen. Ob das in Richtung Haushaltsabgabe geht wie in Deutschland, ob es geht in Richtung Streamingempfang = Fernsehempfang ergo GIS-pflichtig oder ob wir bestimmte Bereiche des Players hinter eine Registrierschranke setzen, wie es die BBC macht, ist noch offen. Aber dieses Thema, muss gelöst werden.

Der ORF-Player soll als eines der Prestigeprojekte des Unternehmens noch in Ihrer laufenden, mittlerweile dritten Amtsperiode an der ORF-Spitze lanciert werden. Gibt es schon ein Launch-Datum?

Wir arbeiten nach bestimmten Modulen, gehen schrittweise voran. Manche Elemente, die der ORF-Player umfassen soll, sind im derzeitigen Rechtsrahmen bereits möglich. So haben wir unsere Radiothek und Audiothek an den Start gebracht und werden zu Beginn des kommenden Jahres ein neues Newsportal präsentieren, samt interaktive TV-Begleit-App. Den Player insgesamt kann es erst geben, wenn wir die angesprochene Gesetzesänderung haben. Wenn sie, wie bereits gesagt, gegen Ende des ersten Halbjahrs 2021 rechtswirksam wird, launchen wir den ORF-Player irgendwann im zweiten Halbjahr.

In Österreich kursieren auch die Schlagworte Medienfonds bzw. Abgabe für internationale Streaminganbieter zur Förderung nationaler und europäischer Serien und Filme. Begrüßen Sie dieses Vorhaben der aktuellen Regierung?

Ich bin ein großer Fürsprecher dieser Art von Abgabe. Ich fordere diesen Medienfonds seit wenigstens drei oder vier Jahren. Denn es ist gut und wichtig, dass auch diese Unternehmen, die sehr viel Wertschöpfung aus unserem Land abziehen, zur Kasse gebeten werden. Wichtig ist, dass diese Abgabe aber nicht im allgemeinen Steuertopf verschwindet, sondern sie zweckgewidmet für Medienförderung verwendet wird.

Das Film/Fernseh-Förderabkommen zwischen ÖFI und ORF ist bis 2021 gesichert. Welche Bedeutung hat es für Sie?

Mit den Kinofilmen, die der ORF über dieses Abkommen mit unterstützt, haben wir alles gewonnen, was es gibt: Oscar, Goldener Palme, Goldener Löwe. Durch diese Einrichtung haben wir als Sender die Möglichkeit, neben etablierten Filmschaffenden wie Michael Haneke oder Ulrich Seidl auch den Nachwuchs zu begleiten und zu unterstützen. Dieses Abkommen halte ich für eine sehr gute Einrichtung. Neben ORF1 und ORF2, auf denen wir die großen, mainstreamigeren österreichischen Kinofilme programmieren, haben wir mit ORF III zusätzlich eine gute Abspielmöglichkeit für jene ÖFI-geförderten Filme geschaffen, die eher dem Arthouse-/Programmkinosektor zugeordnet sind. Sie erreichen hier auch ein wesentlich größeres Publikum als bei ihrer Kinoauswertung. Spannend wird natürlich, wie sich die Kinolandschaft allgemein verändert, vor allem nach dem Einschnitt durch die Corona-Pandemie. Es kommt auch schon in Österreich vor, dass Streamer in Filme investieren, teilweise mit uns. Damit steht verstärkt die Frage nach der neuen Reihenfolge der Ausstrahlungswege im Raum, da wird sich wohl etwas ändern. Es ist gut, dass wir gemeinsam mit dem ÖFI an einem Tisch sitzen und Entwicklungen gemeinsam beurteilen sowie die Fragen erörtern, wie wir künftig das Kreativpotenzial der Branche am besten zum Publikum bringen.

Die Devise "Online first" und die sich verändernde Zuschauerstruktur haben Sie bereits angesprochen. Wie wollen Sie den Spagat schaffen, ein junges Publikum für den Sender zu begeistern und gleichzeitig das angestammte Publikum, das auf lineares Fernsehen setzt, zu halten?

Das angestammte Publikum, von dem Sie sprechen, besteht in Österreich immerhin aus vier bis fünf Millionen Menschen. Daher wird das lineare Fernsehen erfreulicherweise noch lange ganz wichtig sein und will von uns ebenso lange bedient werden. Allerdings hat sich bei uns 2020 erstmals gezeigt, dass bei den unter 30-Jährigen die Streamingnutzung über der klassischen TV-Nutzung lag. Der scheidende BBC-Chef Tony Hall hat immer gesagt: "We have to ride two horses." Das ist teilweise richtig. Wir müssen unsere klassischen Fernsehkanäle stark und gut weiterentwickeln und halten, gleichzeitig aber in die digitale Entwicklung investieren. Wir können nicht wie manch andere Unternehmen sagen, dass wir aus unserem alten Geschäft aussteigen und nur noch auf das neue Pferd setzen. Das wäre fatal und falsch. Wie diese zwei Gleise finanziert werden, ist und bleibt aber die große Frage.

Haben Sie da schon eine Idee?

Wir haben dieses Jahr erstmals einen besonderen Weihnachts-Episodenfilm in Auftrag gegeben. Der kann einerseits als zehnteiliger Episodenfilm im Hauptabend des klassischen Fernsehens gezeigt werden, genau so gut können seine einzelnen Teile auch als Plattform-Module funktionieren auf unserem »Space« - wie wir provisorisch den Platz für unser fiktionales Angebot im ORF-Player bezeichnen. Nachdem wir nicht zwei Welten gleichzeitig entwickeln können, ist die Frage, wie man klassischen TV-Content so machen kann, dass er technisch und dramaturgisch für die Plattformwelt tauglicher wird. Das bedeutet auch neue Erzählformen im journalistischen Bereich. Seit 50 Jahren wissen wir, dass ein Fernsehinformationsbeitrag 1 Minute 30 Sekunden lang ist. Dafür wird seit jeher sehr viel Material produziert, das von vornherein ins Archiv wandert. Sehen Sie sich YouTube an - da sind die Formate auch im Infobereich länger und stecken nicht in diesem Zeitkorsett. Das Bedürfnis der Menschen steigt, mehr erklärt zu bekommen. Wenn wir nun die besten Journalistinnen und Journalisten des Landes im Einsatz haben, ist es doch denkbar, dass sie neben dem »Shorty« für "Zeit im Bild" auch einen sieben oder acht Minuten langen YouTube-artigen Erklärbeitrag parallel herstellen. Heute entstehen auch mit dem Smartphone großartige Reportagen. Das konnten wir während des Corona-Lockdowns erleben. Unsere Reporter sind ohne Kamerateam ausgerückt und haben alleine tolle Lebensweltreportagen aus Italien und anderen Ländern mitgebracht. Diese Art der Berichterstattung, die personell und finanziell stemmbar wäre, sollte dann das Newsportal unseres Players bereichern.

Das hört sich nach zwei Fliegen mit einer Kappe schlagen an...

Das wird sehr schwierig, da mache ich mir keine Illusionen. Wir haben in den letzten fünf Jahren fast 1000 Mitarbeiter abgebaut und jetzt teilweise sehr knappe Ressourcen in den Redaktionen. Das alles ist ein höchst komplexer Prozess. Für mich kommt es jetzt darauf an, herauszufinden, wie diese neuen Erzählformen funktionieren. Wir müssen einfach den Mut haben, neue Wege zu beschreiten. Wir sind es gewohnt, dass wir mit unserer Newsshow "Zeit im Bild 1" täglich 1,5 Millionen Menschen vor den Bildschirmen versammeln. Sind es an einem Tag einmal 200.000 Zuschauer weniger - vielleicht, weil ein Beitrag nicht soooo spannend war, kommt man gleich ins Grübeln. Die Welt des Streamings hat uns gelehrt, wie wichtig es ist, ein möglichst großes Angebot bereitzustellen. Und da weiß man, dass man zwar mit den einzelnen Formaten nicht sofort etliche hunderttausend Zuschauer anzieht - aber in der Summe des Angebots erreiche ich sehr wohl ein größeres Publikum. Darum hoffe ich sehr, dass wir die gesetzlichen Möglichkeiten bekommen, aus dem Trockentraining in die Realität übergehen zu können.

Welche Rolle spielt die ORF-TVthek mittlerweile, die unter Ihrer Führung aufgebaut wurde?

Die TVthek entwickelt sich außerordentlich gut. Corona hat hier extreme Zuwachsraten gebracht. Die TVthek wird logischerweise ein ganz wichtiger Teil des ORF-Player-Universums sein. Aber auch hier zeigen uns die Limitierungen durch die rechtlichen Beschränkungen, dass die TVthek ihre Aufgabe nicht erfüllen kann. Nur ein Beispiel: In der TVthek kann ich mir einen Überblick über die aktuellen Corona-Sendungen verschaffen. Was spricht dagegen, diesen Bereich mit den fünf besten Dokus über Viren aus unserem Archiv aufzuwerten, die wir zwar nicht aktuell senden, aber thematisch eine Bereicherung darstellen? Wir haben 400.000 Stunden Archivprogramme, die wir nicht einsetzen können!

Wie sieht es mit der Zusammenarbeit mit den öffentlich-rechtlichen Sendern in Deutschland aus?

Wir haben auf allen Ebenen eine ausgezeichnete und langjährige Zusammenarbeit. Das verzweigt sich von der Top­ebene, auf der ich mich mit den Intendanten über medienpolitische Themen austausche, über die Programmebene hinein in alle Bereiche. Trotz aller Schwierigkeiten halten wir das Koproduktionsvolumen auf einem sehr hohen Niveau. Mit dem ZDF haben wir uns zwar unlängst entschlossen, "SOKO Kitzbühel" nicht fortzusetzen, aber wir sind sehr zuversichtlich und auch schon in der konkreten Planung, sehr bald ein Nachfolgeprojekt bekannt geben zu können. Auch mit den ARD-Anstalten gibt es eine fruchtbare Zusammenarbeit.

Derzeit arbeiten Sie mit den Stiftungsräten an der ORF-Unternehmensstrategie bis 2025. Sicherlich gehören dort alle die von Ihnen angesprochenen Bereiche mit hinein. Haben wir etwas vergessen?

Als Generaldirektor muss ich mich fragen: Wo soll der ORF in fünf Jahren stehen? Ich glaube fest daran, dass es das klassische Flow-Programm mindestens noch zehn Jahre geben wird. Ich bin aber auch überzeugt, dass wir Mitte des nächsten Jahrzehnts in eine Art Hybridsituation kommen werden, in der es Übergänge in ein Plattform-Fernsehen gibt. Es ist mein Hauptziel, so viele Hybridteile aus dieser kommenden Plattformwelt wie möglich aufzubauen, um bei der jüngeren Bevölkerungshälfte relevant zu bleiben.

Dient dazu auch der im Bau befindliche neue Newsroom?

Auf dem Gelände des ORF entsteht derzeit in der Tat der modernste Newsroom Europas. Er wird Anfang 2022 in Betrieb gehen und soll erstmals TV, Radio und Online unter einem Dach vereinen. Die Vereinigung soll aber nicht nur räumlich stattfinden, sondern sich auch in neuen Workflows und Synergien widerspiegeln. Das Ziel ist besserer und zukunftsfähiger Journalismus. Wir wissen jetzt schon, dass wir zusätzliche Angebote bereitstellen müssen, aber nicht mehr Geld zur Verfügung haben werden.

Verraten Sie uns zum Schluss Ihre liebsten Eigenproduktionen?

Ich freue mich immer besonders, wenn sich Produktionen, von denen man ­anfangs nur eine Idee gehört hat, gut entwickeln. Das betrifft vor allem die großen fiktionalen Stoffe und Serien. Die schaue ich mir gerne an. Zudem sind wir sehr stark im Bereich Dokumentation. Ich habe vor allem eine Vorliebe für historische Beiträge, die unbearbeitete ­Kapitel der Zeitgeschichte aufarbeiten und dadurch auch etwas bewegen. Mehr sage ich jetzt lieber nicht, sondern ­lediglich: Alle anderen ORF-Produktionen mag ich auch!

Das Gespräch führte Barbara Schuster